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22.07.2001 -
Tarbes (dpa) - Sie bekämpfen sich bis zur Erschöpfung. Trotzdem hat das knallharte Millionengeschäft Tour de France aus Jan Ullrich und Lance Armstrong keine herzlosen Kampfmaschinen gemacht. Das Drama der 13. Tour-Etappe ließ die beiden Tour-Giganten in den Pyrenäen näher zusammenrücken, obwohl der Abstand im Gesamtklassement noch größer wurde und der Texaner seinem dritten Sieg in Folge jetzt ganz nahe ist.
Armstrongs Tempo-Drosselung nach dem spektakulären Sturz Ullrichs wertete der Herausforderer aus Merdingen als noble Geste im brutalen Tagesgeschäft. Für Telekom-Manager Walter Godefroot war es eher der Normalfall: «In 99 Prozent dieser Situationen im Radsport wird so gehandelt.» Armstrongs Teamchef musste seinen Kapitän über Funk nicht zu diesem Entgegenkommen auffordern: «Lance wusste, was er zu tun hatte», sagte Johan Bruyneel vor dem Start der 14. Etappe in Tarbes.
«Lance hatte auf mich gewartet. Ich wusste nichts davon, weil mein Funk nicht funktionierte. Als ich wieder dran war, hat er mich gefragt, ob ich okay bin. Das fand ich sehr fair», sagte Ullrich. Bemerkenswert war auch, dass Armstrong-Partner Roberto Heras dem Deutschen bei brütender Hitze seine Trinkflasche angeboten hatte. Seine eigene hatte Ullrich beim Sturz verloren.
Trotz der Geste Armstrongs ist dessen Bild in der Öffentlichkeit nicht eindeutig. Der großzügige Armstrong wirkt zuweilen auch arrogant, beispielsweise als er Ullrich auf der Königsetappe noch höhnisch angelächelt hatte, bevor er auf dem Weg nach L`Alpe d`Huez seinem ersten diesjährigen Etappensieg entgegen gestürmt war. Vorausgegangen war - wie nicht nur Armstrong-Konkurrent Jörg Jaksche bemerkte - ein «Oscar-reifer Auftritt» des Amerikaners, mit dem er Ullrich und Co. geblufft hatte. Die «L`Equipe» schrieb denn auch, Armstrong spiele den «freundlichen Kannibalen» nur.
Der Belgier Eddy Merckx, der sich in seiner aktiven Zeit mit dem Menschenfresser-Vergleich schmücken durfte, schwärmte von der 13. Etappe: «Großer Sport.» Die Veranstalter-Zeitung hatte in ihre Würdigung der Ereignisse nicht genug Platz für all die Helden und konzentrierte sich auf die gescheiterten einheimischen Francois Simon und Laurent Jalabert.
Nach seinem dritten Tages-Erfolg in den Pyrenäen lobte Armstrong nicht nur das große Kämpferherz des 27-jährigen Telekom-Kapitäns. Der große Sieger bedachte alle laut «L`Equipe» «großartig Besiegten» mit seinem Segen. Er tröstete Simon, der sein Gelbes Trikot abgeben musste, Jalabert, der nach seinem 162 km langen Solo kurz vor dem Ziel eingeholt wurde, und natürlich Ullrich: «Es war eine Frage der Ehre und Würde, auf diesen Kämpfer zu warten. Er hat mir alles abverlangt.» Trotzdem mäkelte Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc: «Armstrong wird respektiert, aber nicht geliebt.»
Diesen Sprung in die Herzen schafft vielleicht Jan Ullrich. Egal, wie die Tour 2001 endet: Ein erneuter zweiter Platz in Paris hätte einen unendlich höheren Wert als dieselbe Platzierung im Vorjahr. Der Verlierer Ullrich ist fast so populär wie der Sieger von 1997. Auch wenn die «L`Equipe» dem deutschen Meister vorrechnete: «Ihn trennen noch zwei zweite Plätze vom Rekord Joop Zoetemelks, der in Paris sechs Mal auf der zweiten Stufe des Siegerpodests stand.»
Auf seiner Homepage versprach der Olympiasieger am Sonntag («Mein Gott, hatte ich Glück beim Sturz»), sich noch nicht abzufinden und in der letzten Woche weiter anzugreifen. Auch wenn der spektakuläre Sturz mit Tempo 80 eine Böschung hinunter Rückenschmerzen hinterließ. «Kämpfend unter zu gehen ist wie ein Sieg», beurteilte Godefroot Ullrichs Auftritt. «Er fährt eine andere Tour als letztes Jahr», meinte auch Ullrichs Team-Kollege Udo Bölts, bei seiner zehnten Tour- Teilnahme deutscher Rekordhalter.
Zum Samstag der großen Emotionen trug Armstrong noch auf dem Zielstrich bei. Die in den Himmel gestreckten Zeigefinger erinnerten an die tragischen Ereignisse des 18. Juli 1995. Vor sechs Jahren war Armstrongs damaliger Team-Kollege Fabio Casartelli nicht weit vom Zielort der 13. Etappe bei der Abfahrt vom Portet d`Aspet tödlich verunglückt. Seinen anschließenden Etappensieg in Limoges drei Tage nach dem Unglück hatte Armstrong seinem italienischen Freund mit der selben Geste gewidmet.
«Als ich im Training vor der Tour an dem Gedenkstein vorbeigefahren bin, habe ich geweint. Ich hatte mir heute den Sieg für Fabio vorgenommen», sagte der vom Krebs geheilte Texaner. Die Fahrer passierten das Casartelli-Denkmal am Samstag nach 72 km. «Alle fuhren langsam, obwohl es bergab ging. Viele bekreuzigten sich», erzählte Simon.
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