Interview in Moskau

Holczer: "Ich soll den russischen Radsport fördern"


Hans-Michael Holczer bei der Pressekonferenz in Moskau | Foto: Radsport News

15.09.2011  |  Moskau (rsn) - Noch vor der öffentlichen Bekanntgabe, dass er neuer Chef des russichen Katjuscha-Teams wird, gab Hans-Michael Holczer in Moskau unserem Reporter Matthias Seng ein Interview. Seine Hauptaufgabe: "Ich soll den russischen Radsport fördern".


Sie werden neuer Teamchef bei Katjuscha. Das ist eine Verbindung, an die man sich noch gewöhnen muss. Wie kam das Engagement zustande?

Holczer: "Daran muss ich mich auch noch gewöhnen, weil es doch sehr überraschend kam und ich vor acht Wochen selber nicht mit dieser Möglichkeit gerechnet hatte. Das Ganze basiert auf einer Empfehlung von Heiko Salzwedel, der hier in Russland seit einem Jahr erfolgreich als Bahn-Nationaltrainer tätig ist. Er hat mich ins Spiel gebracht für diesen Posten, nachdem klar war, dass Andrej Tschmil (derzeitiger Katjuscha-Teamchef, d. Red.) andere Aufgaben bekommt im Rahmen des europäischen Radsportverbandes und des Radsportprojekts Sotchi."

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Sie übernehmen offiziell die neue Aufgabe ab Anfang 2012, aber die Planungen für die neue Saison beginnen ja jetzt schon. Können Sie dazu etwas sagen?

Holczer:" Ich bin hier ziemlich genau vor vier Wochen eingestiegen und habe seitdem eigentlich nichts anderes gemacht, als für dieses Team zu arbeiten. Ich war beispielsweise auf der Eurobike und habe dort meine eigenen Sponsorenkontakte erneuert, aber auch die Firmenzentrale in Genf und das Team am Gardasee besucht. Ich denke, wir werden noch zum Ende dieser Woche eine Planungsbesprechung haben. Ich werde dann mit der Arbeit beginnen, auch mit einigen Leuten aus meinem alten Team."

Wer wird dazu gehören?

Holczer: "Ich möchte natürlich Christian Henn dabei haben, Michael Rich wird für das Material verantwortlich sein. Slawomir Blascyk wird in der Organisation tätig sein. Dazu kommt meine Person und damit hat es sich für’s Erste. Wir haben uns vergangene Woche am Katjuscha-Sitz schon informiert, wir fangen ja nicht von Null an, vielmehr gibt es ja bereits eine funktionierende Struktur. Wir werden uns das Ganze anschauen und sehen ob es Dinge gibt die wir verbessern können oder woraus wir noch lernen können. Ich steige also quasi in einen laufenden Prozess ein, werde aber erst ab 2012 für das gesamte Projekt zuständig sein."

Andreij Tschmil wird noch bis Ende der Saison finanziell und sportlich die Verantwortung tragen. Können sich deutsche Fahrer Hoffnungen darauf machen, im von Hans-Michael Holczer geführten Katjuscha-Team zu fahren?

Holczer: "Für das Jahr 2012 sehe ich das kritisch, weil ich eine fast komplette Mannschaft übernehme. Natürlich wär’s mir lieb gewesen, wenn ich zumindest einen oder zwei deutsche Fahrer mit hinein hätte nehmen können. Viele stehen aber unter Vertrag, es ist relativ spät in der Saison. Vielleicht gibt es Möglichkeiten mit dem Continental-Team, vielleicht klappt es beim ProTeam auch mit einem Neoprofi. Aber derzeit kann ich noch nichts Näheres dazu sagen. Meine Tätigkeit dient in allererster Linie der Förderung des russischen Radsports. Dass eine deutsche Führung auch einen anderen Bezug zu deutschen Fahrern haben wird, als es bisher der Fall war ergibt sich von alleine."

Bei Gerolsteiner waren Sie der Alleinherrscher. Wird es analog bei Katjuscha einen „Zar Holczer“ geben?

Holczer:" Ich werde zwar der Vorstandsvorsitzende der Katjuscha SA und als Generalmanager im operativen Bereich schon für das ganze Projekt verantwortlich sein. Ich habe also sehr viele Freiheiten. Das Schöne daran ist aber, dass ich angestellt bin und nicht das wirtschaftliche Risiko tragen werde, wie das bei Gerolsteiner der Fall war. Das war im Nachhinein betrachtet doch sehr riskant und von mir jetzt nicht mehr so gewollt. Man sieht ja, wie viele Teams ins Schlingern kommen oder scheitern. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich dieses enorme Risiko nicht mehr habe. Bei Katjuscha, das ja von großen russischen Konzernen wie Itera oder Gazprom finanziert wird, dürfte das Budget um einiges höher sein als damals bei Gerolsteiner."

In dem Punkt müssen Sie sich dann keine Sorgen mehr machen?

Holczer: "Zunächst mal wird es schon seinen Grund gehabt haben, warum man sich einen Schwaben an die Spitze dieses Teams geholt hat. Auch hier ist das Geld nicht ohne Ende vorhanden. Auf der anderen Seite ist es nicht nur vom budgetären Aspekt her natürlich schon eine deutlich größere Mannschaft, als es Gerolsteiner war. Für mich war es eine einmalige Chance, in seine solche Struktur mit einem solchen finanziellen Hintergrund einzusteigen. Ansonsten werde ich das wie bei Gerolsteiner halten: Über das Budget darf gerne spekuliert werden, aus meinem Mund wird es aber keiner erfahren."

