Profi-Radsport

Ullrich mit bekannten Rezepten gegen Armstrong

04.12.2001 -

Rottach-Egern (dpa) - Mit alten Tugenden auf ein Neues gegen Lance Armstrong. «Ich habe meinen Stil, und den muss ich ausbauen», sagt Jan Ullrich, der auf bekannte Rezepte vertraut, um dem Texaner bei der kommenden Tour de France nach zwei bitteren Niederlagen 2000 und 2001 endlich Paroli bieten zu können.

Der Zeitfahr-Weltmeister von Lissabon will seine «Schiene weiter fahren, Kraft und Ausdauer noch ausbauen», um gegen das Phänomen Armstrong bestehen zu können. Ullrich hat noch einige Versuche. Sein Vertrag bei Telekom läuft 2003 aus, er tendiere aber dazu, eine Option bis mindestens 2004 zu nutzen, erklärte der Olympiasieger beim Mannschaftstreffen in Rottach-Egern.

In dieser Woche startet Ullrich seine «Operation Gelb» mit dem ersten, knapp dreiwöchigen Trainingslager in Südafrika. Am nasskalten Tegernsee feierte der Olympiasieger mit dem Team Telekom seinen 28. Geburtstag und vorerst Abschied von Europa. Nach Südafrika wird Ullrich von der selben Truppe von Team-Kollegen begleitet wie im Vorjahr. Dazu fährt der Berliner Peter Becker mit, der dem Toursieger von 1997 schon zu DDR-Zeiten mit Rat und Tat als Trainer zur Seite stand. Nach Auflösung des Junior-Teams sollten die Kapazitäten des einstigen Vorstehers Becker anders genutzt werden.

Ullrichs Vorfreude hat in diesen Tagen weniger mit Weihnachten zu tun. Nach drei Wochen Urlaub auf Bali, ein bisschen Mountainbiking im Schwarzwald und einer Woche Skifahren hat der viermalige Tour-Zweite «jetzt richtig Lust, in Südafrika wieder hart zu trainieren». Über 3000 km wird er bis zum 23. Dezember abspulen. Danach legt Ullrich nur einen kurzen Heimat-Stopp ein, um Anfang Januar ins nächste Trainingslager mit der Mannschaft nach Mallorca zu starten. Anschließend steht Südafrika zum zweiten Mal auf dem Reiseplan. Bei der Valencia-Rundfahrt soll der Telekom-Kapitän am 26. Februar in die Saison starten. Ob wieder Giro d`Italia oder Deutschland-Rundfahrt und Tour de Suisse als unmittelbare Tour-Vorbereitung dienen, stehe noch nicht fest.

Kontinuität heißt auch die Zauberformel bei der Team-Besetzung. Anders als Armstrong, der durch den Weggang dreier Topfahrer gezwungen war, sein US-Postal-Team mit sieben Neulingen fast komplett umzukrempeln, konnte Ullrich beim Mannschaftstreffen am Tegernsee neben vier Nachwuchs-Fahrern mit Bobby Julich nur einen Top-Profi neu begrüßen. Der Amerikaner, 1998 Dritter der Tour, hatte sich als Sonderangebot empfohlen.

«Er war auf dem Markt und sehr günstig. Er bekommt bei uns weniger als die Hälfte als zuletzt bei Credit Agricole», rechnete Telekom- Manager Walter Godefroot vor, der stolz auch auf die Erfolge der vergangenen elf Monate verwies: Insgesamt 64 Siege für das Team, 31 davon allein für den Weltranglisten-Ersten Erik Zabel stehen zu Buche. Für Godefroot war Telekom 2001 «die beste Mannschaft der Welt», obwohl im Team-Ranking des Weltverbandes die italienische Formation Fassa Bortolo vor den Bonnern rangiert.

Julich, bisheriger Team-Kollege von Jens Voigt, hat seine neue Rolle akzeptiert. «Zum ersten Mal in fünf Jahren bin ich kein Team- Kapitän und muss mich für die Tour qualifizieren. Ich habe gemerkt und akzeptiert, dass es bei mir zu einem Toursieg nie reichen wird. Ich werde versuchen, Jan zu helfen, Armstrong zu schlagen», sagte der Amerikaner, dessen Zeitfahr-Qualitäten im Juli besonders gefragt sein könnten.

Sein neuer Kapitän wurde in einem Live-Chat via Internet von einem Fan mit dem Fantasie-Namen «Zabel» gefragt: «Welchen Platz belegst du bei der kommenden Tour?» Ullrich antwortete zurückhaltend und diplomatisch: «Ich nehme mir den ersten Platz vor.»