Chris Froome gewinnt die 102. Tour de France

Greipel setzt auf den Champs Élysées die deutsche Serie fort

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André Greipel (Lotto Soudal) sprintet in Paris zu seinem vierten Etappensieg bei der 102. Tour de France. | Foto: Cor Vos

26.07.2015  |  Paris (dpa/rsn) - Gesamtsieger Christopher Froome (Sky) genehmigte sich auf seiner verregneten Tour d`Honneur ein Gläschen Champagner, André Greipel (Lotto Soudal) krönte sich auf den Champs Élysées zum Sprinterkönig.

Beim großen Finale auf dem Pariser Prachtboulevard raste der 33 Jahre alte Hürther zu seinem vierten Etappensieg bei der spektakulär verlaufenen 102. Tour de France und vollendete ein weiteres Sommermärchen der deutschen Radprofis. Am Ziel seiner Träume angelangt, hatte  Greipel Tränen in den Augen. Sichtlich gerührt stieg das Kraftpaket aus Rostock zusammen mit seinen beiden Töchtern im Schatten des Arc de Triomphe die große Bühne zur Siegerehrung hinauf.

„Davon habe ich immer geträumt. Paris ist die Sprinter-Hauptstadt im Radsport», sagte der 33-Jährige, nachdem er sich am Sonntag auf den Champs Élysées triumphiert hatte. „Alles, was ich in meiner Karriere gemacht habe, zahlt sich jetzt aus“, sagte Greipel voller Stolz in der ARD und wollte „auf jeden Fall nicht mit Wasser“ feiern.

Greipel, der auf der 21. und letzten Etappe über 109,5 Kilometer von Sèvres nach Paris überlegen vor dem Franzosen Bryan Coquard (Europcar) und dem Norweger Alexander Kristoff (Katusha) gewann, sorgte für den sechsten deutschen Etappensieg - so viele holte keine andere Nation. John Degenkolb (Giant-Alpecin) wurde zum Abschluss Achter.

Übermannt von seinen Gefühlen war auch Froome, als nach seinem zweiten Gesamtsieg nach 2013 die Nationalhymne „God save the Queen" ertönte. Auch der Brite hatte feuchte Augen, dann dankte er mit stockender Stimme seinen Teamkollegen und seiner schwangeren Frau Michelle. „Ich habe schwerste Momente bei der Tour überstanden. Das Gelbe Trikot ist sehr speziell."

Nach 3360,3 Kilometern hieß es auf den Champs Èlysées wieder „Rule Britannia“. Der 30 Jahre alte Froome wiederholte nach einem spektakulären Duell mit dem Kletterspezialisten Nairo Quintana (Movistar) seinen Toursieg von 2013. Auch damals hatte er sich vor dem kleinen Kolumbianer durchgesetzt. „Beim ersten Mal ist ein Traum wahr geworden. Jetzt habe ich es wieder geschafft. Ich kann es kaum begreifen“, sagte der Sky-Kapitän, der in der Stunde des Triumphes die vielen - unappetitlichen - Anfeindungen abhakte.

Bis er den Siegerpokal auf dem Podium im Schatten des Arc de Triomphe hochhalten durfte, war Froome aber am Samstag auf dem Weg ins Radsport-Mekka L`Alpe d`Huez „tausend Tode“ gestorben. Sein hartnäckiger Rivale Quintana hätte Froome beim Showdown fast noch das Gelbe Trikot entrissen. Ganze 72 Sekunden Vorsprung hatte der Brite nach über 85 Stunden Fahrzeit vor dem Kletterer aus den Anden nach Paris gerettet. Im Nachhinein erwies sich die Windkanten-Etappe nach Zeeland am zweiten Tag, als Quintana 1:28 Minuten verloren hatte, fast schon als Schlüsselereignis.

Auf Platz drei landete Quintanas spanischer Teamkollege Alejandro Valverde (+5:25), der erstmals in seiner Karriere auf dem Tour-Podium landete, gefolgt vom entthronten Titelverteidiger Vincenzo Nibali (Astana), Giro-Sieger Alberto Contador (Tinkoff-Saxo) sowie den beiden Niederländern Robert Gesink (LottoNL-Jumbo) und Bauke Mollema (Trek). Der Schweizer Mathias Frank (IAM) verwirklichte sein Ziel von den Top Ten und wurde Achter vor den beiden Franzosen Romain Bardet (Ag2R) und Pierre Rolland (Europcar).

Die Schlussetappe gehörte aber traditionell den Sprintern, und da trat Greipel in die Fußstapfen seines Landsmannes Marcel Kittel, der 2013 und 2014 ebenfalls in Paris gewann und bei den vergangenen beiden Tour-Ausgaben ebenfalls auf jeweils vier Etappenerfolge kam. Für Greipel war es sein bereits zehnter Tagessieg, womit er in der deutschen Bestenliste nur noch zwei Erfolge hinter Erik Zabel liegt. „Das war heute der Abschluss unserer eigenen WM. Wir haben alles noch mal in die Waagschale gelegt. Dieses Jahr haben wir alles richtig gemacht“, sagte Greipel, den nach den schweren Alpen-Etappen der vergangenen Tage Knieschmerzen plagten.

Es war das passende Finale einer erneuten „Tour d`Allemagne“. Neben Greipel hatten auch Rauschebart Simon Geschke und Tony Martin eine Etappe gewonnen. Fast noch denkwürdiger war aber Martins unermüdliche Jagd nach Gelb, die in Cambrai ihr Happy End und zwei Tage später beim Schlüsselbeinbruch in Le Havre ihr jähes Ende gefunden hatte.

