Profi-Radsport

Ullrich verpasst Medaille - Freire wieder Weltmeister

14.10.2001 -

Lissabon (dpa) - Jan Ullrich ist am historischen Double vorbeigefahren und hat seine zweite Goldmedaille bei den Rad-Weltmeisterschaften in Lissabon nach dem Zeitfahr-Titel verpasst. Im Straßenrennen über 254,1 Km musste der 27-jährige Olympiasieger aus Merdingen zum WM-Abschluss wie 1999 in Verona Oscar Freire aus Spanien als Titelträger und elf weiteren Fahrern den Vortritt lassen.

Die Silbermedaille im Sprint einer 45-köpfigen Spitzengruppe sicherte sich der Italiener Paolo Bettini vor Andrej Hauptman aus Slowenien. Erik Zabel (Unna) wurde in dem unerwarteten WM-Finale überraschend Fünfter. Ullrich konnte dennoch mit seinem Saisonabschluss zufrieden sein: «Gold kann mir keiner mehr nehmen», sagte der Topfavorit, dem sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder zu seinem Zeitfahr-Gold per E-Mail gratuliert hatte. Ullrich hatte in der 21. und letzten Runde zwei Mal versucht, sich abzusetzen. Die Konkurrenz konnte aber gegenhalten, so dass der Amateur-Weltmeister von 1993 nicht wegkam. Als sich dann alles auf einen eigentlich zuvor wenig erwarteten Massenspurt zuspitzte, schien alles auf den Weltranglisten-Ersten Zabel hinauszulaufen. Der 31-Berliner wurde im Spurt aber etwas eingeklemmt und hatte mit dem Ausgang nichts zu tun.

«Ich habe zwei, drei Mal richtig durchgezogen und mehrfach versucht, zum Schluss weg zu kommen. Aber alle anderen haben sich dann nur immer angeguckt und haben aufgehört zu treten, wenn ich auf gehört habe. Leider hatte ich am Schluss im Gegensatz zu den Italienern bis auf Erik keine Unterstützung mehr. Aber ich habe ja wahrscheinlich noch mehrere WM-Chancen in Zukunft», sagte Ullrich nach dem Rennen. «Für mich war das Rennen heute zu schwer, um zu gewinnen. Das habe ich im Finale im Kampf gegen Dekker gemerkt, aber auf diesem 5. WM-Platz kann ich aufbauen. Das war erst meine dritte WM», sagte Zabel, der jetzt so gut wie sicher mit seinen weiteren 160 Punkten von Lissabon auf der Spitzenreiter-Position in der Weltrangliste «überwintern» kann.

Grischa Niermann aus Hannover war als erster der 12 deutschen WM-Starter ausgestiegen, um womöglich nicht in Loyalitäts-Konflikte zu kommen. Am Sonntag hatte er Ullrich zu dienen, sonst das ganze Jahr über in seinem niederländischen Rabobank-Team seinem Kapitän Erik Dekker. In der 18. von 21 Runden kam das Rennen richtig in die Gänge. Es bildete sich eine Dreier-Spitzengruppe mit den zwei Italienern Bettini und Danilo de Luca. Ullrich höchstpersönlich holte sie nach einem kurzen Ausflug zurück - die Karten wurden neu gemischt. Danach gab es unter den Favoriten einen offenen Schlagabtausch, ohne dass jemand davon direkt profitieren konnte. Die Italiener verschenkten einen möglichen Titel, als sie kurz vor Schluss mithalfen, den ausgerissenen Gilberto Simoni wieder zu stellen.

Zabel hat sich in Lissabon auch für die kommende WM «eingefahren», denn seine Teilnahme fand auch unter dem Gesichtspunkt statt, sich zum ersten Mal seit 1994 wieder an WM-Atmosphäre zu gewöhnen. «Das war ein Test für nächstes Jahr, der Kurs in Zolder könnte mir noch besser liegen», sagte Zabel weiter, der in der 17. Runde nach einem Defekt alleine wieder nach vorne fuhr, bevor Titelverteidiger Romans Vainsteins (Lettland) ausgestiegen war. «Die Strecke war vielleicht doch nicht schwer genug für Jan, sonst hätte er sich am Schluss absetzen können. Wir brauchen aber die Köpfe nicht hängen zu lassen und feiern heute Abend trotzdem ein bisschen», sagte Telekom-Teamchef Rudy Pevenage.

Die fast 43-jährige Zeitfahr-Weltmeisterin Jeannie Longo-Ciprelli (Frankreich) hatte die Titelkämpfe mit Bronze auf der Straße abgeschlossen. Judith Arndt (Frankfurt/Oder) verpasste dabei die dritte deutsche WM-Medaille auf Rang vier knapp. Neue Weltmeisterin wurde nach 121 km Rasa Polikeviciute vor Edita Pucinskaite (beide Litauen) im Spurt. Die Olympia-Zweite Hanka Kupfernagel (Berlin) wurde lediglich 31. Titelverteidigerin Zinaida Stahurskaja (Weißrussland) war nach ihrem positiven Doping-Befund vom Giro aus Lissabon vorzeitig abgereist und nicht am Start.

Sylvia Schenk, seit 31. März Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), zog eine sportlich positive Bilanz. «Wir können sehr zufrieden sein. Im Vorjahr fuhren wir mit einer Silbermedaille nach Hause. Diesmal holten unsere Fahrer Gold durch Jan Ullrich und Silber durch Sebastian Lang. Es gab aber auch weniger Zufriedenstellendes, zum Beispiel im Junioren-Bereich. Die Organisation hat mir nicht gefallen, sie war Zuschauer-unfreundlich», sagte die Präsidentin.

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