Titelverteidiger Neunter im WM-Zeitfahren

Tony Martin: "Das war nicht meine Strecke"

Foto zu dem Text "Tony Martin:
Tony Martin im WM-Zeitfahren von Bergen | Foto: Cor Vos

20.09.2017  |  Bergen (dpa) - Kaum war Tony Martin nach der ernüchternden Kletterpartie am Mount Floyen zurück im verregneten Bergen, da warteten auch schon Freundin Nina samt Töchterchen sowie Mutter Bettina als Trost. Ein paar Stunden im Familienkreis durfte der entthronte Zeitfahr-Weltmeister entspannen - um auf andere Gedanken zu kommen. Denn mit der erhofften Medaille wurde es in Norwegen nichts. Platz neun, 1:39 Minuten Rückstand auf den überragenden neuen Zeitfahrweltmeister Tom Dumoulin aus den Niederlanden - Martin war wie erwartet chancenlos.

"Ich bin schon enttäuscht. Damit kann ich nicht zufrieden sein. Die Quittung habe ich mit dem neunten Platz bekommen. Wahrscheinlich hat mich der Schlussanstieg vom Start weg mental verfolgt. Ich hatte mir vorgenommen, auf den eineinhalb Runden Bestzeit zu fahren, aber je näher der Berg kam, desto mehr habe ich an Spannung verloren“, sagte Martin.

Der 32-Jährigen, als Titelverteidiger und viermaliger WM-Champion gestartet, hatte nach der Kletterpartie über 3,4 Kilometer mit durchschnittlich 9,1 Prozent Steigung auf dem beliebten Aussichtspunkt deutlichen Rückstand auf Dumoulin. Auch die prächtige Kulisse am Straßenrand konnte Martin nicht zu einer Medaille tragen. Zehntausende Radsport-Fans hatten für eine Stimmung ähnlich wie bei den Bergankünften der Tour de France gesorgt. "Auch wenn es nicht meine Strecke war, war es eines der schönsten Finals, die ich gefahren bin", betonte der Norwegen-Fan.

Martin hatte schon vor dem Anstieg seine Chancen verspielt. Der Wahl-Schweizer verfehlte die angepeilte Bestzeit und lag da schon 50 Sekunden hinter Dumoulin auf Platz sechs. Danach verlor er von Meter zu Meter weiter an Boden und fiel noch vom sechsten auf den neunten Platz zurück.

"In der ersten Runde war Tony etwas zu zaghaft. Dann hat er eine starke Aufholjagd hingelegt, war vor dem Berg sogar Zweiter. Vermutlich hat ihn das aber dann doch zu viel Kraft gekostet“, urteilte Jan Schaffrath, der bei der WM als Sportlicher Leiter des Bundes deutscher Radfahrer verantwortlich ist.

Wie die meisten anderen Favoriten hatte Martin darauf verzichtet, in der Wechselzone seine Zeitfahrmaschine gegen ein Straßenrad zu tauschen. Eine richtige Entscheidung, wie Teamkollege Jasha Sütterlin meinte. Der Freiburger hatte es mit einem Radwechsel versucht, kam aber auch nur auf einen 35. Platz (+3:28 Minuten). "Tony tat gut daran, nicht zu wechseln. Man verliert viel zu viel Zeit, kommt völlig aus dem Rhythmus und die Zeit holt man nicht mehr auf“, erklärte Sütterlin. Nikias Arndt als dritter deutscher Starter belegte den 19. Rang (+2:16). Damit blieb der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) erstmals seit den Titelkämpfen 2006 in Salzburg ohne Medaille in den Einzelzeitfahren.

Die Protagonisten am Mittwoch waren die großen Rundfahrer. Dabei brachte Giro-Champion Dumoulin eine traumhafte Fahrt auf den Asphalt, lag bei der ersten Zwischenzeit nach drei Kilometern schon zehn Sekunden vor Froome. Und der Vorsprung wurde immer größer. Der Brite musste am Ende sogar dem früheren Skispringer Roglic den Vortritt überlassen und sicherte sich gerade noch so seine erste WM-Einzelmedaille, verpasste nach den Gesamtsiegen bei der Tour de France und der Vuelta a Espana einen weiteren Triumph.

Womöglich erhielt die Radsport-Welt bereits einen Vorgeschmack auf die kommende Tour, wenn Dumoulin dann den viermaligen Champion Froome vom Thron stoßen will. In diesem Jahr hatte der Niederländer noch auf einen Start verzichtet. "Er wäre ein würdiger Gegner", sagte BDR-Vizepräsident Udo Sprenger.

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