--> -->
08.05.2017 | (rsn) Die 1995er-Auflage des Giro d'Italia erlebte den ganz großen Auftritt des Schweizers Tony Rominger, war aber ebenso geprägt vom Streit der Gewiss-Kapitäne Jewgeni Berzin und Piotr Ugrumov. Diese Drei galten als große Favoriten auf den Gesamtsieg – Rominger kam aus der Saison 1994 mit der Empfehlung seines dritten Vuelta-Siegs in Folge, Berzin hatte im Vorjahr nicht nur den Giro gewonnen, sondern dabei sogar Miguel Indurain geschlagen, was zuvor seit 1991 bei fünf Grand Tours in Serie niemandem mehr gelungen war. Und Ugrumov hatte bei der Tour 1994 hinter Indurain Platz zwei belegt, wobei der Lette "Big Mig“ eine herbe Niederlage im letzten Zeitfahren beibrachte.
Die übrigen Kontrahenten fielen gegenüber diesem Dreigestirn aus unterschiedlichen Gründen deutlich ab. Claudio Chiapucci hatte beim vorangegangenen Giro bereits das Generationenduell gegen Marco Pantani verloren und war diesmal nur deshalb Carrera-Kapitän, weil "il pirata“ nach einem Sturz nicht in der Lage war, zum Giro anzutreten. Den jungen Francesco Casagrande und Pavel Tonkov fehlte es an Erfahrung, und Erik Breukink schien noch mehr als Chiapucci seine besten Tage hinter sich zu haben.
Rominger demonstrierte gleich bei der 2. Etappe, einem Zeitfahren, seine hervorragende Form. Auf nur 19 Kilometern nahm er Casagrande 51 und Berzin 55 Sekunden ab, Ugrumov verlor mehr als eine Minute. Damit übernahm der Schweizer vom Vortagessieger Mario Cipollini das Rosa Trikot und sollte es bis zum Ende nicht mehr hergeben – ein im modernen Radsport beispielloser Beinahe-Start-Ziel-Sieg.
Der Weg dahin glich einer Machtdemonstration, aber auch einem Beispiel an taktischer Disziplin. Romingers Mapei-GB-Team wirkte unglaublich stark. Außer der spanischen Fraktion mit Javier Mauleon, Jon Unzaga und Arsenio Gonzalez stachen vor allem Andrea Tafi und der junge Andrea Noe hervor – Rominger nannte Noe im Rückblick seinen wichtigsten Helfer bei dieser Rundfahrt. Doch Gewiss-Ballan war mindestens ebenbürtig, außer Berzin und Ugrumov standen unter anderem Bruno Cenghialta, am Schluss Gesamt-11., Vladislav Bobrik, Giorgio Furlan und Francesco Frattini im Aufgebot.
So war es vor allem Romingers individuelle Klasse, die ihn dominieren ließ. Nach seinem ersten Zeitfahrsieg entschied der Tour-Zweite von 1993 auch die ansteigende Zielankunft in Loreto für sich, nahm der Konkurrenz weitere Sekunden ab und verfolgte diese Taktik auch bei den weiteren bergigen Abschnitten. Der nächste Kampf gegen die Uhr wartete auf der 10. Etappe, und erneut brummte der Mann in Rosa der Konkurrenz gewaltig Zeit auf – Berzin und Ugrumov büßten jeweils 1:24 Minuten ein, Casagrande 1:43. Dieses Trio lag in der Gesamtwertung nun zwischen drei und 3:16 Minuten hinter dem Spitzenreiter.
Den finalen Stoß versetzte Rominger seinen Widersachern beim Bergzeitfahren während der 17. Etappe, wo zunächst Casagrande im Ziel die Bestzeit inne gehabt hatte, dann aber von Berzin um 1:32 Minuten geschlagen wurde. Ugrumov erreichte das Ziel 24 Sekunden hinter seinem Teamgefährten, doch dann kam Rominger: 1:39 Minuten betrug sein Vorsprung, so dass er Berzin im Gesamtklassement um 5:08 Minuten und Ugrumov um 5:17 Minuten distanziert hatte.
