Kortison-Injektionen aufgrund von ärztlichen Attesten

Westra gesteht Einsatz von TUEs zur Leistungssteigerung

Foto zu dem Text "Westra gesteht Einsatz von TUEs zur Leistungssteigerung"
Lieuwe Westra hat den Missbrauch von Medizinischen Ausnahmegenehmigungen zugegeben. | Foto: Cor Vos

29.04.2018  |  (rsn) - Diese Meldung dürfte die Diskussionen um die umstrittenen Medizinischen Ausnahmegenehmigungen, Therapeutic Use Exemptions (TUE), weiter befeuern. Wie die Zeitung Leeuwarder Courant berichtete, gesteht der zurückgetretene Astana-Profi Lieuwe Westra in seiner kommenden Woche erscheinenden Autobiografie "Die Bestie – das Radsportlerleben von Lieuwe Westra“, dass er TUEs zu leistungssteigernden Zwecken eingesetzt habe.

"Das ärztliche Attest erhielt ich oft mit einer vorgetäuschten Verletzung, zum Beispiel einer Entzündung im Knie", so der Niederländer in dem von Thomas Sijtsma verfassten Buch. Bereits in seinem ersten Profijahr (2009 bei Vacansoleil) sei ihm klar geworden, "dass mit nur hartem Training keine Siege zu erzielen sind. Wenn man bei den großen Jungs mitmischen wollte, musste man die Grenzen des Zulässigen austesten." Das tat Westra jahrelang zu seinen Saisonhöhepunkten mit der Injektion von Kortison. Aber auch Arzneimittel, welche die Bronchien erweitern, obwohl er kein Asthma habe, konnte er durch ärztliche Absegnung einnehmen.

Der Astana-Teamleitung sei das Thema seiner Auffassung nach bekannt gewesen. "Ich denke, das Team-Management wollte nicht wissen, was in diesen Jahren vor sich ging", heißt es in dem Buch. "Obwohl sie es oft wussten, haben wir aber nicht offen darüber gesprochen. Wir mussten Leistung bringen und es war ihnen egal, solange wir nicht erwischt wurden. Ignoranz ist Glückseligkeit.“

Der 35-jährige Westra gibt zwar den Einsatz von Kortison zu, bestreitet in dem Buch, in seiner Karriere EPO- oder Blutdoping betrieben zu haben. Dafür macht er vor allem jedoch seinen späten Wechsel zu den Profis verantwortlich. "Ich bin heute glücklich, dass meine berufliche Karriere 2009 begann. Wäre ich vorher von den Amateuren gewechselt, wäre die Versuchung zu stark für mich gewesen. Meine Hand hätte nach EPO oder einer Variante davon gegriffen.“

In einer am Samstag veröffentlichten Pressemitteilung zeigte sich Astana "geschockt“ von den Nachrichten und betonte, dass das Team Westra niemals mit verbotenen Mitteln versorgt habe. Das jedoch scheint der in seinem Buch gar nicht zu behaupten. "Wir möchten klarstellen, dass im Astana Pro Team niemals verbotene Drogen an einen Fahrer verabreicht hat uns dies auch niemals geschehen wird. Falls tatsächlich verbotene Drogen konsumiert werden, behält sich das Astana Team das Recht vor, vom Fahrer eine finanzielle Entschädigung zu verlangen, da der Gebrauch von Doping durch die internen Regeln des Teams, die von jedem Fahrer unterzeichnet werden, streng verboten ist."

Westra, der Ende 2016 seine Karriere nach eigenen Angaben aufgrund von Depressionen beendete, betonte zudem, dass er nicht das Gefühl habe, mit den Kortison-Injektionen etwas "Falsches getan zu haben. Fast jeder aus meiner Generation hat so mit Blick auf seine Saisonhöhepunkte gearbeitet“, behauptet er und erwähnt dabei namentlich die Klassikerspezialisten sowie Team Sky mit dessen "marginal gains“ (geringfügige Gewinne“). Verantwortung trügen vor allem die medizinischen Betreuer. "Wenn Schuld verteilt wird, ist es vielleicht besser, sich die Ärzte im Radsport anzusehen. Sie erleichtern dieses Verhalten, indem sie mit Attesten helfen.“

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