Wieder werden nur Radsportler genannt

Auch Biathleten und Langläufer Kunden der Wiener Blutbank

15.01.2008  |  Hamburg (dpa) - Auf den deutschen Sport kommt möglicherweise ein neuer Doping-Skandal noch unabsehbaren Ausmaßes zu. Nach bisher nicht konkretisierten Informationen der ARD sollen insgesamt 30 Sportler Kunden bei einer Wiener Blutbank gewesen sein.

Rund zwei Drittel der Athleten, die illegal Blut-Transfusionen vorgenommen haben sollen, stammen angeblich aus Deutschland. Laut ARD handele es sich «um Biathleten und Skilangläufer, die zumindest zum Teil zur Weltspitze gehören».

Der Deutsche Ski-Verband (DSV) tappt im Dunklen: «Wir haben keinerlei Anhaltspunkte und keinerlei Namen oder sonstige Hinweise, denen wir nachgehen könnten», sagte DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach. Man bemühe sich mit Nachdruck um weitere Informationen. «Das ist ein ähnlicher Stand, wie in der vergangenen Woche. Es war ja angekündigt worden, dass Ross und Reiter genannt werden. Solange das nicht der Fall ist, kann ich mich schlecht dazu äußern. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass von unserer Mannschaft jemand dabei ist», sagte Biathlon-Bundestrainer Uwe Müssiggang der Deutschen Presse-Agentur dpa. Sein Männer-Kollege Frank Ullrich pflichtete ihm bei: «Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Für meine Truppe hier lege ich die Hand ins Feuer.»

Michael Vesper, Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), zeigte sich hingegen besorgt: «Diese Meldung ist beunruhigend. Aber wir wissen nicht genau, ob sie zutrifft. Wir haben uns bei den österreichischen Behörden erkundigt, ob jemand und - wenn ja - wer aus Deutschland daran beteiligt ist und haben unsere Hilfe zur Aufklärung angeboten.»

Auch der Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer fürchtet erhebliche Folgen, falls die Informationen zutreffen: «Das wäre sicherlich ein weiterer Tiefschlag für den deutschen Sport.» Er erkannte Parallelen zum Fall des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes, bei dem viele Radsportler Kunden gewesen sein sollen: «Gerade im Ausdauerbereich macht Eigenblutdoping Sinn. Jetzt müssen die entsprechenden Daten auf den Tisch.» «Damit würde der Wintersport den Radsport überholen. Auf einen Schlag zwanzig, das ist schon viel», stellte der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel fest.

Namentlich als Kunden nannte die ARD aber nur Radprofis. Unter anderem sollen Michael Rasmussen (Dänemark), der von der Tour de France ausgeschlossen worden war und ohnehin einer Doping-Sperre entgegensieht, Michael Boogerd (Niederlande) und der zweifache Vuelta-Gewinner Denis Mentschow (Russland) in dem Labor Blutdoping vorgenommen haben. Nach Informationen der Wiener Zeitung «Kurier» ermittelt das Innenministerium des Landes in dieser Affäre, in die auch der Ex-Gerolsteiner Georg Totschnig verwickelt sein könnte. «Ich war nie dort, und ich weiß auch nicht, woher solche Vorwürfe kommen», sagte der 36 Jahre alte ehemalige Profi der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Das Innenministerium in Wien wollte die Meldung der ARD nicht kommentieren.

Weltklasse-Biathletin Martina Glagow hatte schon am Wochenende beim Weltcup in Ruhpolding alle Spekulationen um Verbindungen zu der Blutbank in Wien zurückgewiesen: «Ich kenne keine Blutbank in Wien und kann für mich die Hand ins Feuer legen, dass ich mit denen keinen Kontakt hatte.» Teamkollegin Andrea Henkel reagierte am Wochenende auf Fragen so: «Ich war einmal in Wien, 2003 für drei Tage Urlaub.»

Unabhängig von den ARD-Informationen hatte die Nationale-Anti-Doping-Agentur NADA in das Mannschaftshotel der deutschen Biathleten in Antholz Doping-Kontrolleure geschickt, um je vier deutsche Männer und Frauen zu testen. «Damit hab` ich überhaupt kein Problem. Ganz im Gegenteil: Je öfter, je besser», sagte der dreimalige Olympiasieger Michael Greis über den unangekündigten Besuch.

Der Kanadier Richard Pound, ausgeschiedener Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, hatte auf die illegalen Praktiken in der österreichischen Hauptstadt hingewiesen. Nach Informationen des «Kurier» hatte Pound im vergangenen November in einem Schreiben an den für Sport zuständigen Wiener Staatssekretär Reinhold Lopatka erklärt, es bestünden «gute Gründe», dass die Firma «teilweise Athleten beim Blutdoping unterstützt haben soll».

Nach Angaben der Zeitung bestreitet das Unternehmen, Sportlern zu verbotener Leistungssteigerung verholfen zu haben. Ein Firmen- Sprecher hatte erklärt, sein Unternehmen habe für Plasmawäsche gar nicht die nötigen Geräte. «Blutdoping ist hier nicht erfüllbar», wurde Labor-Geschäftsführer Lothar Baumgartner zitiert. «Das ist absurd. Sie haben hervorragende Bedingungen, bessere und saubere als in der Waschküche bei Fuentes oder in der Uni-Klinik in Freiburg», widersprach Sörgel. Diese Aussagen würden sehr verdächtig klingen.

Pound hatte offenbar auf Berichte der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» reagiert, die am 22. November 2007 über angebliche Doping- Machenschaften in Wien berichtet hatte. Laut «Kurier» tauchten in Berichten Namen von Sportlern auf, die sich in der Blutbank angeblich regelmäßig - laut «Kurier» außerhalb der normalen Dienstzeiten am Sonntagmorgen - «aufgefrischt» hätten.

Der Kärntner Richter Arnold Riebenbauer, der nach der österreichischen Doping-Affäre bei den Olympischen Winterspielen von Turin vom Österreichischen Skiverband mit einer unabhängigen Untersuchung beauftragt worden war, widersprach der Darstellung des Labors, für illegale Bluttransfusionen nicht ausgerüstet zu sein. Seinen Angaben zufolge «bekamen (wir) schriftliche Informationen des Instituts, die anderes nahe legen». Im Zusammenhang mit der Turiner Affäre waren 2007 mehrere österreichische Skiläufer in den nordischen Disziplinen mit einer lebenslangen Olympia-Sperre belegt worden.

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