Der Rest war Formsache, wobei die Mapei-Equipe spürbar abbaute, hatte sie doch fast drei Wochen lang mit Mann und Maus das Rosa Trikot verteidigt. Rominger bewies in dieser Phase, dass er ein wahrer Champion war – als er immer häufiger in den Schlussabschnitten der Bergetappen auf sich allein gestellt war, konzentrierte er sich darauf, Berzin und Ugrumov zu neutralisieren. Abgesehen vom taktischen Geschick, das dem akribischen Planer zugeschrieben wurde, kam ihm dabei zupass, dass sich die Gewiss-Topfahrer nicht grün waren. Offener Streit herrschte zwischen beiden: Ugrumov hatte in einem Interview frank und frei zu verstehen gegeben, dass Berzin aus seiner Sicht kein Mensch ist, auf dessen Bekanntschaft er irgendeinen Wert lege.
Erstmals wirkte sich dieses Ressentiment während des 14. Teilstücks mit Bergankunft in Val Senales aus. Ugrumov und Berzin hatten wechselweise angegriffen und alle außer Rominger abgeschüttelt. Dann ging Ugrumov noch einmal aus dem Sattel, und der hinter ihm fahrende Berzin konnte nicht standhalten. Rominger umkurvte den Russen und heftete sich an Ugrumovs Rad, beide hatten in einem Flachstück schon fast den ausgerissenen Solisten Oliveiro Rincon geschnappt, als Berzin wieder aufschloss. Mit dem Ergebnis, dass Rincon erneut enteilte und sich Berzin und Ugrumov gegenseitig anschauten, anstatt aufs Tempo zu drücken. Bald kamen von hinten Georg Totschnig, Claudio Chiapucci und Heinz Imboden zurück. Die Etappe gewann der Kolumbianer Rincon, im Zielspurt nahm Rominger Ugrumov zwei und Berzin neun Sekunden ab.
Geradezu peinlich wurde es dann im Finale der 20. Etappe, als es hinauf nach Grassoney St. Jaen ging. Dem Gewiss-Duo war es gelungen, Rominger auf dem verkehrten Fuß zu erwischen, und es lag gemeinsam mit Rincon einige Sekunden vor der Gruppe mit dem Mann in Rosa. Ugrumov und Berzin ging es aber mehr um Gesamtrang zwei als um einen ernsthaften Angriff auf den führenden Schweizer. Rincon machte keine Führungsarbeit, weil er sich im taktischen Nachteil gegenüber zweier Teamgenossen wähnte.
Doch weit gefehlt – Berzin und Ugrumov fuhren nicht etwa gegen Rincon und um den Etappensieg, sondern jagten einander hinterher, sobald einer von beiden angriff. Ugrumov wirkte stärker, doch Berzin ließ keine Lücke aufkommen. Der Tagessieg ging an Ausreißer Sergej Outchakov, der wegen der Uneinigkeit der deutlich besseren Bergfahrer acht Sekunden Vorsprung ins Ziel rettete. Rominger büßte nur 18 Sekunden ein. Dies veranlasste Gewiss-Manager Emanuele Bombini am Abend zu einer Gardinenpredigt, die offenbar fruchtete: Am folgenden Tag griff Berzin an und schnappte sich den Etappensieg – Ugrumov fuhr ihm nicht hinterher.
Gegen Rominger war dennoch kein Kraut gewachsen – selbst wenn sich die beiden Gewiss-Stars gut verstanden hätten, wären sie wohl chancenlos gewesen im Kampf um Rosa. Auf dem finalen Podium wirkten nur Rominger und Berzin zufrieden. Im Gesicht des ohnehin als verschlossen geltenden Ugrumov suchten die Zuschauer vergeblich nach einem Lächeln. Er wechselte anschließend zu Roslotto.
