Profi-Radsport

Radsport in Italien und Frankreich auf der Anklagebank

05.11.2000 - Lille/Rom (dpa) - Der Radsport sitzt in Frankreich und Italien auf der Anklagebank. Beim Doping-Prozess in Lille, beim laufenden Verfahren in Italien gegen Marco Pantani und im Zuge des bevorstehenden Prozesses gegen den Arzt Francesco Conconi kamen am Wochenende weitere Details der offensichtlich gängigen Doping-Praxis ans Tageslicht. Daniel Delgove, der leitende Richter in Lille, sprach im Zusammenhang mit dem Gebrauch von verbotenen Medikamenten von einem «General-Problem des Radsports».

Bei seiner fünfeinhalbstündigen Anhörung sagte Hein Verbruggen, Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI, einen Satz, der für Delgove, der den ehemaligen Festina-Kapitän Richard Virenque (Frankreich) nach 27 Monaten Leugnen zum Sprechen brachte, exemplarisch ist: «Es existiert im Fahrerlager eine kleine Gruppe von chronischen Betrügern, eine wesentlich größere Gruppe, die nichts verpassen will, einige, die autorisierte Medikamente nehmen, und nur eine kleine Gruppe, die gar nichts nimmt.»

Der wegen seiner «laxen» Haltung im Kampf gegen Doping auch von Delgove hart kritisierte Verbruggen kündigte unterdessen an, dass die 96 eingefrorenen Urin-Proben der vergangenen Tour de France am 15. November vernichtet werden, wenn bis dahin keine juristisch unanfechtbare Methode zum Nachweis des Blut-Doping-Mittels EPO anerkannt ist. Bei den Olympischen Spielen in Sydney konnte EPO nach einem kombinierten australisch/französischen Verfahren erstmals nachgewiesen werden. Französische Wissenschaftler waren schon vor der Tour im Stande, das künstlich hergestellte Hormon im Blut über Urin- Kontrollen zu bestimmen.

Pantani, dem eine Gefängnisstrafe wegen «Sportbetrugs» zwischen einem und zwölf Monaten droht, nahm die Verhandlung offenbar so stark mit, dass er am Samstag innerhalb weniger Stunden in Cesena drei Autounfälle verursachte. Der Glatzkopf, der die Tour in diesem Jahr nach zwei Etappensiegen verließ, kam mit harmlosen Schürfwunden davon. Pantani wird in dem Musterprozess vorgeworfen, dank EPO 1995 seine Konkurrenz betrogen zu haben.

Der französische Zoll, der den ehemaligen Festina-Betreuer Willy Voet vor dem Tour-Start 1998 mit einer Wagenladung mit Doping- Präparaten gestellt hatte, fordert von dem Belgier rund 350 000 Mark. Voet, in Lille zusammen mit weiteren neun ehemaligen Mitgliedern des französischen Profi-Teams Festina angeklagt, ist seit seiner Verhaftung, die vor zwei Jahren den größten Doping-Skandal der Radsport-Geschichte ausgelöst hatte, arbeitslos.

Conconi, dem in Italien im Zuge von Doping-Ermittlungen eine Anklage wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung bevorsteht, spritzte sich EPO im Selbstversuch. Damit trat der Professor, ehemals Leiter des Bio-medizinischen Zentrums von Ferrara, den Beweis an, wie wirkungsvoll das auf der Doping-Liste stehende Hormon sein kann, das er vielen Hochleistungssportlern gespritzt haben soll.

Mit künstlichem EPO im Blut konnte der damals 59-jährige Conconi am 3. September 1994 in einem Bergrennen am steilen Stilfser Joch in Südtirol sogar fast mit dem Giro-Gewinner Francesco Moser mithalten, der sich gerade auf einen Stunden-Weltrekord vorbereitete. Hobby- Radler Conconi verlor auf den Sieger Moser nur zwei Minuten. Diese Details gehen aus Akten des Staatsanwalts Pierguido Soprani hervor, der gegen Conconi und sieben seiner Mitarbeiter in Ferrara einen Prozess eröffnen wird.

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