Die Favoriten der 103. Tour de France

Fünf Sterne für Froome und Quintana

Foto zu dem Text "Fünf Sterne für Froome und Quintana"
Chris Froome (Sky) hat in diesem Jahr zumd ritten Mal nach 2013 und 2015 das Critérium du Dauphiné gewonnen. | Foto: Cor Vos

29.06.2016  |  (rsn) - Titelverteidiger Chris Froome (Sky) und Nairo Quintana (Movistar) sind unsere Top-Favoriten für die am Samstag am Mont-Saint-Michel beginnende 103. Tour de France. Deshalb haben der Brite und der Kolumbianer jeweils die maximal möglichen fünf Sterne erhalten. Etwas schwächer schätzen wir dagegen den zweimaligen Gesamtsieger Alberto Contador (Tinkoff) ein.

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Chris Froome (Sky, 31 Jahre, Sieger 2013, 2015): Der Titelverteidiger hat, wie schon 2013 und 2015, auch in diesem Jahr das Criterium du Dauphiné gewonnen. Aber nicht nur, weil dies als gutes Omen gelten kann, wird am Briten bei der 103. Tour de France kaum ein Weg vorbeiführen. Neben einer herausragenden Form bringt der 31-jährige Froome auch eine starke Helferriege mit nach Frankreich. Im Hochgebirge werden die beiden Spanier Mikel Nieve und Mikel Landa sowie der Waliser Geraint Thomas seine wichtigsten Helfer sein. Ein dritter Gesamtsieg wäre also aus gleich mehreren Gründen folgerichtig.

Nairo Quintana (Movistar, 26 Jahre, Zweiter 2013, 2015): Der Kletterspezialist musste sich 2013 und 2015 jeweils Froome geschlagen geben und will in diesem Jahr als erster Kolumbianer die Tour de France gewinnen. Als einziger der Favoriten wählte Quintana die Route du Sud als Generalprobe und konnte im Süden Frankreichs einen souveränen Gesamtsieg einfahren. Dabei zeigte er sich vor allem im Zeitfahren verbessert. Unterstützt wird Quintana durch eine erfahrene Helferriege um Alejandro Valverde, Ion Izaguirre und Winner Anacona, die sich vor dem Sky-Team nicht zu verstecken braucht. Um nach seinem Giro-Coup 2015 nun auch bei der Tour ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, wird er allerdings darauf achten müssen, nicht wie 2013 und 2015 jeweils schon früh Zeit gegenüber Froome einzubüßen. Bei den bisherigen direkten Aufeinandertreffen in dieser Saison - Katalonien-Rundfahrt und Tour de Romandie - hatte der Südamerikaner jeweils die Nase deutlich vorn: Quintana gewann beide Rennen, Froome wurde Achter (Katalonien) und 38. (Romandie – wo er allerdings die Königsetappe gewann.)

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Alberto Contador (Tinkoff, Sieger 2007, 2009): Der Madrilene blickt auf eine durchaus erfolgreiche erste Saisonhälfte zurück. Doch ausgerechnet beim Critérium du Dauphiné zog Contador nach optimalem Start (Sieg im Prolog) nicht nur gegen Froome den Kürzeren, sondern musste im Schlussklassement auch noch Romain Bardet, Daniel Martin und Richie Porte an sich vorbeiziehen lassen. Bei der Tour hat der Spanier mit Rafal Majka, Roman Kreuziger und Robert Kiserlovski zwar ebenfalls starke Helfer um sich, dennoch scheint Contador nicht ganz auf Augenhöhe mit Froome und Quintana (den er allerdings als Sieger der Baskenland-Rundfahrt hinter sich ließ). Mit seinen 33 Jahren der erfahrenste unter den Favoriten, will es der zweimalige Tour-Sieger bei seiner Abschiedsvorstellung im Tinkoff-Trikot nochmals wissen und auch diejenigen Kritiker widerlegen, die meinten, er sei über seinen Zenit hinaus.

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Thibaut Pinot (FDJ, Dritter 2014): Der 26-Jährige war immer schon ein erstklassiger Kletterspezialist. Doch nachdem er sich in den vergangenen beiden Jahren auch in den Zeitfahren massiv verbessert und sogar seine Furcht vor rasenden Abfahrten überwunden hat, gilt Pinot als die große französische Hoffnung auf den ersten französischen Tour-Sieg seit Bernhard Hinault vor mittlerweile 31 Jahren. 2014 wurde der FDJ-Kapitän bereits Dritter in Paris und auch diesmal ist Pinot das Podium zuzutrauen. Er konnte zuletzt beim Criterium du Dauphiné zwar in Sachen Gesamtklassement nicht mit seinen Rivalen mithalten, entschädigte sich aber mit dem Gewinn der Königsetappe in Méribel. Die wichtigsten Helfer des frisch gebackenen Französischen Zeitfahrmeisters werden im Hochgebirge zwei Schweizer sein: Steve Morabito war bereits 2015 mit von der Partie, Neuzugang Sebastien Reichenbach gibt sein Debüt im FDJ-Trikot.

