Profi-Radsport

LeMond als Ullrich-Vorbild in Italien - Pantani will «Rache»

16.05.2001 -

Pescara (dpa) - Jan Ullrich kommt mit ein wenig Speck um die Hüften, Marco Pantani mit Wut im Bauch. Der in Pescara beginnende 84. Giro d`Italia, der nach 3577 Km am 10. Juni in Mailand endet, wird jedem gerecht.

Olympiasieger Ullrich will seine Giro-Premiere zum Tour de France-Training nutzen, Pantani will Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc zeigen, dass seine Aussperrung von der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt ein gravierender Fehler war. Für einen spektakulären «Rachefeldzug» müsste der immer noch beliebteste italienische Radprofi aber einmal mehr ein sportliches Wunder vollbringen.

In der Vorbereitung fuhr Pantani, 1998 Giro-Gewinner und im Jahr darauf wegen Doping-Verdachts im Rosa Trikot aus dem Rennen genommen, in dieser Saison noch kein Rennen zu Ende. Aber dem Glatzkopf, immer noch in zwei Doping-Prozesse vor ordentlichen Gerichten verwickelt, ist alles zuzutrauen - auch ein zweiter Sieg auf seinem Giro-Konto. Ullrich will ihn daran nicht hindern: «Es wird kein Duell geben - egal mit wem. Ich bin beim Giro, um mich auf die Tour vorzubereiten. Das Klassement interessiert mich nicht». Der Telekom-Kapitän kann mit dieser ständig wiederkehrenden Aussage schon deshalb kaum tiefstaplerisch wirken, weil seine augenblickliche Form tatsächlich keine Überraschungen zulassen dürfte.

Darauf muss Pantani - wie im Vorjahr - vertrauen. Weltranglisten-Spitzenreiter Francesco Casagrande, beim Giro 2000 unglücklicher Zweiter, sein Vorjahres-Bezwinger und frühere Team-Kollege Pantanis, Stefano Garzelli, Gilberto Simoni und Paolo Savoldelli gelten als seine großen Widersacher. Neben diesen italienischen Favoriten und Ullrich komplettieren Ex-Weltmeister Abraham Olano (Spanien) und der Giro-Gewinner von 1996, Pawel Tonkow (Russland), die Top-Besetzung des Rennens, das im Vergleich zu den Vorjahren entschärft wurde. Nach dem Prolog in Pescara über 7,6 Km gibt es nur ein Zeitfahren über 55,5 Km am Gardasee (15. Etappe) und drei Bergankünfte (4.,13. und 18. Etappe).

Neben dem Kampf um das «Maglia Rosa» stehen ähnlich wie in der ersten Tour-Woche die heißen Auseinandersetzungen der Sprinter im Mittelpunkt. Aus deutscher Sicht ist dabei besonders interessant, ob Danilo Hondo den Italiener Mario Cipollini, der wie Pantani die Rote Karte für die Tour bekam, gefährden kann. Bei der Giro-Generalprobe, der Tour de Romandie, zog der Cottbuser, der im Team Telekom zum zweiten Top-Sprinter nach Erik Zabel aufgebaut werden soll, auf der letzten Etappe den Kürzeren gegen «Super-Mario». Aber Hondo ließ Potenzial aufblitzen.

Das Telekom-Team ist zum ersten Mal seit 1995 wieder Giro-Gast. Bäume rissen die Bonner dort - abgesehen von Udo Bölts` Sieg auf der Königsetappe 1992 - nie aus. Kapitän Ullrich wird sich bei seinem Debüt eher an dem dreimaligen Tour-Sieger Greg LeMond (USA) orientieren, als an dem fünfmaligen Tour-Triumphator Miguel Indurain. Der geniale Spanier schaffte 1992 und 93 das Double Giro/Tour, was zuletzt Pantani 1998 fertig brachte. LeMond fuhr 1989 mit großem Trainings-Rückstand der Konkurrenz durch Italien nur hinterher, um einen Monat später die Tour zum zweiten Mal zu gewinnen.

An seinen zweiten Triumph in Frankreich nach 1997 hängt auch Ullrich, in Italien als «Il Kaiser» begrüßt, alle seine Hoffnungen. Das Rosa Trikot würde sich in seinem Trophäen-Schrank nach den Gelben der Tour und Vuelta (1999) zwar gut machen, aber «diesmal ist daran nicht zu denken. Vielleicht später einmal», sagte der 27-Jährige vor der Abfahrt nach Pescara. 1984 machte Dietrich Thurau beim Giro als letzter Deutscher mit Rang fünf Furore. Damals gab es keine Doping-Kontrollen.

Live-Ticker