Vor zehn Jahren starb der Giro- und Tour-Sieger

Marco Pantani - Der gefallene Kletterer

Von Guido Scholl

Foto zu dem Text "Marco Pantani - Der gefallene Kletterer"
Marco Pantani (13. Januar 1970 - 14. Februar 2004) ist noch immer ein Idol der italienischen Tifosi. | Foto: Cor Vos

14.02.2014  |  (rsn) - Vor zehn Jahren erschütterte die Nachricht vom Tod Marco Pantanis die Sportwelt. Das Idol von Millionen starb allein in einem Hotelzimmer in Rimini. Sein Ableben weist Parallelen zu den Schicksalen zweier seiner früheren Widersacher auf. Hat sich der Sport seither verändert? Der Versuch einer Antwort.

Der bereits vom Leistungssport zurückgetretene Marco Pantani starb am 14. Februar 2004 in einem Hotel in Rimini an einer Überdosis Kokain. Ein Diskobetreiber und zwei mutmaßliche Dealer wurden 2005 zu Haftstrafen verurteilt, weil sie Pantani mit Drogen versorgt hatten. Später wurden die Urteile teilweise revidiert, weil die Richter anfangs unter dem Druck der Öffentlichkeit gestanden haben sollen, die Schuldige am Tod des erst 34 Jahre alten Sportstars verlangte. Bis heute kursieren unterschiedliche Gerüchte.

Das hartnäckigste: Pantani soll Selbstmord begangen haben. Diejenigen, die das behaupten, berufen sich auf einen vermeintlichen Abschiedsbrief und die Depressionen des Ex-Radprofis. Pantanis Eltern sind allerdings davon überzeugt, dass ihr Sohn ermordet wurde. Wollte er zu Dopingpraktiken im Radsport-Peloton auspacken? Und wollten Funktionäre oder gar Konkurrenten von einst dies verhindern? Wurde Pantani gar seit den ersten Doping-Verdächtigungen aus dem Jahr 1999 konsequent gemobbt? Hat ihn daher jemand gezwungen, die tödliche Dosis einzunehmen?

Und dann ist da noch die simpelste Erklärungsvariante: Pantani verpasste sich - ohne Tötungabsicht - eine Überdosis und starb an den Folgen. Medizinisch ist die Sache eindeutig: Herzversagen infolge des Kokainkonsums führte zum Tod des Italieners.

Symbol einer vergifteten Generation
Zehn Jahre nach seinem Ableben steht Marco Pantani wie kein anderer für eine vergiftete Generation des Radsports. Der begnadete Bergfahrer erzielte seine Resultate in jenen Jahren, als Doping seinen Höhepunkt im Peloton erreichte. EPO und Wachstumshormone hatten sich zu den bereits lange bekannten Mitteln gesellt, aus Kortison, Aufputschmitteln, Insulin, Steroiden, Narkotika und anderen Substanzen mixten sich Sportler, und wohl in besonderem Maße Radsportler, die Cocktails, die sie zu Ruhm und Ehre pushen sollten.

Zunächst hat das für viele große Athleten auch funktioniert. Pantani wäre nicht schon zu Lebzeiten eine Legende gewesen, hätte er nicht in so unnachahmlicher Weise Sieg um Sieg eingefahren: Gesamterfolge bei der Tour de France und beim Giro d’Italia 1998, weitere Podestplätze (3. der Tour 1994 und 1997, 2. des Giro 1994), acht Etappensiege bei der Tour und je nach Zählart sieben beziehungsweise acht Etappenerfolge beim Giro stehen im Palmarés des Kletterkünstlers aus Cesenatico. „Il Pirata“ (der Pirat) und „Elefantino“ lauteten seine Spitznamen. Die Fans verehrten ihn wie einen Popstar, manche gar wie einen Heilsbringer.

