Profi-Radsport

«Sechstagekaiser» Gustav Kilian gestorben

20.10.2000 - Hamburg (dpa) - Deutschlands Radsport-Legende Gustav Kilian ist in der Nacht zum Freitag in Dortmund nur 14 Tage vor seinem 93. Geburtstag gestorben. Dies bestätigte die Stadt Dortmund. Er war erst vor einer Woche nach einem Krankenhausaufenthalt nach Hause zurückgekehrt.

Kilian galt in seiner aktiven Zeit in den 30er Jahren als deutscher «Sechstagekaiser» und wurde später als Trainer der deutschen Bahnradfahrer zum «Medaillenschmied», der den Vierer drei Mal zum Olympiasieg führte.

Bis ins hohe Alter blieb Gustav Kilian dem Radsport und dem Rad verbunden. «Ich fahre noch jeden Tag meine 50 Kilometer, auch mal 70, wenn es schön ist. Aber eben nicht mehr schnell, sondern ganz gemütlich», erzählte er an seinem 90. Geburtstag vor drei Jahren. Kilian, dessen Bahn-Amateure bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften 36 Medaillen gewannen, musste erst in den vergangenen Jahren dem Alter Tribut zollen.

«Ich habe eine schöne Zeit als Rennfahrer und Trainer gehabt», hatte damals ein Mann Bilanz gezogen, der im deutschen Sport auf einer Stufe mit Legenden wie Max Schmeling, Gottfried von Cramm, Gustav Jänicke, Sepp Herberger, Rudolf Harbig oder Rudolf Caracciola steht. Allerdings hat sich Kilian mit dem Rentner-Dasein, das er 1977 mit seinem mehr oder minder freiwilligen Rücktritt begann, nie richtig abfinden können.

«Man lebt von der Erinnerung. Ich denke an die Sixdays im Madison Square Garden und nach dem Krieg insbesondere an den Sieg des Verfolgungsvierers bei den Olympischen Spielen in München im Finale gegen die DDR. Das war schon toll. Doch was ist aus den Sixdays geworden und aus dem Bahnradsport, insbesondere dem Vierer?», fragte er zum 90. fast wehmütig. Die Antwort hat er noch erlebt: Unter Führung des Einzel-Olympiasiegers Robert Bartko holte sich das deutsche Quartett in Sydney die Goldmedaille.

Mehr als 50 Jahre war Kilian dem Radsport verbunden. Zunächst als erfolgreicher Sechstagestar, der mit seinem Partner Heinz Vopel sowie bei Steherrennen auf allen Pisten der Welt die Zuschauer von den Sitzen riss. Später gab er als Trainer neben der Piste seine Erfahrungen aus dem Profi-Radsport an die Amateure weiter und wurde so zum «Goldschmied» des bundesdeutschen Radsports. Sein Erfolgsgeheimnis war einerseits, dass er für jede technische Neuerung an den Rädern offen war. Andererseits halfen ihm sein ausgesprochenes Gespür für Menschenführung, einer Verbindung aus Menschlichkeit, Verständnis, Härte und Disziplin.

Der am 3. November 1907 in Luxemburg geborene Kilian fuhr zwischen 1934 und 1951 insgesamt 125 Sixdays, die damals tatsächlich noch über volle 145 Stunden gefahren wurden. 34 Mal gewann «Gus», wie ihn die Amerikaner riefen, gemeinsam mit Heinz Vopel, der 1950 einem Herzinfarkt erlag. Die beiden bildeten 18 Jahre lang ein Team, das als unschlagbar galt. Erst 1951 schlug für «Justav» die Stunde des Abschieds von der Bahn.

Als es um die Qualifikation für die gemeinsame deutsche Olympia- Mannschaft für 1960 in Rom ging, besann man sich auf die Fähigkeiten Kilians. Man vertraute ihm den Verfolgungsvierer an, der auf Anhieb in Mailand mit 4:34,2 Minuten den Weltrekord der DDR tilgte und damit ein jahrelanges innerdeutsches Duell einleitete. Doch dem ersten Triumph folgte rasch die Ernüchterung: Der DDR-Vierer setzte sich in der Qualifikation durch und fuhr nach Rom. Kilian legte die Arbeit nieder, um 1964 als erster Bundestrainer zurückzukehren. Mit dem Olympiasieg begann in diesem Jahr eine einmalige Erfolgsserie im bundesdeutschen Radsport, die erst 13 Jahre später in Venezuela zu Ende gehen sollte.

Bis 1977 gewannen seine Bahn-Amateure bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen 16 Mal Gold, 13 Mal Silber und siebenmal Bronze. Als ausgesprochener Erfolgsschlager erwies sich der Vierer, der bei 17 Starts elfmal im Finale stand und achtmal Gold holte. «Ein Trainer wird am Vierer gemessen», sagte Kilian. Voller Stolz verwies er auf die einmalige Erfolgserie zwischen 1972 und 1976, als seine Männer fünfmal hintereinander gewannen und dabei in München und Montreal Olympiasieger wurden.

Dem Höhenflug folgte 1977 bei der WM in St. Cristobal/Venezuela der tiefe Sturz, als der für unschlagbar geltende Vierer im Finale gegen die DDR verlor, die danach die Rolle der Nummer eins im internationalen Bahnradsport übernahm. «Das war mein furchtbarstes Erlebnis. Ich habe geweint», sagte Kilian und bekannte: «Das habe ich nie überwunden.»

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