Richie Porte (BMC): Der Australier ist das große Fragezeichen im engsten Favoritenkreis. Von seinen Fähigkeiten her ist Porte ein Anwärter für das Podium. Allerdings war der 31-Jährige in seiner Zeit bei Sky immer „nur“ der Edelhelfer von Chris Froome. Und durfte Porte einmal – wie beim Giro d’Italia – die Kapitänsrolle übernehmen, bremste ihn ein schwarzer Tag oder ein Sturz aus. So ist Rang sieben beim Giro 2010 sein bisher bestes Ergebnis bei einer großen Landesrundfahrt. Mit seinem Wechsel zum BMC-Team zum Saisonende war die Kapitänsrolle bei der Frankreich-Rundfahrt verbunden. Die wird sich Porte aber nun mit Tejay van Garderen teilen müssen. Die Generalproben absolvierten beide ähnlich erfolgreich: Porte wurde beim Critérium du Dauphiné Gesamtvierter, van Garderen beendete die Schweiz-Rundfahrt auf Rang sechs und triumphierte auf der Königsetappe.

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Fabio Aru (Astana): Zum ersten Mal in seiner Karriere fährt der Vuelta-Sieger die Tour de France und hat dabei gleich die Kapitänsrolle zugesprochen bekommen. Aru zählt mit seinen knapp 26 Jahren – er hat am Sonntag Geburtstag - zu den jüngsten der Favoriten. Die Form des kleinen Sarden gibt Anlass zu einigen Fragen, denn abgesehen von einem Etappensieg beim Critérium du Dauphiné wusste Aru in dieser Saison noch nicht wirklich zu überzeugen. Zeigt er sein wahres Gesicht erst bei der Tour? Darauf wird sein Astana-Team hoffen, das dem Kletterspezialisten nicht nur Jakob Fuglsang, Tanel Kangert und Diego Rosa als Helfer fürs Hochgebirge zur Seite stellt, sondern auch Giro-Sieger Vincenzo Nibali. Der Italiener will die Tour zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele nutzen, bei denen er die Goldmedaille gewinnen will – eine ganz ähnliche Konstellation übrigens wie bei Movistar, wo Valverde sich ganz in den Dienst von Nairo Quintana stellt und dabei schon den Blick auf das Olympische Straßenrennen Anfang August richtet.

Romain Bardet (Ag2r, Sechster 2014, Neunter 2015): Beim Critérium du Dauphiné entwickelte sich der Franzose zum härtesten Widersacher von Titelverteidiger Froome. Fraglich ist, ob es auch bei der Tour de France so kommen wird. Doch Bardet ist durch dazu in der Lage, seinen sechsten Rang aus dem Jahr 2014 zu verbessern. Mithelfen soll bei diesem Unternehmen ein ganz auf den 25-Jährigen ausgerichtetes Aufgebot. Doch im Vergleich zu den Kontrahenten ist die Ag2r-Kletterfraktion deutlich schwächer besetzt – als erstklassiger Bergfahrer etwa kann einzig der Italiener Domenico Pozzovivo gelten.

Tejay Van Garderen (BMC, 27 Jahre, Fünfter 2012, 2014): Was Ergebnisse bei der Frankreich-Rundfahrten anbelangt, ist der US-Amerikaner seinem neuen Teamkollegen Porte bereits einiges voraus. So wurde er 2012 und 2014 jeweils Fünfter der Frankreich-Rundfahrt. Im vergangenen Jahr, als van Garderen das Podium angepeilt hatte, musste er in Folge einer Erkrankung auf der 17. Etappe vom Rad steigen. Diesmal soll es besser laufen für den 27-Jährigen, der mit dem Sieg auf der Königsetappe der Tour de Suisse und Gesamtrang sechs bereits gute Form bewies, die in den zwei Wochen bis zum Grand Depart noch angestiegen sein dürfte.

Warren Barguil (Giant-Alpecin, 24. Jahre): Bei seinem Tour-Debüt im vergangenen Jahr wusste der Franzose trotz Sturzverletzungen mit Rang 14 zu überzeugen. Bei der kommenden Austragung will Barguil in die Top Ten - und sollte alles optimal laufen, könnte der 24-Jährige sicher auch sein bisher bestes Ergebnis bei einer GrandTour übertreffen: ein achter Platz bei der Vuelta a Espana 2014. Im Idealfall sind für den Kletterer die Top 5 drin, auch weil flache Zeitfahren diesmal fehlen. Dafür stellt die Teamleitung von Giant-Alpecin dem Dritten der Tour de Suisse mit Laurens ten Dam und Tom Dumoulin zwei bergfeste Helfer zur Seite. Ob die beiden aber mithalten können, wenn Sky, Astana und Movistar Ernst machen, bleibt eine spannende Frage.

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Mathias Frank (IAM), Alejandro Valverde (Movistar), Pierre Rolland (Cannondale), Ilnur Zakarin (Katusha), Bauke Mollema (Trek-Segafredo), Wilco Kelderman (LottoNL-Jumbo), Daniel Martin (Etixx Quick-Step), Vincenzo Nibali (Astana)

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