Sportmediziner gehen davon aus, dass sich der Giftmix, den viele Sportler nachweislich zu konsumieren pflegten, auch auf das Leben abseits des Sports auswirkte. Durchzechte Partynächte, Alkoholfahrten, Pöbeleien im Rausch – vielen Top-Profis haften derlei Makel an. Hinzu kommen anonymisierte Berichte über Radsportler der 1990er und 2000er Jahre, die nachts nur noch mit Schlafmitteln zur Ruhe kamen.

Unvergessen bleibt die Experten-Analyse des Medikamentenfunds im Auto von Editha Rumsas, Ehefrau des damaligen Tour-Dritten Raimondas Rumsas: Beinahe jedes Dopingmittel musste entweder mit einer Art Gegengift bekämpft oder zumindest mit einem Maskierungspräparat verschleiert werden. Nach dem Prinzip: aufputschen fürs Rennen, sedieren zur Nacht, Kreislauf ankurbeln am Morgen und so weiter. Oder so: Blut fürs Rennen andicken und zu den nachfolgenen Bluttests wieder verdünnen, damit der erlaubte Grenzwert von 50 Prozent unterschritten wird. 2002 wurde dieser Fall bekannt, damals rang Pantani noch um ein Comeback in diesem irre gewordenen Zirkus.

Herztod auch bei Jimenez (32) und Vandenbroucke (34)
Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass die drei exzentrischsten Stars dieser Ära bereits tot sind. Nur sechs Wochen vor Pantani war der ihm einzig Ebenbürtige am Berg in einem Krankenhaus an Herzversagen gestorben: Der Spanier Jose Maria Jimenez, viermaliger Bergkönig und Gesamtdritter der Spanien-Rundfahrt, neunfacher Etappensieger dieses Rennens und Achter der Tour de France 1997. Auch der „el Chava“ genannte Jimenez hatte an Depressionen gelitten und deshalb seine Karriere mit nur 30 Jahren beendet. Acht Tage vor Pantanis Tod wäre Jimenez 33 Jahre alt geworden.

Der Dritte im tragischen Bund ist Franck Vandenbroucke, das „enfant terrible“ des belgischen Radsports. Sieger der Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich, Gent-Wevelgem und Het Volk sowie zweifacher Etappensieger der Spanien-Rundfahrt auf der einen Seite, Trunkenheitsfahrer, Drogen-Junkie und Schläger auf der anderen Seite. Ein Suizid-Versuch scheiterte im Jahr 2007, am 12. Oktober 2009 lag „VDB“ tot in einem Hotelzimmer im Senegal. Einen Monat vor seinem 35. Geburtstag lautete die offizielle Diagnose Herzversagen.

Dass einige der in den 1990er Jahren und wohl bis heute verwendeten Doping-Präparate zu Depressionen führen können, ist bekannt. Dass Pantanis Seelenwelt aus den Fugen geraten war, zeichnete sich ebenfalls ab. Tief ins Herz traf den Kletter-Star sein Ausschluss vom Giro d’Italia 1999 wegen eines zu hohen Hämatokritwerts, der auf EPO-Doping schließen ließ. Am Tag nach seinem vierten Etappensieg jener Austragung, in Madonna di Campiglio, warfen die Kommissäre ihn aus dem Rennen, entrissen ihm das Rosa Trikot des Gesamtführenden. 48 Stunden später endete die Rundfahrt mit dem Sieg des Widersachers Ivan Gotti.

Anschließend taumelte Pantani mehr, als dass er Radrennen fuhr. Nur noch zweimal zeigte er seine ganze Klasse: Bei der Tour 2000 siegte Pantani am Mont Ventoux und in Courchevel, doch der innere Groll war spürbar. Pantani entlud ihn auf den streitbaren Lance Armstrong, der jene Tour gewann und dem Italiener mit allzu gönnerhafter Pose den Sieg am Ventoux überließ. Ein Affront, wie der beste Kletterer dieser Jahre meinte. Fortan blies Pantani zum Angriff, rüttelte am Thron des US-Amerikaners, der ihn zwar hinauf nach Courchevel ziehen lassen musste. Doch während der letzten Bergetappe konterte Armstrong Pantani mit Mannschaftsstärke aus, ließ den früh enteilten Bergfloh quasi am langen Arm verhungern. Pantani büßte Minuten ein, stieg nach dieser zusätzlichen Demütigung sogar aus. Die Tour fuhr er nie wieder.

