Profi-Radsport

Hamburger Erklärung (fast) im Wortlaut

Jan Ullrich: Das sind – Gott weiß – meine Gedanken

27.02.2007 - Hamburg (dpa) - Der frühere Tour-de-France-Gewinner Jan Ullrich hat am 26. Februar in Hamburg in einer öffentlichen Erklärung seinen Rücktritt vom aktiven Radsport bekannt gegeben. Der 33-Jährige nahm auch zu den Doping-Vorwürfen gegen ihn Stellung. Die dpa dokumentiert Ullrichs wichtigste Aussagen (fast) im Wortlaut. Deshalb wirkt die frei vorgetragene Rede teilweise etwas hölzern:

«Das, was ich jetzt hier vor mir habe, (...) das sind - Gott weiß - meine Gedanken. (...)

Ich fange mit einem der schwärzesten Tage an in meiner ganzen Karriere an: dem Ausschluss der Tour de France, damit möchte ich beginnen. Ich möchte noch einmal kurz den Tag Revue passieren lassen, den 30.6.2006, ein Tag vor Tour-de-France-Beginn in Straßburg. Die Ausgangslage war so, dass ich absolut in Topform war, ich hatte kurz zuvor die Tour de Suisse gewonnen, das Team war sehr, sehr gut, trotz der vielen Hindernisse im Frühjahr - da erinnere ich nur an 13 Wochen Knieschmerzen, mit denen ich rumkämpfen musste. Ich war wirklich in einer guten Verfassung. Wir waren motiviert bis über beide Ohren und überzeugt davon, dass wir um den Sieg mitfahren können, und vielleicht noch einmal das ganz große Ding schaffen können - das Gelbe Trikot bei der größten Rundfahrt der Welt bis nach Paris zu tragen.

Leider kam es ein bisschen anders, als wir es uns vorgestellt haben. Ich war gerade im Zimmer auf der Rolle, habe noch trainiert, weil das Hotel belagert wurde wegen der ganzen Spekulationen, die aufgekommen waren. (...) Ich bekam die Nachricht auf der Rolle beim Training, dass ich ausgeschlossen bin, dass ich suspendiert bin, dass ich die Tour de France nicht fahren kann.

Ich habe erst einmal gedacht: Gut, böser Traum, zwick mich mal, Jan wach auf, was ist hier los? Da brach einfach meine Sportlerwelt für mich ein bisschen zusammen. (...) Für mich war es ein Riesenschock, den ich bis heute noch nicht ganz verkraftet habe. Meine Frau hat mich dann zum Glück gleich abgeholt, wir sind mit Tränen in den Augen nach Hause gefahren. Ab dem Tag war nichts mehr, wie es vorher war.

Wie es zu dem Ausschluss von mir und einigen Topfavoriten kommen konnte, verstehe ich bis heute nicht (...) Ich denke, dass es eine absolute Überreaktion war und eine Vorverurteilung gegenüber uns Sportlern, die es vorher noch nie gegeben hat und wie es sie eigentlich in einem Rechtsstaat nicht geben sollte.

Ich komme zum nächsten Punkt, den Verbänden: Ich bin wahnsinnig enttäuscht, das kann ich ganz offen sagen, von den Verbänden UCI, Swiss, Cycling, Swiss Olympic, meiner Heimverbände, weil sie sich nicht um die eigentlichen Akteure, uns Sportler kümmern. Stattdessen fördern sie diese Vorverurteilung, diese Rufschädigung, hauptsächlich gegen mich. Der Schweizer Verband erweckt seit acht Monaten den Eindruck, er hätte belastendes Material gegen mich. Er sagt, mit diesem Material sperren wir Jan Ullrich lebenslang - ich betone lebenslang, das ist ja immer so ein tolles Wort, wie ich finde. (...)

Ich frage mich, wo ist dieses Material, und warum gibt es kein Verfahren, warum wird kein Verfahren eröffnet - seit acht Monaten, seit acht Monaten. Ich hätte mir Ähnliches wie im Fall Basso gewünscht, dass ich auch einmal angehört werde. Mich hat in der ganzen Zeit noch keiner vom Verband angerufen, mich wollte keiner sprechen, ich konnte mich nicht äußern, ich konnte keine Stellungnahme geben - das fand ich echt total schwach, das war wahnsinnig schwach. Fakt ist eins, es ist kein Verfahren eröffnet in der Schweiz und ich kann jederzeit eine Lizenz haben, das ist Fakt.

Über die UCI muss ich mich auch ein bisschen aufregen, nicht nur ein bisschen. Der große Weltverband hat die Verantwortung, die Drecksarbeit auf die Landesverbände abgeschoben. Wenn die Landesverbände entscheiden, dass die Fahrer starten dürfen, kommt hinten die UCI wieder aus ihrem kleinen Versteck raus gekrochen und sagt, nein, da müssen wir gegen vorgehen, das akzeptieren wir nicht. Aber wie gesagt, sie übernehmen keine Verantwortung, und die Drecksarbeit haben sie auf die Landesverbände abgeschoben. Super fein, würde ich da mal sagen.

