RSNplusOhne Sturz kein Sieg?

Angeschlagener Waerenskjold hatte in Nevers “nichts zu verlieren“

Von Sebastian Lindner

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Sören Waerenskjold (Uno-X Mobility) auf dem Podium in Nevers; Der Norweger feierte seinen ersten Tagessieg bei einer Grand Tour. | Foto: Cor Vos

15.07.2026  |  (rsn) – Der Story halber hätte Biniam Girmay in Nevers gewinnen sollen. Oder irgendein anderer NSN-Profi. Immerhin stehen die drei Majuskeln des spanischen Sport- und Unterhaltungsunternehmens für “Never say Never“. Und gerade in der zentralfranzösischen 33.000-Einwohner-Gemeinde kommt dieser Wortwitz gewiss besonders gut an. Allerdings lässt sich das Spielchen auch ganz gut mit dem tatsächlichen Ausgang des Tages machen, denn auch auf das norwegische Uno-X -Team passt der Spruch “Sag niemals nie“ ganz vortrefflich.

Vor allem auf einer 11. Etappe der Tour de France. Vor einem Jahr hatte Jonas Abrahamsen auf genau jenem Teilstück den ersten Tour-Etappensieg in der Teamgeschichte gefeiert, indem er sich als Ausreißer des Tages im Sprint gegen Mauro Schmid durchgesetzt hatte. In Nevers versuchte es das Team erneut über die Gruppe, dieses Mal mit Anthon Charmig. Allerdings sind Ausreißversuche bei dieser Tour, zumindest auf Flachetappen, im Grunde aussichtslos. Die Sprinterteams halten den Abstand konsequent bei unter zwei Minuten, so dass nichts schiefgehen kann. ___STEADY_PAYWALL___

Für Uno-X scheint das manchmal der Anlass zu sein, erst recht beweisen zu wollen, dass es geht. In Sachen Motivation und Kampfgeist scheint es im Peloton kaum eine Mannschaft zu geben, die es mit den angriffslustigen Skandinaviern aufnehmen kann. Das gilt nicht nur für die ausreißende Fraktion, sondern auch für Sören Waerenskjold. Auch er hätte sich durch aus “Never say Never“ sagen können, bevor er zu seinem gewaltigen 400-Meter-Sprint ansetzte, der ihm seinen ersten Sieg bei einer Grand Tour bescherte.

Selbstvertrauen kein Thema

Die 10. Etappe in Le Lioran beendete Waerenskjold nämlich genau am anderen Ende der Ergebnisliste: als Letzter, fast 42 Minuten hinter Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG). Wie unter anderem auch Tom Pidcock und dessen Teamkollege Chris Harper (Pinarello – Q36.5) war der 26-Jährige in der Abfahrt vom Puy Mary (1. Kategorie) gestürzt. Während Harper deshalb nicht mehr zum Start der 11. Etappe antreten konnte, Pidock hingehen mit leichten Blessuren sofort wieder aufs Radsprang, sprach Waerenskjold in der Nevers-Pressekonferenz von einem “mittelschweren Sturz. Ich habe es heute gespürt, aber es war nicht zu schlimm. Mein Bein ist ein bisschen angeschwollen und meine Finger haben ein bisschen wehgetan“, sagte er. “Als das Adrenalin reingekickt hat, konnte ich mich auf das Finale konzentrieren.“

Zielsprint der 11. Tour-Etappe: Sören Waerenskjold (Uno-X Mobility, in Rot) auf dem Weg zum Sieg | Foto: Cor Vos

Es muss reichlich Adrenalin gewesen sein. Denn Waerenskjold hatte nicht nur die Beine für 400 Meter Vollgas, sondern vor allem den wachen Geist, schnell genug zu schalten, Olav Kooijs zu weit raus gefahrenen Anfahrer Cees Bol (Decathlon - CMA CGM) als Sprungbrett zu nutzen und seinen Angriff bis zur Linie durchzuziehen. Was es dafür auch benötigte: Selbstvertrauen. Das hatte Uno-X-Manager Thor Hushovd in Bordeaux zum Thema gemacht, nachdem Waerenskjold da schon überraschend auf Rang zwei gesprintet war und nur Tim Merlier (Soudal – Quick-Step) den Vortritt hatte lassen müssen. 

Hushovd hatte durchklingen lassen, dass es seinem Schützling möglicherweise etwas daran fehlen könnte. Waerenskjold selbst sah das allerdings anders, wie er RSN bestätigte. “Ich glaube, ich hatte (schon in Bordeaux) genug Selbstvertrauen, dass ich gewinnen könnte. Aber es gibt zwei, drei Leute, die schneller als ich sind. Die müssen entweder eingeklemmt sein oder ich muss etwas Glück haben – so wie heute, als ich eine Lücke hatte.“

“Wäre ich nicht gestürzt, hätte ich nicht diese Lücke genommen“

Dabei lieferte der frühere U23-Zeitfahrweltmeister auch einen Ansatz, wodurch dieses kleine Missverständnis möglicherweise hervorgerufen wird. “Ich versuche dem Team zu sagen, dass ich nicht der Favorit bin. Dann glauben sie vielleicht, ich bin etwas negativ eingestellt. Aber das ist meine Art.“ Am Vortag, als er gestürzt war, sah er dazu auch noch “sehr traurig aus“, wie sein Teamkollege Tobias Johannessen bei Eurosport sagte. “Wir hatten nach seinem Sturz wirklich nicht geglaubt, heute gewinnen zu können. Das ist ein verrücktes Gefühl. Verrückt!“, jubelte er, bevor er dann auch noch, ähnlich wie Teamchef Hushovd, anfügte: “Nach dem zweiten Platz hat er gemerkt, dass es möglich ist.“

Im Ziel war der Jubel bei Uno-X Mobility grenzenlos. | Foto: Cor Vos

Was den Glauben im Team möglicherweise etwas schwinden hatte lassen, war die Schwere der Verletzung, die Waerenskjold in der Pressekonferenz vielleicht etwas runterspielte. Denn Johannessens Zwillingsbruder Anders ergänzte bei Eurosport: “Wir wussten, dass Sören etwas verletzt war, etwas mehr als wir gestern zunächst dachten.“

Wie schwer es Waerenskjold nun auch immer erwischt haben mochte – der Sturz war auf jeden Fall entscheidend. Das sagte er RSN dann auch noch. “Ich glaube, wenn ich gestern nicht gestürzt wäre, hätte ich nicht diese Lücke genommen. Wenn ich nicht gestürzt wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht das Gleiche gemacht, nicht die Lücke auf der rechten Seite genommen, auch wenn der Weg etwas weiter war. Ich glaube, mental war ich so weit, dass ich nichts zu verlieren hatte.“

“Nichts zu verlieren haben“ – das geht auch in die Richtung von “Sag niemals nie“. Gerade in Nevers.

Schon in Bordeaux hatte sich Waerenskjold im Sprint nur Tim Merlier (Soudal – Quick-Step) geschlagen geben müssen. | Foto: Cor Vos

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