Ein letztes Mal deutete Pantani beim Giro d’Italia 2003 an, dass er möglicherweise noch einmal zu alter Stärke finden könnte. Platz 14 sprang in der Endabrechnung heraus. Mehr als dieses achtbare Schlussresultat nährte allerdings die Fahrweise des Stars die Hoffnungen seiner Anhänger: Ein Sturz brachte ihn während einer Abfahrt an den Rand der Aufgabe. Anstatt um den möglichen Etappensieg zu fahren, musste Pantani die Konkurrenz abermals ziehen lassen, die Top Ten gerieten außer Sichtweite. Doch er gab nicht auf. So viel Kampfgeist hatte Pantani drei Jahre lang nicht gezeigt. Eine Einladung zur Tour erhielt er trotzdem nicht, im Herbst ließ sich Pantani wegen Depressionen in einer Klinik behandeln. Neun Monate später starb der tief gefallene Kletterer.

Über Nacht Volksheld Nummer eins
Marco Pantanis Karriere war von Beginn an wechselhaft verlaufen, mit phantastischen Höhen und zermürbenden Tiefen. Im Herbst 1995 kollidierte er während des Klassikers Mailand-Turin mit einem entgegenkommenden Auto, brach sich etliche Knochen, seine Karriere wäre beinahe beendet gewesen. Beim Giro 1997 gab er sein Comeback, doch ein Hund lief ihm ins Rad, er musste aufgeben. Dann kam die Tour de France 1997, und Pantani meldete sich ausgerechnet mit dem Etappensieg in Alpe d’Huez zurück. Stoff, wie gemacht für eine Sport-Legende.

Entscheidend war jedoch Pantanis furchtlose Fahrweise. Die Vorgabe, dass ein Sportler einen anderen Champion schlagen muss, um selbst ein Champion zu werden, erfüllte „il Pirata“ gleich zu Beginn doppelt. Eigentlich sollte der damals 23-Jährige im Mai 1994 dem arrivierten Kapitän des Carrera-Teams, Claudio Chiappucci, bei dessen wohl letztem Anlauf helfen, den Giro d’Italia zu gewinnen. Chiappucci („el Diabolo“, der Teufel), war seinerzeit der unbestrittene Liebling der italienischen Radsport-Tifosi. Doch es war Pantani, der zwei Etappen gewann und Rang zwei des Giro belegte. Nicht „el Diabolo“ bot dem großen Miguel Indurain die Stirn, sondern Pantani verwies den Giro-Sieger von 1992 und 1993 auf Rang drei. Chiappucci wurde Fünfter, erneut mit vielen Minuten Rückstand zu Indurain, den er nie zu knacken vermochte.

Pantani hatte Chiappucci über Nacht als Volksheld Nummer eins abgelöst. Dabei ähneln sich beide: Unerschrockene Attacken waren stets ihre besten Waffen, von Taktik hielten sie indes nicht viel. Beide forderten die Radgrößen ihrer jeweiligen Zeit ohne Unterlass heraus. Der Unterschied: Pantani besiegte sie alle irgendwann, während Chiappucci meist zweiter Sieger blieb. Für jeden der zeitgenössischen Top-Rundfahrer konnte der „Pirat“ eine Kerbe ins Holz ritzen: Miguel Indurain, Bjarne Riis, Jan Ullrich, Tony Rominger, Lance Armstrong, Richard Virenque, Alex Zülle, Abraham Olano, Fernando Escartin, Jose Maria Jimenez, Ivan Gotti, Roberto Heras, Pavel Tonkov – die Liste ließe sich noch weit fortführen.

