Durch Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina

Middle East Peace Tour verbindet Krisenregionen für den Frieden

Von Tom Mustroph


Die Middle East Peace Tour will für den Frieden werben. | Foto: Tom Mustroph

26.04.2017  |  (rsn) - Gerhard Schönbacher, einstiger Träger der Laterne rouge bei der Tour de France, organisiert die Middle East Peace Tour, ein 7-Etappen-Rennen für Profis und Amateure durch die Krisenregion des Nahen Ostens. Ein umwerfendes Unterfangen, das gegenwärtig mit einem Pre-Event die eigene Machbarkeit auslotet.

Welch ein Kulisse für ein Radrennen. Vor den steinernen Rängen des Halbrunds des römischen Amphitheaters in Amman drehen knapp zwei Dutzend Radsportler ihre Runden. Sie sind die Vorhut für die Middle East Peace Tour. Im März 2018 soll das Rennen hier starten und über eine Gesamtstrecke von 681 Kilometer durch Jordanien, Ägypten, Israel und Palästina führen und schließlich in Jerusalem enden.

Schönbacher, der Initiator des Ganzen, stapft beglückt durch das Areal. Er stellt sich vor, wie hier in elf Monaten die erhofften 500 Teilnehmer des Rennens ihre Räder richten, Material und Verpflegung prüfen und sich auf den Start vorbereiten. "Das Einschreiben könnte man ja sogar auf der alten Bühne des Amphitheaters veranstalten", schwärmt er und breitet die Arme aus. 6.000 Plätze fasst die Arena der alten Römer. Bei so einer Infrastruktur für einen Grand Départ würde wohl selbst Tour de France-Direktor Christian Prudhomme mit der Zunge schnalzen.

Über den Sport den Friedensgedanken stärken
Die Middle East Peace Tour will aber noch mehr als nur Radsport. Sie will über den gemeinsamen Sport den Friedensgedanken stärken. "Erreichen möchte ich, dass durch das Rennen der Gedanke des Friedens transportiert wird. Meines Wissens hat es noch nie ein Sport-Event gegeben, das dem Frieden gewidmet war. Ich weiß selbst nicht warum, denn Sport ist eine starke Stimme in der Welt. Und wenn man alle Mitglieder von Sportverbänden weltweit zusammenzählt, hätte man etliche hundert Millionen, die dann aufstehen und sich für den Frieden stark machen würden. Das war der Hintergedanke von uns", erzählt Schönbacher radsport-news.com an der Bühnenrampe des Amphitheaters.

Natürlich, es gab einst schon die Friedensfahrt, die sogenannte Tour de France des Ostens, die durch die DDR, Polen und die CSSR führte. "Ich weiß, ich habe selbst ja daran teilgenommen. Aber als das Rennen stattfand, da herrschte doch Frieden zwischen den Ausrichterländern", bemerkt er zu Recht. Die Middle East Peace Tour wäre das erste Etappenrennen, das tatsächlich einen Beitrag zu einem Friedensprozess leisten könnte.

Es bettet sich in der Region sogar in ähnliche Grenzen überschreitende Sportaktivitäten ein. In Jerusalem gibt es die Gruppe der "Runners without Borders" - arabische und jüdische Langstreckenläufer, die gemeinsam Marathonstrecken laufen. Es gab auch schon das Durchschwimmen des Toten Meeres zwischen Jordanien und Israel. "Aber dabei wurde kein Grenzübergang passiert. Die Teilnehmer sind von Israel aus mit Booten ins Wasser gebracht worden, haben so die Linie überquert und sind dann ans israelische Ufer geschwommen", erzählt Ido Eindor radsport-news.

Erfolgreiche Überzeugungsarbeit von Österreich aus
Eindor, ebenfalls ein ehemaliger Radsportler und nach einer Karriere im IT-Bereich in Israel jetzt UCI-Kommissär, ist die zweite Gründerfigur der Middle East Peace Tour. "Der Gedanke, ein Friedensrennen zu veranstalten, kam vor einigen Jahren erstmals auf Zypern auf. Ein Rennveranstalter dort fragte mich, wie es wäre, in Zypern zu beginnen, dann mit dem Schiff nach Israel zu fahren und dort die Etappenfahrt fortzusetzen. Es blieb aber nur bei dieser Gedankenspielerei. Erst als ich Gerhard Schönbacher bei seiner Alpentour Trophy davon erzählte, und er von der Idee begeistert war, nahm die Sache Form an", sagt Eindor.

Vier Jahre arbeiten die beiden mittlerweile an dem Projekt. Sie gewannen den jordanischen Radsportverband, den israelischen, den palästinenischen und den ägyptischen. Ein ganzes Stück Überzeugungsarbeit bedeutete das schon. Aber zwei Schlüsselmomente hat Schönbacher ausgemacht: "Das Rennen wird ja von Österreich aus organisiert. Alle vier Teilnehmerverbände haben das gleiche Gewicht, niemand wird bevorzugt. Bei den Gesprächen, die wir in den letzten vier Jahren geführt haben, hat sich auch herauskristallisiert, dass sich die Länder für das Projekt interessieren, weil man damit andere Geschichten über die Region erzählen kann, so dass sie anders in den Medien erscheinen als nur als Krisenregion. Und auch die Leute in den Tourismusministerien merken, dass das eine große Chance ist, ein anderes Image aufzubauen."

