Profi-Radsport

Rudi Altig wird 65 - «Ab und zu ein Rotwein»

18.03.2002 -

Berlin (dpa) - Rudi Altig, in den 60er Jahren in Deutschland der Inbegriff des Profi-Radsports, erreicht das Rentenalter. Der einzige deutsche Profi-Weltmeister wird am Montag 65 Jahre alt.

Gefeiert wird nur im kleinen Kreis: «Mit meiner Frau und Freunden in unserem Haus in Sinzig. Bei meinem 70. gibt es dann wieder eine große Fete», versprach Altig, dem es nach einer 1994 diagnostizierten Magen-Krebs-Erkrankung gesundheitlich wieder gut geht: «Bei schönem Wetter fahre ich noch bis zu 80 Kilometer Rad, ab und zu ein Gläschen Rotwein, am liebsten Brogsitter von der Ahr, schmeckt auch noch», berichtet der rüstige Rentner, den der Radsport nie losgelassen hat: «Er ist der Rote Faden in meinem Leben.»

Altig, von 1972 bis 76 Bundestrainer der Straßenfahrer und bis heute noch in weiterem Sinn mitverantwortlich für den WM-Kader, hat noch genau das Datum und den Ausgang seines ersten Rennens im Kopf. «27. Januar 1952 Igelheim. Ich habe das Querfeldeinrennen gewonnen», erinnert sich der Weltmeister, der knapp 20 Jahre später beim Sechstagerennen in Münster Schluss machte («Aufgabe») und damit eine Punktlandung vollzog: «Ich hatte mir immer vorgenommen, mit 35 aufzuhören, und das ist mir gelungen.»

In seiner aktiven Zeit ist ihm viel gelungen: 1966 wurde der gebürtige Mannheimer auf dem Nürburgring Weltmeister, der bis heute auf einen nationalen Nachfolger wartet. Zwei Jahre danach gewann er als erster Deutscher Mailand-San-Remo («Mein Lieblingsrennen»), 1964 die Flandern-Rundfahrt. Bei der Tour de France löste Erik Zabel Altig als erfolgreichsten deutschen Etappengewinner (acht Tageserfolge) erst im vergangenen Jahr ab. Meist an der Seite von Siggi Renz und Hennes Junkermann gewann Altig («Ich bin eine Million Kilometer gefahren») 23 Sechstagerennen.

1962 zettelte er bei der Spanien-Rundfahrt eine Palast-Revolution an, als Altig durch den abschließenden Erfolg im Zeitfahren seinen Mannschafts-Kapitän Jacques Anquetil mit wenigen Sekunden Vorsprung schlug und sich den Gesamtsieg holte. Die Niederlage gegen seinen Team-Kollegen ärgerte den Franzosen so sehr, dass er sich krank abmeldete und den zweiten Platz dem dritten überließ. Der nach einer Krebserkrankung 1987 verstorbene Anquetil «vergab» Altig erst nach Karriere-Ende. Beide wurden dicke Freunde.

Der Mannheimer war in vielen Sätteln gerecht, kam wie nach ihm Dietrich Thurau oder Zabel von der Bahn und machte als Top-Sprinter und exzellenter Zeitfahrer auf der Straße Furore. Eigensinnig war er nicht nur als Aktiver, mit seiner Meinung hielt er nie hinter dem Berg. Seine Anekdoten und Analysen als «ARD-Experte» bei großen Rennen überraschen manchmal nicht nur die Zuschauer. Seine Mit- Moderatoren zuckten merklich zusammen, als sich Altig bei den Tour- Übertragungen 1998 auf dem Höhepunkt der Doping-Ermittlungen öffentlich für die Freigabe von leistungssteigernden Medikamenten stark machte.

Im Moment sei Telekom nicht besonders gut auf ihn zu sprechen, weil er auch Jan Ullrich nicht von kritischer Betrachtung ausspart. «Wenn Jan so arbeiten würde wie Armstrong, hätte der Ami keine Chance. Jan kann die Tour noch zwei Mal gewinnen, wenn er die Freude am Radsport wieder findet. Er hat viel mehr Talent als Armstrong», meinte Altig, der mit der heutigen Profi-Generation trotz des enormen Gehaltsgefälles im Vergleich zu früher nicht tauschen wollte: «Wir kamen finanziell auch zurecht. Aber die Zeit war schöner, es gab echte Freundschaften.»

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