RSN-Rangliste, Platz 1: André Greipel

Oft knapp geschlagen, aber am Jahresende ganz vorn

Von Christoph Adamietz

Foto zu dem Text "Oft knapp geschlagen, aber am Jahresende ganz vorn"
André Greipel bei der Übergabe des rsn-Preises “Fahrer des Jahres“, im Lotto-Soudal-Trainingslager auf Mallorca. | Foto: photoNews.be

18.12.2017  |  (rsn) - André Greipel ist der Gewinner der Radsport-News-Rangliste 2017. Der Hürther verwies John Degenkolb knapp auf Platz zwei. Dafür erhält Greipel als erster die neugeschaffene Trophäe als unser "Fahrer des Jahres". Die Skulptur, die wir von nun an jedes Jahr verleihen wollen, hat die Kunstgießerei Strassacker aus Süßen geschaffen.

Mit fünf Saisonsiegen blieb André Greipel (Lotto Soudal) zwar deutlich hinter seiner Ausbeute aus den vergangenen Jahren zurück. Auch der obligatorische Etappenerfolg bei der Tour de France wollte nicht glücken. Da aber keiner seiner Konkurrenten übers Jahr gesehen so viele Spitzenergebnisse einfuhr, gehört ihm das oberste Treppchen in unserer Rangliste (siehe hier).

"Im Großen und Ganzen war es eine ziemlich konstante Saison mit leider nicht so vielen Siegen wie die Jahre zuvor", hätte sich Greipel den ein oder anderen Sieg mehr gewünscht.

Dabei deutete in der ersten Saisonhälfte nichts darauf hin, dass der dreimalige Deutsche Meister so wenige Siege sammeln würde wie seit 2007 nicht mehr. Damals hatte er in seiner zweiten Profisaison nur zweimal Grund zum Jubeln. Gleich zum Saisoneinstieg gewann Greipel im Rahmen der Mallorca Challenge die Trofeo Porreres (1.1) auf Mallorca und ließ dem Sieg drei Tage später bei der Trofeo Palma (1.1) noch einen vierten Rang folgen. Mitte Februar entschied er in Tavira die 4. Etappe der Algarve-Rundfahrt (2.HC) zu seinen Gunsten, und auch bei Paris-Nizza im März blieb Greipel im Plan, als er am Ende der 5. Etappe in Bourg-de-Péage der Sprintstärkste war.

Danach standen die Frühjahrsklassiker in Greipels Programm: Mit Rang 20 bei der Flandern-Rundfahrt und als Siebter bei Paris-Roubaix fuhr er so gute Ergebnisse ein wie nie zuvor in seiner Karriere. Und auch der Giro d`Italia ließ sich gut an. Nach Platz drei zum Auftakt in Olbia entschied Greipel nicht nur das zweite Teilstück in Tortoli für sich, sondern eroberte mit seinem siebten Tagessieg bei einer Italien-Rundfahrt auch erstmals in seiner Karriere das Führungstrikot einer GrandTour. "Der Giro d`Italia mit dem damit verbundenen Rosa Trikot war ein Highlight. Als Sprinter passiert es nicht so häufig, eine dreiwöchige Landesrundfahrt anzuführen", so Greipel, der allerdings tags darauf durch einen "Faststurz auf der Windkante" das Maglia Rosa wieder los war. "Wir waren nur noch mit acht Mann vorne und das Trikot so gut wie verteidigt. Ein Stachel, der immer noch tief sitzt", so Greipel, der nach dem Malheur im Finale aus der Spitzengruppe herausgefallen war und in Cagliari beim Sieg von Fernando Gaviria (Quick-Step Floors) Zehnter wurde.

Auch zu einem erhofften zweiten Etappensieg reichte es nicht, so dass Greipel nach dem 13. Teilstück den Giro verließ - auch, um sich mit Blick auf die Tour de France die nötige kurze Rennpause zu verschaffen. Nach Einsätzen bei Rund um Köln - beim Heimspiel wurde er allerdings nur 80. - und der Premiere der Hammer Sportzone Limburg nutzte Greipel im Juni die ZLM Toer, um sich für die Frankreich-Rundfahrt in Form zu bringen. Auch wenn er sieglos blieb, machten doch ein zweiter und ein dritter Etappenrang Mut für die 104. Tour de France. Der Wunsch, zum vierten Mal eine Frankreich-Rundfahrt im Trikot des Deutschen Meisters in Angriff zu nehmen erfüllte sich nicht, da der Titelverteidiger im Straßenrennen von Chemnitz sich diesmal mit Rang 18 zufrieden geben musste.

