Ullrich bekennt sich schuldig - weist Doping-Vorwurf zurück

07.07.2002  | 

Frankfurt (dpa) - Zwei kleine Tabletten mit großen Nebenwirkungen: Jan Ullrich ist nach seinem öffentlichen Geständnis mit Freundin Gabi Weiß für die Zeit der Tour in die USA geflüchtet. Die Staatsanwaltschaft München hat gegen den Rad-Olympiasieger und Tour-de-France-Sieger von 1997 ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz eingeleitet.

Ullrich versucht nach der Bestätigung der positiven Doping-Probe mit Comeback-Plänen den ersten Schritt aus der selbst eingestandenen Lebens-Krise. «Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich bin jetzt ganz unten und will wieder ganz nach oben. So kann ich meine Karriere nicht beenden.»

Doch sein Umfeld ist da skeptisch. «Wir haben eine Verantwortung für den Menschen Jan Ullrich, er hat uns viel gegeben und hat Anspruch darauf, dass wir jetzt für ihn da sind», sagt Kommunikationsdirektor Jürgen Kindervater von Ullrichs Arbeitgeber Team Telekom. «Ich bin mir aber nicht sicher, ob er noch Mal aufs Rad steigt.» Der 28-Jährige Ullrich muss mit einer Sperre zwischen sechs und zwölf Monaten rechnen.

Dem dreiköpfigen Sportgericht des Bund Deutscher Radfahrer (BDR) wird die schriftliche Stellungnahme Ullrichs übergeben. Dennoch ist das Verfahren gegen Ullrich offenbar nicht ohne Hindernisse in Gang gekommen. «Es hat tatsächlich Nachfragen von außen gegeben, ob man die Sache nicht auch hätte vertuschen können», hat BDR-Präsidentin Sylvia Schenk der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in einer autorisierten Fassung gesagt, «dafür habe ich kein Verständnis. Jan Ullrich wird behandelt wie alle anderen, im Positiven wie im Negativen.» Olaf Ludwig, BDR-Vize und Telekom-Teamsprecher, sagte dazu der dpa: «Weder von Telekom noch vom BDR gab es Bestrebungen, dieses Ergebnis zu vertuschen.»

Vor einem Millionen-Fernsehpublikum, dass seinen Auftritt live in einer Sondersendung der ARD verfolgte, hatte sich Ullrich in Frankfurt/Main im Blitzlichtgewitter der Kameras den bohrenden Fragen der Journalisten gestellt. Sylvia Schenk stand ihm zur Seite. Ullrich wirkte verunsichert, die Gesichtsfarbe war aschfahl - aber da musste er durch.

«Hallo. Ja gut, wir wissen ja auch alle, um was es geht», beginnt Ullrich. Er braucht einige Zeit, bis er auf den Punkt kommt. Er verzichtet auf die Öffnung der B-Probe. «Das heißt also für mich, dass ich die A-Probe, die positive Probe, akzeptiere.» Den Doping-Befund vom 12. Juni erklärt er mit der Einnahme von zwei Tabletten, die er am Vorabend in einer Discothek von einem Unbekannten erhalten habe, «eigentlich harmloses Zeug». «Es war eine Riesendummheit, die unverzeihlich ist, aber kein Doping, um jemanden zu betrügen», sagt er. Mit Bekannten habe er das Lokal aufgesucht und «einiges getrunken». Ullrich: «Ich war den Abend ziemlich mies drauf.» Die langwierige Knie-Verletzung und die erzwungene Tour-Absage haben ihn aus der Bahn geworfen. Alkoholprobleme habe er keine, sagt Ullrich, die Disco-Droge Ecstasy kenne er nicht.

Ullrich, der nach dem Tour-Skandal von 1998 gefordert hatte, überführte Doper lebenslang zu sperren, will jetzt sein «ganzes Leben umstellen». Für Ullrichs «Leben» sei es wichtig, «dass er als Sportler zurückkehrt», sagte Telekom-Sportdirektor Rudy Pevenage. Allerdings hatte der Telekom-Kapitän schon in weniger dramatischen Situationen, nach seiner Tour-Niederlage 2000 etwa, radikale Besserung, angemessenen Trainingseifer und professionelle Disziplin versprochen. Ähnlich reumütige Worte waren auch nach seiner Crashfahrt unter Alkohol vom 1. Mai in Freiburg zu hören gewesen. Am 12. Juni wurde bei einer unangemeldeten Kontrolle der deutschen Anti- Doping-Kommission (ADK) in der Rehabilitation bei Ullrich das Stimulanzmittel Amphetamin nachgewiesen.

Ullrich, dessen Einkommen seit 1998 auf 15 Millionen Euro geschätzt wird, ist von seinem Arbeitgeber Team Telekom beurlaubt worden. Nach Ullrichs öffentlicher Reue hielt Teamsprecher Ludwig das Verhalten des Olympiasiegers zwar immer noch für «nicht entschuldbar», stellte aber fest: «Das war kein Doping. Er hat sich einen Augenblick vergessen. Schon aus sozialer Verantwortung heraus stehen wir zu ihm.» Und Kindervater bekräftigt, man solle «ihm die Chance geben, zu zeigen, dass er zurückkommen will».

Der mit etwa zwei Millionen Euro dotierte Jahresvertrag mit Ullrich läuft im kommenden Jahr aus. Allgemein wird damit gerechnet, dass Telekom zumindest so lange im Radsport noch weiter macht. Ob die Optionen für 2004 und 2005 in Anspruch genommen werden, ist jedoch fraglich.

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