«Kurz zu Spanien: In Spanien geht es meines Erachtens nach auch nur drunter und drüber. Grundlage der Vorverurteilung ist ja ein Bericht, den die UCI illegal aus Spanien erlangt hat und dann an die Verbände weitergeleitet hat. Dieser Bericht ist, das wissen wir auch mittlerweile, mehrmals verfälscht worden, es gibt viele Versionen, es sind eigene Interpretationen und eigene Meinungen reingemischt worden, und gegen den Verfasser des Berichtes - ist ja auch bekannt - wird strafrechtlich ermittelt in Spanien. Der Bericht ist jetzt zurückgezogen worden von allen Gerichten, er darf nicht gegen die Sportler verwendet werden, da er Unfug ist. (...) Dass ich bei diesem ganzen Theater das Vertrauen in die Verbände und auch bestimmte Gerichte verloren habe, ist nicht verwunderlich. (...)

Was wahrscheinlich auch alle interessiert, ist die Strafanzeige, die in Bonn gegen mich gestellt wurde. Es ist ein laufendes Verfahren in Bonn gegen mich, es wird ermittelt gegen mich. Wer das schon einmal durchgemacht hat, was Sara und ich in den letzten Monaten durchgemacht haben, der weiß, dass ich dazu nicht viel sagen darf und auch nicht viel sagen möchte und werde. Was ich sagen kann, ist, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, ich habe in meiner ganzen Karriere keinen betrogen und auch keinen geschädigt. Das ist das, was ich mit Stolz sagen kann. Es wird ermittelt, die Ermittlungen werden irgendwann abgeschlossen sein. Später mehr dazu.

Ein bisschen befremdlich ist natürlich für mich, wie deutsche Sportler, insbesondere jetzt ich, behandelt wurden. Ich kam mir wirklich ein bisschen vor wie ein Schwerverbrecher, obwohl ich mir nichts zu Schulden habe kommen lassen. Es ist nicht witzig, wenn man überall nach einer DNA-Probe fragt. (...) Für mich war das nicht witzig, ich habe sie jetzt abgegeben, weil ich mit Bonn kooperiere und weil ich auch den Fall schnell abwickeln will. (...)

Ganz besonders ans Herz gewachsen in den letzten Monaten ist mir ein zerstreuter Professor aus Heidelberg, der einiges über mich wusste. Wer ihn mal live im Fernsehen gesehen hat, wie er argumentiert, dann glaube ich, dass auch jeder gesehen hat, dass der Mann sich selbst disqualifiziert hat mit den Äußerungen, die er machte. Er zitiert aus spanischen Berichten, obwohl er kein Spanisch kann, der Mann hat Talente... Wahnsinn, dieser Mann. (...)

Einer meiner besten Kumpels ist Rudolf Scharping. Ihn muss ich auch noch mal persönlich nennen. In meiner erfolgreichen Zeit - die gab es ja auch – war er einer der größten Schulterklopfer. Er war bei vielen Rennen dabei, im Trainingslager hat er sich oft mit mir ablichten lassen. Er war immer mit seinem eigenen Fotograf dabei, wo Kamerateams waren und hat meine Popularität genutzt. Auch dieser Mann - jetzt mittlerweile abgestiegen vom Verteidigungsminister zum Radsportpräsidenten Deutschlands. (...) Meiner Meinung nach ist das wahnsinnig schlecht für den deutschen Radsport, solche Leute als Präsidenten, die keine Leidenschaft haben, die auf den Zug Radsport, als er richtig gut und schnell unterwegs war, rauf gesprungen sind, die den Sport nicht lieben, dass die mittlerweile sagen können und bestimmen können, was hier läuft. Solche Leute sind auch die ersten, die das sinkende Schiff auch wieder verlassen werden. Sie tun dem Radsport nicht gut. (...)

Genug gemeckert, genug Vergangenheit, genug Negatives. (...) Jetzt bin ich in der Situation, wo ich sagen kann, das habe ich mir immer gewünscht, ich kann sagen - fahr ich weiter oder fahr ich nicht weiter? Ja, es hat Monate gedauert, dass ich mir hundert Prozent sicher war, jetzt weiß ich, was ich will, was mich glücklich macht, was ich für die Zukunft will, was ich mir vorstelle, was meine Aufgaben sind.

Deswegen möchte ich offiziell bekannt geben heute, dass ich dem Radsport erhalten bleibe. Aber nicht mehr als aktiver Radprofi. Ich beende heute meine aktive Karriere. (...) Ich gehe daran nicht kaputt und ich sehe eine wahnsinnige Zukunft, die ich jetzt auch noch mal erklären möchte. (...)

Ich werde dem Radsport ja erhalten bleiben, weil ohne Radsport kann ich nicht leben. Das ist meine Liebe, meine Leidenschaft. Deswegen habe ich mich auch entschieden, mit einem Team zusammenzuarbeiten. Komme mir fast vor wie ein Politiker hier. Es sind die beiden Chefs vom Team Volksbank aus Österreich, der Thomas und der Harald, die heute anwesend sind. Das ist u.a. auch ein Team, das mich als Aktiven verpflichtet hätte (...). Das hat mir wahnsinnig zugesagt, die Mentalität des Teams. Deswegen habe ich mich auch für dieses Team entschieden, ich werde als Berater, als Werbeträger und als Repräsentant tätig sein. Was mich ganz besonders freut, dass das Team auch eine aktive Jugendplanung betreibt und da werde ich mich einbringen. (...)