Danach hatte Froome das Kommando übernommen und nicht mehr abgegeben. Für den wie ein Roboter auf dem Rennrad fahrenden Briten und sein Sky-Team war es der Startschuss für einen regelrechten Spießrutenlauf. Froome wurde beleidigt und bespuckt, mit Urin überschüttet, seine Kollegen bekamen Faustschläge in die Rippen. Am Ziel seiner Träume angelangt, zeigte der in Kenia geborene Froome gute Manieren. „99,9 Prozent der Fans sind absolut fantastisch. Es sind einige wenige Zuschauer, die das Image beschmutzen“, sagte Froome, der auch das Bergtrikot holte. Der letzte Gesamtsieger, dem dieses Kunststück gelang, war 1970 Eddy Merckx.

Quintana, der am Samstag als Zweiter hinter dem Franzosen Thibaut Pinot /FDJ) die Ziellinie in L`Alpe d`Huez überquert hatte, wurde bester Jungprofi. Der Slowake Peter Sagan (Tinkoff-Saxo) holte zum vierten Mal in Serie das Grüne Trikot des Punktbesten.

Britisches Wetter begleitete das Feld der noch 160 Fahrer auf der Tour d’Honneur nach Paris hinein. Der strömende Regen sorgte dafür, dass sie Jury beschloss, bereits bei der der ersten Zielpassage auf den Champs-Élysées 68,5 Kilometer vor dem Ziel die Zeit abgenommen und die Gesamtwertung quasi eingefroren wurde. Damit ging es auf der Pariser Prachtstraße nur noch um den Etappensieg.

Vom wenig sommerlichen Wetter ließen sich vor allem Froome und seine Teamkollegen, die mit gelben Applikationen an den Trikots und Hosen unterwegs waren und aber die gute Laune nicht verderben. Auf den ersten Kilometern, die traditionell im Bummeltempo zurückgelegt wurden, nahm Froome die Gratulationen seiner Konkurrenten entgegen, nahm ein Glas Champagner am Teamwagen und stieß mit Teamchef Dave Brailsford auf den dritten Triumph eines Sky-Fahrers innerhalb der vergangenen vier Jahre an. Filippo Pozzato (Lampre-Merida) holte sich an der Côte de l`Observatoire (4. Kat.) den letzten zu vergebenden Bergpunkt dieser Tour – alles nach wie vor im Tempo von Freizeitradlern.

Als die acht Sky-Fahrer das Feld auf den Rundkurs führten und zum ersten Mal die Ziellinie passierten, stand Froome auch offiziell als Gewinner der Frankreich-Rundfahrt 2015 fest. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, doch auf abtrocknenden Straßen dauerte es dann noch bis 54 Kilometer vor dem Ziel, ehe die ersten Attacken erfolgten. Andriy Grivko (Astana) sicherte sich als erster Angreifer die 20 Punkte am Zwischensprint, ehe Sylvain Chavanel (IAM) davonzog und Lotto Soudal sich in voller Mannschaftsstärke sich auf die Verfolgung des Franzosen machten und ihn schnell wieder einfingen.

Etwas länger hielt sich dann eine Dreiergruppe vorn: Kevin Vanbilsen (Cofidis), Nelson Oliveira (Lampre-Merida) und Pierre-Luc Périchon (Bretagne-Séché Environnement) fuhren sich einen Vorsprung von rund einer halben Minute heraus. Zwischenzeitlich spannte sich auch das Europcar-Duo Thomas Voeckler und auch Cyril Gautier vor das Peloton, an dem aber weiterhin die roten Trikots des Lotto-Teams dominierten.

Auf der vorletzten Runde steckte auch Auftaktsieger Rohan Dennis (BMC) seine Nase nochmals in den Wind und schloss zu den drei Ausreißern auf, die aber nur noch zwölf Sekunden vor dem Feld fuhren. Froome musste sein ganz in Gelbe gehaltenes Rad wechseln, nachdem sich eine Plastiktüte in seinem Hinterrad verfangen hatte. Trotz des hohen Tempos gelang es dem Toursieger aber, mit Hilfe seiner Teamkollegen wieder ins Feld zu fahren.

Lotto Soudal und Europcar gelang es dann mit vereinten Kräften, die Ausreißer zustellen, nachdem sich Vanbilsen und Dennis eingangs der Schlussrunde von ihren Begleitern abgesetzt hatten. Erst auf den letzten drei Kilometern zeigten sich auch die anderen Sprinterteams an der Spitze, so etwa Orica-GreenEdge, Giant-Alpecin und Katusha, das auf dem Schlusskilometer nach vorne zog, um Kristoff doch noch den ersten Etappensieg bei dieser Tour zu sichern.

Greipel dagegen war zu diesem Zeitpunkt etwa zurückgefallen und musste von sechster oder siebter Position seinen Sprint anziehen. Doch der zweimalige Deutsche Meister stellte auch am letzten Tag der Tour 2015 eindrucksvoll unter Beweis, dass er der mit Abstand stärkste Sprinter in diesem Jahr war.

Greipel zog in der Mitte der Straße an allen seinen Konkurrenten vorbei, passierte auch Kristoff, der zu früh im Wind war, mühelos und setzte sich deutlich vor dem noch stark aufkommenden Coquard durch, der seine erste Tour fast mit einem Sieg abgeschlossen hätte. Hinter den kämpfenden Sprintern fuhr Froome mit seinen sieben Teamkollegen – Peter Kennaugh hatte als einziger des Sky-Aufgebots vorzeitig beenden müssen – in einer Linie über die Ziellinie und genoss den Augenblick.

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