Keine Politik, lautet die Zauberformel
Jetzt beim Pre-Event spürt man die Bereitschaft. Zum Auftakt in Amman kamen die Trainingsgruppen des jordanischen Radsportverbands. Auch Mädchen waren darunter. "Ich mache seit etwa einem Jahr Radsport. Ich trainiere jeden Tag. Es macht mir großen Spaß, es ist meine Leidenschaft. Und ich will eines Tages bei Olympia starten", erzählt die 14jährige Haya radsport-news.com. Die Middle East Peace Tour hat sie als Karriereschritt gleich mal übersprungen und nimmt sich sofort die Olympischen Spiele in den Blick.

Bedächtiger geht Saif Al Abed vor. Der 17-Jährige trainiert seit drei, vier Jahren. Acht Siege und mehr als ein Dutzend Plaketten hat er schon gewonnen. "Der letzte Sieg war am vergangenen Freitag", erzählt er stolz. An der Middle East Peace Tour würde er schon gern teilnehmen, verrät er.

Dass das für Jordanier aufgrund der tiefsitzenden Vorurteile der Bevölkerung gegenüber Israel nicht ganz einfach wird, vermutet Anton. Der 24-Jährige, vor acht Jahren aus der Ukraine nach Jordanien gekommen, arbeitet seit sieben Jahren in Ammans führendem Radladen. Besitzer ist der Trainer des Verbands. "Für Ausländer, für Leute aus Europa oder Nordamerika, ist so ein Etappenrennen durch Jordanien, Ägypten, Palästina und Israel sicher sehr reizvoll. Ich finde die Idee auch klasse und schaue mal, ob ich es nächstes Jahr schaffe. Aber die Jordanier hier könnten Druck von ihrem Umfeld, ihrer Familien, ihren Freunden bekommen, die es alle nicht gern sehen, dass man überhaupt nach Israel geht", gibt er zu bedenken. Fragt man den Verbandschef, Jamal al-Faouri, dann ist das alles aber "No problem. Das ist Sport, und Sport macht man gemeinsam", fügt er hinzu. Die Politik solle man da draußen lassen, empfiehlt er noch. Nur Sport und Frieden, keine Politik, lautet die Zauberformel.

"Jeder Mensch will doch nur ein gutes Leben haben"
Sport, Frieden und Logistik, muss man sagen. Denn um letzteres zu testen, wird der Pre-Event auch durchgeführt. Zweites Etappenziel nach Amman war Petra, die antike Ausgrabungsstätte. Paläste von seltener Schönheit sind hier in vorrömischer Zeit in rötlichen Sandstein gehauen - der Hotspot des jordanischen Tourismus. Der Chef der Anlage, Emad Hijazeen, ist bei Ankunft des knappen Dutzend Testfahrers auch gleich im Zielbereich. "Das Rennen ist eine wunderschöne Sache für uns. Wir brauchen den Tourismus wirtschaftlich in der Region. Tourismus bringt aber auch Menschen zusammen. Und der Sport auch. Ich freue mich also darüber, wenn das Rennen bei uns Station macht", sagt er - und wird dabei begeistert umwedelt von Fahnen schwingenden Schülern, die von Radsport begeisterten Lehrern ebenfalls zum Ziel gebracht wurden.

Die Idee stößt auf Resonanz. Selbst eine Profifahrerin, die Niederländerin Annemiek van Vleuten, hat sich dem Tross angeschlossen. "Es ist eine schöne Sache, eine Ablenkung. Bei meinem Team waren sie zwar anfangs etwas skeptisch, aber sie haben mich gehen lassen", sagt die Fahrerin des australischen Orica-Scott-Rennstalls. Den Zustand der Straßen in Jordanien findet van Vleuten "in Ordnung“. Probleme mit dem normalen Straßenverkehr hatten weder sie noch die anderen Teilnehmer. Beim Rennen selbst werden die jeweiligen Polizeieinheiten für Straßensperrung sorgen. "Wir haben die Zusage der vier Innenministerien", versichert Schönbacher. Das ist bereits ein erster Come Together-Effekt in der Region. Wann arbeiten die Innenministerien Jordaniens, Israel, Palästinas und Ägypten schon einmal zusammen?

Kilometer für Kilometer sorgt auch schon der Pre-Event für eine Realität der Gemeinsamkeiten. Israelis wie Ido Eindor sitzen mit Jordaniern wie Saif Al Abed auf dem Rad. Themen wie das Material, die Verpflegung, die Strecke bestimmen die Unterhaltung. Der Wunsch nach Frieden aber auch. "Jeder Mensch will doch nur ein gutes Leben haben, ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen, einen Job", sagen in fast genau den gleichen Worten der jordanische Radsportfunktionär al-Faouri und der israelische UCI-Kommissär Eindor. Dass das mal gemeinsam gesagt werden konnte, ist bereits ein Ergebnis der Vorbereitung dieses Rennens.

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