Sturz, Notoperation, Nahtoderfahrung, Reha

Der lange Leidensweg des Juri Hollmann

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Der lange Leidensweg des Juri Hollmann"
Juri Hollmann im Alpecin-Trikot | Foto: Cor Vos

02.03.2026  |  (rsn) – “Ich bin Juri – und was wirklich passiert ist, habe ich noch nie erzählt. Bis jetzt.“ So stellt sich Juri Hollmann im neuesten knapp 45 Minuten langen Video von Rick Zabel vor. Am 15. Mail 2025 stürzte der damalige Alpecin-Profi auf der 6. Etappe des Giro d’Italia schwer. “Von 67 km/h auf 0 gehen am Straßenschild – an dem Tag hat es mein Leben komplett verändert. Gebrochener Unterarm. Zertrümmertes Becken. Leider war das noch nicht alles“, meinte er.

“In der Form seines Lebens“ war der gebürtige Berliner zu seiner zweiten Grand Tour angereist. Er sollte Kaden Groves unterstützen. Der gewann letztendlich die verregnete Etappe, an die Hollmann zunächst kaum Erinnerungen hatte. “Im Nachhinein erinnere ich mich an viel mehr Details. Kurz vorher sind in einer Abfahrt rechts von mir schon drei oder vier Leute gestürzt, weil es so glatt war. Da habe ich mir noch gedacht, dass ich gerade viel Glück gehabt habe“, erinnerte sich Hollmann, dessen Strähne aber nicht lange anhielt.

Wie Eis. Keine Chance

“Ich hatte da schon gemerkt, dass ich, obwohl ich die Bremse nur kurz berührt hatte, ich auch gerutscht war.“ Wie so oft waren die Straßen in Italien nach Regenspiegelglatt. “Nach der Kurve kam dann die nächste Gerade durch den Ort und da ist schon der Sturz passiert.“ Rund ein Drittel des Feldes lag auf dem Asphalt. “Irgendwer hat gebremst und es war einfach so glatt, es war wie Eis. Bewohnen hatten sich im Nachhinein beschwert, weil sie wegen der Glätte selbst nie Rad fahren, wenn es regnet. Wir sind auch nicht einander gestürzt, wie es so oft passiert. Viele von uns sind unabhängig voneinander gestürzt. Quinten (Hermans) war am Teamauto und 20 Meter hinter dem Feld. Er hat auch gesagt: ‘Keine Chance!‘“

Auch der U23-Cross-Europameister von 2015 und 2016 konnte sein Rad nicht auf den Reifen halten. Hollmann, der ebenfalls über Querfeldein-Erfahrung verfügt, erging es nicht besser. Er landete ungebremst am Straßenschild. Wie das genau passierte, daran kann sich der Deutsche nicht erinnern. Erster Kontaktpunkt mit dem Straßenmobiliar war aber der Arm. Wer die Fotos wenige Momente später gesehen hat, braucht kein abgeschlossenes Medizinstudium, um die Diagnose eines Armbruches treffen zu können.

Geschrien, dass er “irgendwie schlafen muss“

Der Arm war weggeklappt – an einer Stelle, die nicht klappen sollte. “Danach wird vermutet, dass ich mit dem Oberschenkel gegen das Schild bin und dass der Oberschenkelknochen ins Becken rein ist und das gesprengt hat. Ich habe meine Augen aufgemacht und habe meinen Arm gesehen, der halt ein wenig anders aussah. Dann hatte ich so viele Schmerzen, aber ich konnte das nicht lokalisieren. Es war nicht mein Arm. Mir tat einfach alles so weh. Ich habe also nur geschrien und gesagt, dass ich irgendwie schlafen muss“, beschrieb Hollmann die Momente nach dem Unfall.

Der Wunsch wurde ihm gewährt, kurze Zeit später wurde er durch die Schmerzen ohnmächtig. Aufgewacht ist er erst wieder im Krankenhaus in Neapel. Mit ihm mussten zwei weitere Profis das Rennen aufgeben, die anderen mehr als 50 Athleten kamen glimpflich davon, weil sie auf der glatten Straße recht folgenarm davongeglitten waren. Hollmann hatte es am schwersten getroffen.

“Dafür, dass ich das Straßenschild getroffen habe, habe ich es ziemlich gut getroffen“, sagte er diesbezüglich. Es hätte noch schlimmer kommen können, zum Beispiel wenn er mit dem Kopf zuerst aufgeschlagen wäre. “Darüber brauchen wir gar nicht zu reden. Dass ich hier sitze, wir quatschen können und ich wieder laufen kann, ist wohl Glück im Unglück“, urteilte er gegenüber Zabel.

“Es war ganz schön knapp“

Im Krankenhaus wurden ihm seine Verletzungen mitgeteilt, doch die Schwere erahnte er noch nicht. “Von einem Freund wusste ich, dass man mit einem Beckenbruch fünf Wochen im Bett liegt und dann kann man wieder fahren“, erinnerte er sich. Dieser Freund hatte aber einen deutlich weniger komplexen Bruch. Hollmann wurde für die OP ausgeflogen. “Süditalien ist dafür bekannt, dass es nicht die besten Krankenhäuser hat. Ich war extrem happy, dass ich nach Herentals verlegt wurde.“ Das war am Freitag, einen Tag nach dem Sturz. Am Samstag folgte die Operation am Arm in Belgien. Die verlief gut. “Aber am Sonntagabend hatte ich aus dem Nichts einen extremen Schmerz. Ich habe einmal aufgeschrien und bin dann wieder ohnmächtig geworden. Ich hatte eine Lungenembolie, die in etwa fingernagelgroß war.“

Hollmann bekam keine Luft mehr und verlor deswegen das Bewusstsein. Die verantwortlichen Ärzte haben den damaligen Alpecin-Profi sofort per Nottransport in die Uniklinik von Antwerpen bringen lassen. Es folgte die Notoperation. “Die Lunge musste frei gemacht werden, weil ich nicht mehr atmen konnte. Dienstag Abend war ich auf der Intensivstation wieder stabil. Es war ganz schön knapp, weil die Lunge vollständig zu war. Ich hatte starke Blutungen im Becken. Die Blutgerinnsel sind in die Lunge rein und haben die zugesetzt", erklärte er.

