Interview mit Toursieger Carlos Sastre

"Ich will bei Cervelo etwas Neues aufbauen"


Carlos Sastre (Cervelo TestTeam) nach seinem Toursieg.

Foto: ROTH

22.01.2009  |  (sid) - Angesichts neuer Dopingenthüllungen ging im Vorjahr der Tour de France-Sieg von Carlos Sastre fast unter. In der neuen Saison geht der Spanier für den neu gegründeten Schweizer Rennstall Cervelo TestTeam an den Start. Nach eigenen Aussagen legt das Team mehr Wert auf die Materialentwicklung und sauberen Sport legt als auf Siege. Der Sport-Informations-Dienst (sid) sprach mit dem 33-jährigen Sastre über die Teamphilosophie, den Anti-Dopingkampf und das Comeback von Lance Armstrong.

Es ist ungewöhnlich, dass ein amtierender Toursieger zu einem ganz neuen Team geht. Was war der Grund für Ihren Wechsel von CSC zu Cervelo?

Sastre: Ich hatte viele Freunde bei CSC, aber ich musste eine Entscheidung treffen, die gut für mich ist. Mir war vor der Tour de France klar, dass dies mein letztes Jahr bei CSC sein würde. Nach der Tour haben mir die Verantwortlichen von Cervelo ihr Projekt vorgestellt. Es hat mir auf Anhieb gefallen. Ich habe mein Ziel, die Tour zu gewinnen, erreicht. Hier habe ich die Möglichkeit, auf einem neuen Weg etwas aufzubauen.

Wie haben Sie sich eingelebt?

Sastre: Richtig gut. Es herrscht eine tolle Atmosphäre im Team. Jeder arbeitet hart daran, dieses Team aufzubauen. Es gibt viele gute Fahrer. Die Basis ist gelegt, nun müssen wir das auf die Straße übertragen. Alle arbeiten in die richtige Richtung.

Das Cervelo-TestTeam will einen neuen Weg einschlagen. Was halten Sie davon, dass nicht der Erfolg im Vordergrund steht sondern vielmehr die Materialtests?

Sastre: Wir haben alle zusammen die Möglichkeit, Innovationen herbeizuführen und das Material weiterzuentwickeln. Erfolg ist wichtig, aber nicht entscheidend. Trotzdem sind wir Athleten natürlich motiviert und wollen Erfolg. Wir können im Wettkampf erfolgreich sein und abseits dessen, das Material verbessern.

Ist es gut für den Radsport, dass Lance Armstrong zurückgekommen ist?

Sastre: Alles spricht über Lance. Wenn Lance als Fahrer zurückkommt, wird auch mehr über Radsport berichtet. Das ist wichtig.

Bei Ihnen hält sich der Rummel in Grenzen. Ärgert es Sie, dass Lance Armstrong oder auch Alberto Contador mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit genießen?

Sastre: Das ist mir egal. Ich konzentriere mich auf das Team und auf mich selbst. Ich genieße mein Leben.

Was sind Ihre Ziele für diese Saison?

Sastre: Wir haben viele Ziele. Aktuell ist es, eine Grundlage zu schaffen und hart an diesem Projekt zu arbeiten. Später ist mein erstes großes Ziel der Giro d'Italia. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf der Tour de France. Das ist eine spezielle Situation, da wir mit dem Gelben Trikot an den Start gehen. Ob wir die Tour gewinnen können, weiß ich nicht. Ich sehe bei vielen meiner Kollegen, die im letzten Jahr bei ihren Teams noch unglücklich waren, große Motivation in den Augen. Das bedeutet mir sehr viel. Im Herbst habe ich mir dann einiges für die WM in Mendrisio vorgenommen.

Was hat sich im Leben von Carlos Sastre seit dem Toursieg geändert?

Sastre: Um mich herum hat sich nicht so viel geändert. Ich habe nach wie vor zwei Kinder und eine Frau. Ich bin immer noch der Gleiche und bevorzuge die Ruhe. Ich trainiere hart und gebe mein Bestes.

Wie ernst wird der Anti-Dopingkampf genommen?

Sastre: In unserer Mannschaft ist keiner je in einen Skandal verwickelt gewesen. Unsere Philosophie ist es, ehrlich zu uns selbst und zum Sport zu sein. Wir wollen sauberen Sport, weil wir den Radsport lieben. Das ist wichtig für uns und unseren Sponsor.

In letzter Zeit ist Spanien hinsichtlich des Anti-Doping-Kampfes in die Kritik geraten. Ist das gerechtfertigt?

Sastre: Ich kann nicht beurteilen, ob Spanien verglichen mit anderen Ländern nicht genug macht. Seit zehn Jahren wird über Doping geredet, getan hat aber keiner was. Es haben in Spanien Fahrer gedopt und dafür bezahlt, genauso wie in Deutschland auch. Wichtig ist doch, dass die UCI, die WADA und die NADA zusammen gegen Doping kämpfen und nicht nur darüber sprechen. Man muss die Mentalität ändern und die Fahrer richtig testen.

In Spanien soll der Fall Fuentes neu aufgerollt werden. Begrüßen Sie die Entscheidung?

Sastre: Wenn einer einen Fehler gemacht hat, soll er dafür bezahlen, und dann sollte man den Fall abschließen. Den Fuentes-Skandal aber immer wieder neu aufzurollen, bringt doch keinem etwas.

Sie engagieren sich für viele soziale Projekte. Hat das einen speziellen Hintergrund?

Sastre: Ich war nie an Krebs, Diabetes oder Sonstigem erkrankt, aber wir haben alle eine Verantwortung. Gerade kranke Kinder brauchen Hilfe. Ich kann mit meinem Namen vielleicht ein paar Türen öffnen. Manchmal reicht es auch, einfach nur ein paar Stunden ins Krankenhaus zu gehen, den Kindern die Hand zu halten, sodass sie vielleicht für kurze Zeit ihre Krankheit vergessen. Aber viel zu oft denken wir nur an uns selbst.

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