Rominger brachte sich mit seinem starken Auftritt in eine Favoritenrolle für die Tour, der er dann mit Gesamtrang acht aber nicht gerecht werden konnte. Berzin hingegen lieferte in Frankreich einen weiteren Beleg dafür, dass er in jenen Jahren kaum zum Gentleman taugte. Als er merkte, dass ihm die Form fehlte, unterstützte er Kapitän Bjarne Riis nicht länger im Kampf um die Podestplätze als unbedingt nötig und stieg auf dem Weg nach Alpe d'Huez aus. Auf seine Grüße aus dem Teamwagen, in dem der Russe den Dänen hinauf nach d'Huez passierte, hätte Riis gern verzichtet, wie der Däne später mehrfach erklärte.
Wer kennt sie nicht, die sportlichen Heldentaten von Fausto Coppi und Gino Bartali, von Alfredo Binda, Felice Gimondi und Eddy Merckx? Sie alle prägten die 100-Jährige Geschichte des Giro d’Italia maßgeblich. Doch auch in der jüngeren Historie der Italien-Rundfahrt findet sich jede Menge Stoff für weitere Kapitel. radsport-news.com lässt anlässlich des Giro-Jubiläums einige dieser geschichtsträchtigen Momente wieder aufleben.
27.05.2017Ganz groß in der zweiten Reihe(rsn) - Die jüngere Geschichte des Giro d’Italia war eng verknüpft mit Namen wie Marco Pantani, Ivan Gotti, Gilberto Simoni, Jewgeni Berzin und Pavel Tonkov. Im elften und letzten Kapitel dieser R
26.05.2017Die Revolte des kleinen Prinzen(rsn) - Bei der Italien-Rundfahrt 2004 erwartete das Publikum den erneuten Zweikampf zwischen Gilberto Simoni und Stefano Garzelli, die sich bereits im Jahr zuvor duelliert hatten. Simoni hatte deutli
25.05.2017Die Stunde des Stellvertreters(rsn) - Die Ausgangslage vor dem Giro d’Italia 2000 war aus mehrerlei Gründen spannend. Die Italiener fieberten einerseits der Rückkehr des 1999 wegen zu hohen Hämatokritwerts ausgeschlossenen Ma
22.05.2017Gottis großes Ding(rsn) - Vor dem Giro d´Italia 1997 war kein glasklarer Favorit auszumachen – hinter jedem der Anwärter auf den Gesamtsieg stand ein kleineres oder größeres Fragezeichen. Das kleinste war sicherl
19.05.2017Die zehn rosaroten Tage von "Opa“ Heppner(rsn) - Einen wechselhafteren Giro als jenen des Jahres 2002 hat es wohl nie vorher und auch nie mehr danach gegeben. Ein Favorit nach dem anderen wurde entweder aus dem Rennen genommen, brach in den
18.05.2017Showdown am Berg der Champions(rsn) - Vor dem Giro d’Italia 1998 waren die Favoriten auf den Gesamtsieg schnell ausgemacht: Die Gewinner der beiden Vorjahre, Ivan Gotti und Pavel Tonkov, der Gewinner der Spanien-Rundfahrt 1996 u
15.05.2017Ullrichs ungewollte Abschieds-Gala(rsn) - Im Jahr 2006 bestritt Jan Ullrich seinen zweiten und letzten Giro d’Italia. Es sollte sein vorletztes Profirennen überhaupt sein. Und er verabschiedete sich mit einem sensationellen Sieg vo
07.05.2017Als den Panta-Tifosi das Herz brach(rsn) - Der Giro d´Italia 1999 sollte zur großen Show des Marco Pantani werden. Doch anstelle einer Gala entwickelte sich das Rennen zum Drama, das im Rückblick die Tragödie einleitete, in deren V
05.05.2017Mortirolo 1994 - die Geburtsstunde des Piraten(rsn) - Der Giro d’Italia 1994 markierte einen Wendepunkt für die Tifosi. Mit Marco Pantani ging ein Stern am Radsporthimmel auf, der die der übrigen Idole der italienischen Fans – allen voran C