Wie sein kometenhafter Aufstieg und sein erstes Comeback, so ist auch Pantanis letzter Weltklasse-Auftritt legendenträchtiger Stoff: Bei seinem Etappensieg in Courchevel (Tour de France 2000) degradierte er im direkten Wettbewerb das wohl beste Teilnehmerfeld einer Frankreich-Rundfahrt dieser Epoche beinahe in eine Zuschauerrolle. Als letzten überholte Pantani an jenem 16. Juli drei Kilometer vor dem Ziel Jimenez, auf den weiteren Plätzen folgten Armstrong, Heras, Ullrich, Virenque, Escartin, Joseba Beloki, Christophe Moreau, Santiago Botero, Oscar Sevilla und wie sie alle hießen. Rückblickend war dies der verfrühte, aber genauso passende Schlusspunkt einer schillernden Karriere.

Hämatokritwert von 60 Prozent
Dass der zweifache Alpe d’Huez-Triumphator diese Karriere nicht ohne Doping bestritten hat, ist erwiesen. Seinen Giro-Ausschluss 1999 bewertete Pantani zwar als Teil einer Kampagne. Aber bereits ein Jahr zuvor wäre er beinahe wegen zu dicken Bluts aus der Italien-Rundfahrt geflogen, doch sein Teamkollege Riccardo Forconi gab den betreffenden Test als den seinen aus. Und nach dem fatalen Unfall im Herbst 1995 war im Krankenhaus ein Hämatokritwert von mehr als 60 Prozent festgestellt worden. Seinen Sieg bei der Skandal-Tour 1998 hätte ihm die UCI in 2013 auch fast noch aberkannt, weil Nachtests in den Proben des Italieners EPO nachgewiesen hatten. Und dann war da noch die Insulin-Spritze, die während des Giro 2001 in Pantanis Hotelzimmer gefunden wurde.

Seine Siege und sein Anstiegsrekord hinauf nach Alpe d’Huez stehen dennoch bis heute. Doch was blieb sonst vom „Piraten“, sind die Schicksale Pantanis, Jimenez‘ und Vandenbrouckes Lehren gewesen, haben sie etwas verändert im Profisport? Zumindest der Radsport soll sauberer geworden sein, belastbare Belege gibt es dafür nicht. Insider behaupten immerhin, dass die völlig verrückte Zeit vorüber ist.

Die Zahl der positiven Dopingtests wiederum nimmt nicht ab. Am ehesten widerlegen die Fälle Riccardo Ricco und Danilo di Luca selbst bei Pantanis Landsleuten ein Umdenken. Beide sind nach mehrfachen Dopingvergehen lebenslang gesperrt. Am 6. Februar 2011 wurde Ricco mit akutem Nierenversagen in eine Klinik eingeliefert, der damals 27-Jährige gestand, er habe sich zuvor selbst Eigenblut transfundiert. In 2008 war er bereits positiv auf EPO, in 2010 auf CERA getestet worden.

Kaum jemand bezweifelt, dass Pantani ebenso wie Jimenez und Vandenbroucke als saubere Sportler in einem sauberen Radsport-Umfeld ebenfalls große Erfolge gefeiert hätten. Nahezu sicher ist, dass alle Drei ohne den Dopingsumpf heute wohl noch am Leben wären. Ihre Schicksale sollten eine Mahnung sein.

Dass sie es augenscheinlich nur bedingt sind, ist gar nicht so überraschend. Wäre Abschreckung so einfach, hätte es nach Tom Simpsons Tod am Mont Ventoux (Tour 1967) kein Doping mehr geben dürfen. In einer Umgebung, in der die Gier nach Rekorden regiert, ist der Versuch, jegliche Manipuation zu verhindern wohl utopisch.

„Solange Zuschauer, Verbände und Journalisten von Athleten immer neue Rekorde und großes Spektakel erwarten, müssen sie sich nicht wundern, wenn einer mit Spritzen, Eigenblut oder Weißderteufel nachhilft. Und aufregen schon gar nicht", schrieb David Hugendick. Schicksale wie das von Marco Pantani belegen jedoch, dass der Einsatz zumindest für einen möglichst sauberen Sport unerlässlich ist.

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