Schweizer “spielen“ im U23-Rennen mit der Konkurrenz

Hirschi feiert in Innsbruck historischen WM-Sieg

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Marc Hirschi im Regenbogentrikot des Weltmeisters | Foto: Cor Vos

28.09.2018  |  (rsn) - Am Ende blieb genügend Zeit, den historischen Erfolg ausgiebig zu bejubeln. Marc Hirschi ballte die Fäuste, breitete die Arme aus und schlug sich auf die Brust – dann war es vollbracht, die erste Goldmedaille für einen Schweizer in einem U23-Rennen bei einer Weltmeisterschaft. Der 20-Jährige vollendete damit eine starke Teamleistung der Nationalmannschaft von Trainer Danilo Hondo aus Cottbus.

Die Silbermedaille sicherte sich der Belgier Bjorg Lambrecht, einer der großen Favoriten im Vorfeld des Rennens, in einer engen Sprintentscheidung 15 Sekunden später gegen den Finnen Jaako Hanninen. Den starken Auftritt der Schweizer rundeten Gino Mäder (+0:35) und Patrick Müller (+0:47) auf den Plätzen vier und neun ab. Als bester deutscher Fahrer erreichte Georg Zimmermann (+1:06) Position 14.

„Es ist unglaublich. Ich kann es noch nicht fassen. Das ist so verrückt Weltmeister zu sein, vor allem nach meinem Europameistertitel. Das Team hat heute von Beginn an großartige Arbeit geleistet – wir waren stets in der richtigen Gruppe und haben mit den anderen gespielt“, sagte Hirschi, der in Glasgow in diesem Jahr bereits den Europameistertitel auf der Straße gewann. Sein Team dominierte den Großteil des Rennens, zwang in etlichen Ausreißversuchen die Konkurrenz zum Reagieren.

Zur Taktik sagte Hirschi: "Ich denke, der entscheidende Punkt war unser Angriff auf der Abfahrt in der zweiten Runde, es war nicht so geplant, aber wir wissen, dass wir gut abfahren können. Wir dachten, dort können wir uns absetzen.“ Gleich vier Schweizer schafften den Sprung in die siebenköpfige Fluchtgruppe, anschließend waren seine Landsmänner Müller und Mäder jeweils in aussichtsreichen Gruppen unterwegs. Hirschi zeigte sich derweil erst wieder in der Schlussphase, ließ sich im letzten Anstieg nach Igls nicht vom Belgier Lambrecht abschütteln und setzte sich auf der Abfahrt 9,7 Kilometer vor dem Ziel entscheidend ab.

„Ich blieb lange im Feld, da ich wusste, dass ich vielleicht den Sprint aus einer kleinen Gruppe gewinnen konnte. Aber ich entschied mich dann doch zur Attacke, wegen des Rückenwindes und der Kurven auf den letzten Kilometern“, erläuterte Hirschi, der kommende Saison für die deutsche WorldTour-Equipe Sunweb an den Start geht, seinen entscheidenden Antritt.

"Ich scheine ein bisschen der ewige Zweite zu werden. Ich habe am Anstieg hundert Prozent gegeben, aber es hat ein bisschen was gefehlt, um Hirschi loszuwerden. Ich dachte dann, wir fahren zu dritt zum Ziel, aber Hirschi attackierte noch einmal – das war ärgerlich. Ich bin aber dennoch zufrieden, eine Medaille zu haben", sagte Vizeweltmeister Lambrecht.

"Ich habe versucht, meine Kraft so gut wie möglich für das Finale aufzusparen. Ich finde es gut, dass hier Profis und Amateure zusammenfahren. Das gibt bei einem guten Ergebnis für Amateure wie mich dann eine höhere Wertschätzung", äußerte sich der überraschende Bronzemedaillengewinner Hanninen, der als Einzelstarter seines Landes an dem Rennen teilnahm.

Die deutschen Fahrer hatten derweil nichts mit der Medaillenvergabe zu tun. Zimmerman sprintete als bester BDR-Fahrer in einer Verfolgergruppe auf Position 14 und zeigte sich hinterher zufrieden: „Das ist eine Weltmeisterschaft und ich bin sehr stolz auf meinen 14. Platz.“ Lennard Kämna, im Vorjahr bei der WM in Bergen noch Vizeweltmeister, erreichte das Ziel als 23. (+3:50), Max Kanter belegte Platz 29. (+5:41). Bester Österreicher wurde Marcel Neuhauser als 28. (+4:57).

So lief das Rennen

Nach dem Start fanden sich mit dem Polen Szymon Tracz, dem Kanadier Nickolas Zukowsky und dem Slowenen Izidor Penko drei Spitzenreiter zusammen, die sich zeitweise einen Vorsprung von über drei Minuten herausfuhren. An der ersten Hürde des Tages hinauf nach Gnadenwald, erwies sich Zukowsky als kletterstärkster Fahrer des Trios und setzte seine Flucht nach 65 Kilometern als Solist fort. Seine beiden ehemaligen Begleiter fielen zeitnah ins Hauptfeld zurück. Der Kanadier erreichte als erster Fahrer den Olympiakurs, den 23,8 Kilometer langen finalen Schlussparcours durch Innsbruck. Auf der ersten der vier Runden im Anstieg nach Igls endete allerdings auch sein Unterfangen.

Danach begann das Rennen der Schweizer. Gleich vier Fahrer der Eidgenossen schafften den Sprung in eine siebenköpfige Spitzengruppe, die sich in der zweiten Runde in einer Abfahrt bildete. Das Team von Danilo Hondo war mit Marc Hirschi, Patrick Müller, Lukas Rüegg und Gino Mäder vorne vertreten, außerdem gehörten Neilson Powless (USA) und Mark Padun (Ukraine) zur Gruppe. Bis zu einer Minute lag die Gruppe zeitweise vor dem Feld, während der dritten Überfahrt des Anstieges nach Igls fiel die Gruppe jedoch auseinander. Padun attackierte, Müller sprang hinterher – der Rest bekam Gesellschaft durch weitere Fahrer von hinten. Der Kolumbianer Ivan Sosa, einer der großen Favoriten, war zu diesem Zeitpunkt bereits distanziert.

Es bildete sich eine größere Verfolgergruppe um 25 Fahrer, darunter zu jener Phase auch Kämna und Zimmermann, aus der sich kurz darauf Eddie Dunbar (Irland) mit Mäder als Aufpasser absetzte. Beide kamen auf Sichtweite zu Padun und Müller heran, wobei Dunbar den Großteil der Arbeit leisten musste. Auf der Schlussrunde büßte das Duo jedoch an Kraft ein und wurde von der Verfolgergruppe wieder gestellt.

Im letzten Anstieg forcierte das belgische Team für seinen Kapitän Lambrecht das Tempo, der 21-Jährige trat selber einige Mal an, schaffte es jedoch nicht, seine letzten beiden Begleiter Hirschi und Hanninen abzuschütteln. In der Abfahrt setzte Hirschi 9,7 Kilometer vor dem Ziel dann den siegbringenden Antritt, nutzte die folgenden Kurvenkombinationen perfekt und ließ sich von seinen Begleitern nicht mehr einholen.

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