04.05.2017Schnee am Gavia - der Tag, an dem die großen Männer weinten(rsn) - Wer kennt sie nicht, die sportlichen Heldentaten von Fausto Coppi und Gino Bartali, von Alfredo Binda, Felice Gimondi und Eddy Merckx? Sie alle prägten die 100-Jährige Geschichte des Giro dâ
09.10.2026Nys startet am Koppenberg in die Crosssaison (rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R
09.10.2026Evenepoel beim Lombardei-Training noch im Red-Bull-Dress (rsn) – Der Auftritt bei Il Lombardia (1.UWT) am Samstag wird für Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe) der erste im Trikot des Europameisters. Doch darin trainierte der Doppelolympiasi
09.10.2026Bernal widerspricht Rücktritts-Gerüchten (rsn) – Egan Bernal (Netcompany – Ineos) hat in einem Instagram-Statement Gerüchten zu einem möglichen Karriereende widersprochen. Der Radsport-Journalist Daniel Benson stellte diese Möglichke
09.10.2026Die Aufgebote für das 120. Il Lombardia (rsn) – Mit der 120. Ausgabe von Il Lombardia steht am 10. Oktober das letzte der fünf Radsport-Monumente an. Der italienische Herbstklassiker führt diesmal über 239 hügelige Kilometer von Berga
09.10.2026Pogacar-Nachfolger beim Rennen der fallenden Blätter gesucht (rsn) – Fünfmal in Folge hieß der Sieger von Il Lombardia (1.UWT) Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG). Ob in einem Sprint a deux oder nach einer seiner langen Solo-Attacken, ob das Ziel in C
09.10.2026Neuzugang Nummer 10 für Pinarello, Ciccone verlässt Lidl (rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr
09.10.2026Silvas Beine von vier Profis überfahren (rsn) – Hinter seinem Anfahrer Alberto Bettiol (XDS – Astana) ging Guillermo Silva knapp 250 Meter vor dem Zielstrich von Gan Piemonte (1.Pro) in zweiter Position in Richtung Zielgeraden. Der acht
09.10.2026Panikattacken: Orins beendet mit 24 Jahren seine Karriere (rsn) - Robin Orins (Lotto-Intermarché) beendet mit 24 Jahren seine Karriere als Profiradsportler. Der Belgier war eines der größten U23-Talente seines Landes. Orins wurde 2023 und 2024 jeweils Dri
09.10.2026Wiebes gewinnt Auftakt der Tour of Chongming Island (rsn) – Lorena Wiebes (SD Worx – Protime) ist in China zum Auftakt der Tour of Chongming Island (2.WWT) ihrer Rolle als Top-Favoritin gerecht geworden und hat ihren 21. Saisonsieg eingefahren. Di
09.10.2026Die deutschsprachigen Starterinnen und Starter bei der Gravel-WM (rsn) – German Cycling hat für die Gravel-WM am 10./11. Oktober im australischen Nannup kein offizielles Aufgebot nominiert. Auch auf finanzielle oder logistische Unterstützung müssen die deutsc
08.10.2026Verspätete “Whereabouts“: Tsarenko saß einjährige Sperre ab (rsn) - Der Ukrainer Kirilo Tsarenko (Solution Tech – Nippo – Rali) hat vom 1. Juli 2025 bis zum 30. Juni 2026 eine einjährige Sperre verbüßt. Das gab die ITA, die im Auftrag des Radsport-Weltv
08.10.2026“Zustand starker Erschöpfung“: Gaudu muss lange Pause einlegen (rsn) – In dieser Saison lief bei David Gaudu (Groupama – FDJ United) nicht viel zusammen. Der Franzose wurde von seiner Equipe auch nicht zur Tour mitgenommen und musste sich zudem anonyme Vorwü