Nahtod-Erfahrung

Inzwischen hat Hollmann mit Therapeuten über seine Erfahrungen gesprochen. Die machten ihm deutlich, dass er eine Nahtoderfahrung gehabt habe. Nach der Lungenembolie wurde ihm mitgeteilt, dass sein Becken nicht gebrochen, sondern gesprengt war. Die nötige Operation musste wegen der Folgen jener Embolie aber immer verschoben werden. Erst am folgenden Dienstag, zwölf Tage nach dem Sturz, war es so weit. Nach der OP merkte er, dass er sein Bein nicht bewegen konnte. “Am Anfang dachte ich, das geht vielleicht weg, vielleicht kann ich es übermorgen wieder bewegen. Erst im Gespräch mit dem Arzt habe ich zu hören bekommen, dass das dauern wird. Das Bein war erst mal nervlich tot.“

Insgesamt lag Hollmann fünf Wochen in belgischen Krankenhäusern. Es folgte die Verlegung nach Berlin, wo er acht Wochen in der Klink verblieb. “Die ersten zwei Wochen war die ganze Zeit meine Mutter für mich da. Anschließend war drei Wochen mein Vater da. Das hat mir schon sehr geholfen. Auch viele Freunde waren auf Besuch. Das Härteste in der Phase war, mich nicht bewegen zu können. Du kommst vom Giro, bist gerade noch eine Welle mit 400 Watt hochgefahren und auf einmal musst du wie eine Kerze liegen“, blickte er zurück. “Drei Wochen nach dem Sturz habe ich mich zum ersten Mal hingesetzt und musste mich sofort wieder hinlegen, weil mein Kreislauf gar nicht damit klarkam.“

Prioritäten ändern sich im Reality-Check

Der erste Gedanke ans Schnell Comeback verwässerte immer mehr. “Irgendwann habe ich gedacht, dass es nicht mehr ums Zurückkommen und wann das passieren soll geht. Es geht darum, ob ich gesund werden kann und wie lange es dauert, um da hinzukommen. Wie hoch sind die Chancen überhaupt? Ich habe vom eigenen Anspruch Rückschritte gemacht. Ich habe einfach gehofft, dass ich keine Folgeschäden wie Lähmungen im Bein davontrage.“

Rund sechs Wochen nach dem Unfall konnte er sein Bein noch immer kaum kontrolliert bewegen. In der Reha in Berlin konnte er zum ersten Mal wieder auf Krücken stehen. Insgesamt drei Monate saß Hollmann zuvor im Rollstuhl. Für die Dopingkontrolleure war das aber kein Grund, einfach mal fünf gerade sein zu lassen. “Sechs Wochen nach dem Crash stand der auf einmal an der Rezeption. Er kam zu mir und meinte ‘Dopingkontrolle!‘“, erzählte der Sportler noch immer etwas ungläubig.

“Ich war in Belgien dauerhaft mit einer Morphinpumpe unterwegs. Ich weiß nicht, was ich alles bekommen habe. Die Dopingprobe muss dreifach positiv gewesen sein.“ Sportrechtlich war das in dieser Situation natürlich kein Problem. Anstrengend für Hollmann war es trotzdem. Und auch der Kontrolleur selbst fühlte sich wohl nicht sehr wohl in seiner Haut. “Der macht nur seinen Job, für ihn war das auch sehr unangenehm“, vermutete der 26-Jährige.

Doppelrolle für Alpecin

Ob der je wieder auf dem Rad würde sitzen können, war damals noch unklar. In den Wochen und Monaten danach ging es bei Hollmann aber gesundheitlich bergauf. Sein auslaufender Vertrag bei Alpecin – Deceuninck wurde nicht verlängert. Auch ein anderes Profiteam auf der Straße fand sich nicht. Stattdessen hat der Deutsche bei Canyon x DT Swiss All-Terrain Racing angeheuert, wo er vor allem Gravelrennen bestreiten wird.

Alpecin spielte im Weg zur Genesung eine doppelte Rolle. “Am Anfang muss ich dem Team extrem dankbar sein. Wenn es mich nicht am nächsten Tag im Privatjet ausgeflogen hätte…die Lungenembolie in Neapel willst du nicht haben“, urteilte Hollmann, der anschließend allerdings gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber auch kritischer wurde. “Dann stand ich ein bisschen allein da. Die Kasse wollte das nicht übernehmen, die Rentenversicherung auch nicht. Ich lag im Krankenhaus, konnte mich nicht bewegen und haben vier Stunden am Tag telefoniert, um das alles zu organisieren. Wie komme ich nach Deutschland und wie geht es weiter?“

Er war plötzlich auf sich allein gestellt. “Das war extrem schwer und da habe ich bestimmt auch einiges verloren. Wenn ich früher mit einer guten Stromtherapie angefangen hätte, hätte das nervlich gut geholfen“, so Hollmann, der auch danach enttäuscht wurde: “Ich hatte gehofft, in unserem Development-Team einen Platz und ein Jahr Unterstützung zu bekommen“, gab er zu. Die Hoffnung bewahrheitete sich nicht, doch durch den Sturz und alles, was danach passierte, könne er diese Enttäuschung besser in Perspektive sehen.

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