Judith Haudums Sporternährungs-Blog

Ölwechsel für den Körper: Hilft “Detox“ wirklich?

Von Judith Haudum

Foto zu dem Text "Ölwechsel für den Körper: Hilft “Detox“ wirklich?"
| Foto: sportnutrix.com

30.09.2021  |  Endlich Saison-Ende! Das kann man in so manchen Gesichtern lesen, wenn Radsportler/innen nach ihrem letzten Rennen vom Rad steigen. Die Saison war zwar Covid-bedingt nicht lang, trotzdem haben nicht wenige richtig viele Rennkilometer in den Beinen - wohlverdient startet man in die Winterpause. Jetzt geht’s vor allem darum, sich zu erholen und den Körper zu pflegen.

Damit einher geht oft ein Gedanke: Nach so viel Training, so vielen
Rennen, so vielen Riegeln, Gels und Sportgetränken braucht der Körper eine Reinigung. Reinigung - das kennt man aus Religion, Medizin oder dem Haushalt. Körper, Geist, Wunden oder die Wohnung: Alles wird gesäubert, um Abfall und Verunreinigungen zu entfernen.

In der Ernährung werden in diesem Zusammenhang oft die Begriffe Detox und Cleansing genannt. Am Ende eines anstrengenden, intensiven Jahrs fragen sich viele Sportler/innen, ob es nicht sinnvoll wäre, dem Körper eine Reinigung zu verpassen. All das Gift aus dem Körper schaffen und so wieder frisch und rein in die Saison-Vorbereitung zu starten - wie ein Ölwechsel samt Service beim Auto.

Der Renn-Kalender wird dünner, und so
habe ich in den letzten Wochen vermehrt Anfragen zum Thema Detox bekommen: "Bald ist mein letztes Rennen, soll ich danach eine Kur machen? Meine Freundin macht jedes Jahr zweimal so eine Detox-Diät, findest du das sinnvoll?" So und ähnlich lauten die Fragen.

Detox- und Cleansing-Kuren sowie Diäten sind kurze Ernährungs-Interventionen, die darauf abzielen, Toxine, also Giftstoffe, aus dem Körper rauszuschaffen. Gleichzeitig sollen diese Kuren unsere Gesundheit unterstützen und vielleicht sogar einen Gewichtsverlust erreichen. Die Arten solcher Kuren sind vielfältig: Von strengem Fasten über Säfte und Suppen bis zu Smoothies.

Vor allem Smoothies und Säfte sowie
klare Suppen sind beliebt, feste Nahrung kommt nur selten zum Eisatz. Das passt ins Bild der Reinigung: Mit Flüssigkeiten den Körper reinwaschen. Einige Programme sind auf bestimmte reinigende Lebensmitteln aufgebaut oder verwenden  spezielle Nahrungsergänzungsmittel. Außerdem finden Laxativa und Diuretika, also Abführmittel, in manchen Programmen Anwendung. Alles, um den Körper zu reinigen...

Mich interessieren immer die Motive von Radfahrer/innen für solche Kuren. Eine der häufigsten Antworten ist Zucker in Sporternährungs-Produkten: "So viel Zucker während der Saison, da muss ich den Körper einmal reinigen." Manche hoffen auch, Symptome im Verdauungstrakt zu beseitigen, oder einen leichten Gewichtsverlust: Mit den Giftstoffen auch gleich überschüssiges Fett ausscheiden.

Interessanterweise hat kürzlich eine Umfrage
in Australien gezeigt, dass vor allem soziale Medien die Nachricht verbreiten, dass Detox-Programm wichtig sind  - und die Nutzer machen dann auch vermehrt solche Kuren.

In der Medizin kennt man den Terminus Toxine im Zusammenhang mit Drogen und Alkohol. Patient/innen, die auf Entzug sind, machen eine Art Detox-Kur. Cleansing kennt man in der Medizin, wenn Wunden gereinigt werden oder wenn der Darm für eine Operation entleert wird. In diesen Zusammenhängen machen die Begriffe Sinn, und auch die Verwendung.

Im Sport gibt es bisher keine Hinweise darauf,
dass Reinigen tatsächlich Effekte hat. Sucht man in wissenschaftlichen Literatur-Datenbanken, findet man keine wirklich guten Studien dazu. Die wenigen, die veröffentlicht wurden, sind eher schlecht im Design und liefern keine Evidenz, dass eine Detox-Kur den Körper unterstützen würde.

Wir vergessen gerne, dass Anekdoten keine Nachweise für Wirkung sind. Wer kennt nicht jemanden, der eine Detox-Kur gemacht hat und sich danach wie neu geboren fühlte? Aber zum einen sind das häufig nur kurzzeitige Effekte, die nach wenigen Tagen wieder abklingen. Zum anderen sollte sich manche/r fragen, ob solche Kuren nicht nur verdeutlichten, dass die übliche Ernährungsweise wohl nicht die beste ist?

Häufig sind in unseren Speisen zu viel Salz,
Fett und raffinierte Zucker, und verarbeitete Lebensmittel wirken auch nicht positiv auf unseren Organismus. Verzichtet man für ein paar Tage auf diese Dinge, macht der Körper eine neue Erfahrung. Die Erkenntnis sollte vielmehr sein, die Ernährung umzustellen - auf gesündere, weniger behandelte Lebensmittel. Dann bleibt auch das Wohlbefinden erhalten.