Die Hoffnung, bei der Frankreich-Rundfahrt seinen bisher elf Etappensiegen - wobei Greipel seit seinem Debüt 2011 in jedem Jahr mindestens einer gelungen war - einen weiteren hinzuzufügen, erfüllte sich allerdings nicht. Nach verheißungsvollem Beginn mit drei dritten Etappenplätzen in der ersten Woche lief danach nicht mehr viel zusammen. Es blieb dann noch die Schlussetappe, um - wie im vergangenen Jahr - doch noch mit einem Erfolgserlebnis aus Frankreich abzureisen. Doch im Finalsprint auf den berühmten Champs Élysées wurde Greipel vom jungen Niederländer Dylan Groenewegen (LottoNL-Jumbo) geschlagen, nachdem er in den beiden vorherigen Jahren auf dem Prachtboulevard triumphiert hatte.

Der tief enttäuschte Greipel ging nur erstmals bei einer Tour de France leer aus, sondern blieb über fünf Monate hinweg sieglos, so dass vor allem in Belgien, der Heimat seines Teams, leise Kritik am deutschen Kapitän aufkam. "So ist eben Sport, mit Sicherheit hat es mich beschäftigt, ich weiß dass man mich immer mit den Jahren zuvor vergleicht. Aber ich habe gemerkt, dass ich auch nur ein Mensch bin und zugleich viele junge starke Sprinter mir das Leben schwer gemacht haben. Anhand der anderen Podiumsplatzierungen sieht man auch, wie oft ich knapp geschlagen worden bin“, erklärte Greipel, der mit seinen mittlerweile 35 Jahren der älteste unter den Weltklassesprintern ist. „Jedoch ist die Kritik auch ein wenig gerechtfertigt gewesen und generell entsprach die Saison 2017 auch nicht meinem eigenen Anspruch", fügte er selbstkritisch an.

Dennoch fuhr Greipel auch nach der Tour noch zahlreiche Top-Ergebnisse ein. Er wurde Fünfter bei den Cyclassics in Hamburg, jeweils Dritter bei den Brussels Cycling Classic (1.HC), den Primus Classic (1.HC) sowie dem Münsterland-Giro (1.HC) und sprintete bei Paris-Tours sowie dem Omloop van het Houtland Lichtervelde (1.1) jeweils auf Rang vier. Ende September gelang ihm beim Omloop Eurometropool (1.1) auch noch ein Sieg - es war der erste seit Anfang Mai. Insgesamt kam Greipel an nicht weniger als 91 Renntagen auf stolze 35 Top-Ten-Resultate.

In der Saison 2018 will Greipel an bessere Zeiten anknüpfen und vor allem in den Sprints wieder mehr Siege holen. "Aber ich möchte auch während der Klassiker versuchen in guter Form zu sein", betonte der gebürtige Rostocker. Bei Rennen wie der Flandern-Rundfahrt oder Paris-Roubaix dürfte Greipel nach dem Abgang von Jurgen Roelandts freie Fahrt erhalten. "Ich möchte auf alle Fälle probieren, mich bei den Klassikern weiter zu verbessern, aber zu sagen, einen zu gewinnen, das wäre utopisch", wollte sich der Lotto-Kapitän keine zu hohen Ziele setzen.

Nachdem er in den vergangenen drei Jahren bei der Mallorca Challenge seine Saison begonnen hatte, wird Greipel 2018 wieder zur Tour Down Under zurückkehren, um in Australien seine ersten Rennkilometer zu sammeln. "Ich fand die Tour Down Under immer sehr toll und konnte dort immer in eine gute Saison starten. Das will ich zusammen mit dem Team auch 2018 schaffen", erklärte der 16-malige Down-Under-Etappengewinner, der zum WorldTour-Auftakt unter andrem auf Weltmeister Peter Sagan (Bora-hansgrohe) treffen wird.

Auch wenn sein Vertrag zum Ende der kommenden Saison auslaufen und er dann 36 Jahre alt sein wird, verschwendet Greipel noch keinen Gedanken an sein mögliches Karriereende. "Generell denke ich nicht, dass 2018 meine letzte Saison sein wird. Dafür liebe ich den Sport einfach noch zu sehr“, sagte er.

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