Ist Ihre Rückkehr nach dreijähriger Pause bei einem russischen Team auch Folge einer Resignation darüber, dass es in Deutschland noch immer nicht möglich ist, ein von deutschen Sponsoren finanziertes heimisches Team auf die Beine zu stellen?

Holczer: "Nein. Ich habe immer gesagt, ich möchte in den Radsport zurück, wenn ich eine Gelegenheit ergibt, ich muss aber nicht, weil ich mir nichts mehr beweisen muss und ich auch nicht mehr den wirtschaftlichen Zwang habe. Aber natürlich ist es letztlich auch Ausdruck der Krise des deutschen Radsports, dass jetzt auch noch die Manager in ausländische Teams gehen."

Was genau wird Ihre Aufgabe bei Katjuscha sein?

Holczer: "Grundsätzlich ist es die Entwicklung des vor drei Jahren in die Wege geleiteten globalen russischen Radsportprojekts. So wie ich bei Gerolsteiner vom Sponsor die Aufgabe hatte, deutsche Fahrer zu suchen und in die Spitze zu führen, habe ich hier den Auftrag, russische Fahrer in gleicher Art an die großen Ereignisse heranzuführen. Da hat sich eigentlich nicht so viel geändert, wie man auf den ersten Blick meint."

Welche sportlichen Ziele hat Katjuscha unter Ihrer Leitung – irgendwann ein russischer Toursieger?

Holczer: "Hier sind vor allem Olympische Spiele, Weltmeisterschaften und solche Ereignisse wie die Universiade ganz hoch angesehen. Die Tour de France natürlich auch, aber nicht in einem solchen Ausmaß, wie es etwa in Deutschland der Fall ist, wo der Radsport sehr häufig mit der Tour gleichgesetzt wird. Ich werde gemeinsam mit Heiko Salzwedel arbeiten und versuchen erfolgreich zu sein. Wir wollen die Grenzen zwischen den Bahnfahrern und den Straßenprofis fließend halten. Ich erinnere an das, was bei British Cycling geschieht. Da geht ein Cavendish auch mal auf die Bahn und fährt Weltmeisterschaften. Sehr viele gute Straßenfahrer kommen von der Bahn. Da gibt es also einen Zusammenhang und wir wollen einen gleichwertigen Unterbau schaffen aus Bahn und Straße, wobei im Profibereich ganz oben natürlich das Katjuscha ProTeam steht."

Sie waren als Gerolsteiner-Teamchef einer der entschiedensten Anti-Dopingkämpfer. Wie wird das bei Katjuscha aussehen? Wird Katjuscha unter Ihrer Führung etwa auch der „Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport“ beitreten, der das Team bisher noch nicht angehört?

Holczer: "Also, ich habe mich immer gegen den Begriff „Anti-Dopingkämpfer“ gewehrt, weil ich das nie war. Ich hatte immer eine klare Position zum Thema Doping eingenommen und daran hat sich auch nichts geändert. Wir können das Thema Doping nicht akzeptieren und schon gar nicht legalisieren, aber wir werden uns in irgendeiner Weise arrangieren müssen. Wir können das Thema nicht „wegkontrollieren“, wir müssen damit leben – das ist meine Erkenntnis auch aus der Nach-Gerolsteiner-Zeit. Aber die Überzeugung, dass Doping abzulehnen ist, hat sich bei mir um keinen Deut verändert. Wenn ich in Amt und Würde bin, werden wir sicher Kontakt mit der MPCC aufnehmen, wobei ich jetzt nicht mehr weiß, in welcher Form und mit welchen Mitgliedern sie existiert."

Haben Sie mit dem Russischen Verband und den Sponsoren über das Thema Doping gesprochen?

Holczer: "Ja, insofern, als ganz klar gesagt wurde, dass in diesem Team in dieser Richtung nichts passieren darf."

In den vergangenen Jahren hatte Katjuscha die Dopingfälle Pfannberger, Colom und – bei der Tour 2011 – Kolobnev. All das hat dazu beigetragen, dass das Team nicht den allerbesten Ruf besitzt. Werden Sie auch daran arbeiten?

Holczer: "Wenn es Defizite gibt im Image eines Teams, dann muss man daran arbeiten, sowohl intern als auch extern. Dass es hier drei Dopingfälle gab, ist Fakt. Auf der anderen Seite hat das Team auch eine gewisse Dubiosität aufgepflastert bekommen. Ich hatte in meiner Gerolsteiner-Zeit in einem halben Jahr drei Dopingfälle. Ich kann mich da also nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen. Ich denke, das Team hat eindeutig und stark reagiert, soweit ich das von außen beurteilen kann."

Sie sind nach 2008 wieder in ihrem alten Beruf gearbeitet. Werden Ihre Schüler nach dem kurzen Intermezzo den Lehrer Holczer nicht mehr zu Gesicht bekommen?

Holczer: "Das war natürlich eine brachiale Entscheidung, innerhalb von 24 Stunden zuzusagen und gleichzeitig juristisch abzuklären, wie ich in Deutschland meine Beamtenschaft auf Lebenszeit kündigen könnte. Das war ein sehr großer Schritt, der mir nicht leicht gefallen ist. Bei allen Bedenken hat die Faszination eines solchen Projekts doch überwogen."

Mit Hans-Michael Holczer sprach in Moskau Matthias Seng.

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