Und eine wesentliche Frage, die meist nicht klar beantwortet wird: Was verstehen die Kur-Anbieter unter "Toxinen"? Sind das Schwermetalle? Oder Zucker? Irgendwelche anderen Giftstoffe? Gar verarbeitete Lebensmittel? Und wovon wird der Körper eigentlich befreit? Klar ist meist nur, dass der Körper verunreinigt und belastet ist. Eine klare Definition gibt es allerdings meist nicht.

Zurück zum Sport: Wenn die Saison vorbei ist,
sollte auf Riegel, Gels und Sportgetränke verzichtet werden - es besteht kein Bedarf mehr. Allein das hilft bereits, die Qualität der Ernährung zu verbessern, wenn man die Trainingsverpflegung zur täglichen Ernährung zählt.

Dann bleiben noch die Schadstoffe in unseren Lebensmitteln: Ob Blei, Cadmium oder Arsen - Berichte und Analysen zeigen immer wieder, dass in manchen Lebensmittel in einigen Regionen der Welt höhere Konzentrationen gemessen werden - wenn auch meist so hoch, dass sie für den Menschen gefährlich sind. Auch hier gibt es noch keine sseriösen Hinweise darauf, dass eine Entgiftung des Körpers notwendig wäre. Und dass es uns dadurch besser gehen würde.

Nochmal zum Sport: Wenn man über die Saison
so viel Zucker konsumiert, ist es nicht schon deswegen empfehlenswert, sich einmal einer Kur zu unterziehen und den Körper zu reinigen? Unser fabelhaften Körper ist aber durchaus schlau: Er hat ein System entwickelt, das ihm hilft, sich zu schützen - und das es ihm ermöglicht, sich von Stoffen zu befreien, sie auszuscheiden und abzugeben.

Wir besitzen zahlreich Organe, welche die Entgiftung übernehmen: Lunge, Leber, Niere, Verdauungsorgane, Haut... Jeder Giftstoff durchläuft einen anderen Weg und wird vom Körper abgegeben. Und unser Körper ist dabei sehr effizient, nur in seltenen Fällen braucht er Unterstützung. Wir sind ständig Giftstoffen ausgesetzt, sie gelangen regelmäßig in unseren Körper - aber er schafft es, sie wieder loszuwerden.

Zu bedenken ist bei Detox-Diäten außerdem,
dass sie meist sehr energiereduziert und nährstoffarm sind. Elektrolyt-Störungen können aufgrund der unzureichenden Zufuhr auftreten und nicht ungefährliche Symptome verursachen. Zwar werden Smoothies und Säfte als Vitamin-Bomben gepriesen; der Körper braucht aber neben Vitaminen noch viele andere Nährstoffe, das sollten wir nicht vergessen.

Besonders Radfahrer/innen, die einen guten Stoffwechsel und auch mehr Muskelmasse als die Normal-Bevölkerung haben, sollten wissen, wie wichtig die tägliche Aufnahme aller wichtigen Nährstoffe ist. Restriktiven Kuren verursachen nicht selten mehr Schäden als sie Gutes tun. Es dauert nur wenige Tage, bis sich unsere Darm-Flora umstellt, wenn sich die Ernährung ändert; auch wenige Tage schlechte Ernährung führen zu Veränderungen im Darm.

Jede Cleansing-Kur löst Veränderungen aus,
die Konsequenzen mit sich bringen. Bedenkt man die Rolle des Darms für die Gesundheit, sollte man sich vor einer Detox-Kur die Frage stellen, ob es eine gute Idee ist, den Körper für längere Zeit nur mit Säften zu ernähren. Wozu das führen kann, zeigte ein Fall in den 70ern, als zahlreiche Teilnehmer/innen einer "Last Chance Diet" ernste Komplikationen hatten. Das entsprach nicht ganz den Detox-Programmen heute - aber es zeigt mögliche Konsequenzen.

Ähnlich wie bei Nahrungsergänzungsmitteln und Supplementen sollte man zudem bedenken, dass Detox-Ernährungsprogramme wenig bis gar nicht reguliert sind, und ihre Produkte weder auf Qualität noch auf Sicherheit überprüft werden.

Was also tun als Radsportler/in am Ende der Saison?
Das beste Rezept für einen gesunden Körper bleibt immer die gesunde, ausgewogene Ernährung mit frischen, nicht behandelten Lebensmitteln. Damit tut man dem Körper viel Gutes, indem man ihn mit allen wichtigen Nährstoffen versorgt. Auch der Darm ist froh, weil er gut gefüttert wird, seine Belastung durch verarbeitete, salzreiche und fette Speisen hält sich in Grenzen.

Das hilft Sportler/innen obendrein, sich gut auf die kommende Saison vorzubereiten. Das Immun-System wird gestärkt und mit allem Notwendigen versorgt - so geht man fit in die Vorbereitung. Säfte, Smoothies und Suppen kann man gerne in den Speiseplan einbauen, zwischendurch und als Teil einer gesunden Ernährung.

Judith Haudum ist Sport- und Ernährungs-Wissenschaftlerin sowie Gründerin des Beratungs-Instituts "sportnutrix" in Hallein im Salzburger Land. Sie arbeitet mit diversen UCI-WorldTour- und Women's-WorldTour-Fahrer/innen, dem Österreichischen Radsport-Verband und weiteren Sportverbänden. Judith berichtet exklusiv auf radsport-news.com alle zwei Wochen über neue Erkenntnisse aus der Sporternährung.

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