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20.06.2001 -
Paris/Berlin (dpa) - Erst pauschale Doping-Anschuldigungen, nun Vorwürfe angeblicher Bestechung: Jan Ullrich muss drei Wochen vor Beginn der Tour de France nicht nur um seine Form, sondern auch um seinen guten Ruf kämpfen. Der frühere Sportmanager des Festina-Teams, Bruno Roussel, behauptet in seinem Buch «Tour der Laster», Ullrich habe bei der Tour de France 1997 den Etappensieg in Courchevel an Richard Virenque «verkauft». Dies seien laut Roussel branchenübliche Praktiken.
Der Bergspezialist Virenque habe dafür 100 000 Francs (29 800 Mark/15 200 Euro) an den späteren Tour-Sieger gezahlt. Roussel war nach dem Doping-Skandal um das Festina-Team0âei der Tour 1998 entlassen worden. In dem anschließenden Doping-Prozess in Lille verurteilte ihn das Gericht zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung und einer Geldstrafe von 50 000 Francs, Virenque wurde freigesprochen.
«Wenn man auf jede Äußerung von Kriminellen antwortet, steigert man nur die Aufmerksamkeit. Es ist unglaublich, dass jeder Kriminelle etwas behaupten kann, ohne dass ihm Beweise abgenötigt werden», erregte sich am Mittwoch Telekom-Kommunikations-Direktor Jürgen Kindervater. «Das ist Unsinn. Hätte Jan rund 30 000 Mark kassiert, wäre das in die Mannschaftskasse gewandert. Das hätte dann für jeden etwa 4000 Mark gemacht. Ich glaube nicht, dass es Jan nötig hat, für eine solche Summe einen Sieg zu verkaufen», erklärte am Mittwoch Ullrich-Manager Wolfgang Strohband, der seinen Schützling auf der Trainings-Tour durch die Pyrenäen zusammen mit Team-Kollege Mathias Kessler begleitet.
Ullrich und Virenque waren 1997 die letzten 13 Kilometer auf dem Anstieg nach Courchevel gemeinsam gefahren. «Du lässt mich gewinnen, okay», habe Virenque gefragt. Ullrich habe den Daumen sowie zwei Finger zum Zeichen von Geld aneinander gerieben. Am kommenden Morgen sei ein Vertrauter des im Gelben Trikot fahrenden Telekom-Kapitäns zu Roussel gekommen und habe den Preis genannt. Laut Roussel habe der Bergspezialist akzeptiert und erklärt: «Kein Problem. Ich werde bezahlen.» Virenque sagte gegenüber «Le Monde» bereits am Montag zu den Vorwürfen, auf der Etappe hätte es eigentlich einen Sprint geben müssen: «Es gab kein Fotofinish, aber ich war besser als er.»
Als Ullrich 1997 auf einer späteren Tour-Etappe in den Vogesen der Verlust des Gelben Trikots drohte, soll Virenque laut Roussel versucht haben, sich mit finanziellen Versprechungen an den Spanier Abraham Olano und den Italiener Marco Pantani an die Spitze zu setzen. Dieses Vorhaben sei allerdings daran gescheitert, dass Virenque zu wenig geboten habe, schrieb Roussel. Je 10 000 Francs habe Virenque den beiden Spitzenfahrern offeriert, um in einer Spitzengruppe ohne Ullrich mehr Tempo zu machen. Roussel: «Jeweils 50 000 Francs pro Fahrer und 100 000 Francs pro Kapitän wären fällig gewesen».
In seinem Buch erwähnt er noch einen weiteren Fall angeblicher Bestechung. Bereits auf der Tour 1996 habe der später siegreiche Däne Bjarne Riis mit dem Schweizer Laurent Dufaux dessen Etappensieg im spanischen Pamplona abgesprochen, behauptet Roussel. Dies habe ihm Dufaux später erzählt. Gegen die Zahlung von 30 000 Francs hätte ihm der führende Riis den Sieg überlassen.
«Gentlemen Agreements» mit oder ohne Zahlung sind im Radsport üblich. Je nach Konstellationen in Spitzengruppen wird besondere Führungsarbeit oder die Hilfe beim Ausbau von Führungspositionen oft mit einem Etappensieg belohnt. Der fünfmalige Tour-Sieger Miguel Indurain (Spanien) war besonders bekannt und beliebt für seine Großzügigkeit.
«So etwas gab es doch im vorigen Jahr zwischen Armstrong und Pantani, 1998 zwischen Ullrich und Pantani - das ist doch nichts Neues im Radsport», erkannte auch Kindervater. «Vermutungen ohne Beweise. Wie im Fall Willy Voet will Roussel den Verkauf seines Buches auf diese Weise ankurbeln. Dass im Radsport für so etwas Geld geboten wird, schließe ich aus», sagte Telekom-Teamsprecher und Ex- Profi Olaf Ludwig.
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