RSNplusGiro-Bilanz vor dem Bergzeitfahren

Kämna kann sich vorstellen, “nochmal auf GC zu fahren“

Von Felix Mattis

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Lennard Kämna (Bora - hansgrohe) im Ziel der 19. Giro-Etappe | Foto: Cor Vos

26.05.2023  |  (rsn) - Zwei Tage noch, dann ist es geschafft. Und auch wenn das schwere Bergzeitfahren zum Monte Lussari am Samstag noch einiges ändern kann bei diesem 106. Giro d'Italia, eine erste Bilanz konnte Lennard Kämna am Freitag an den Drei Zinnen von Lavaredo schon ziehen.

"Ich denke es hat an sich ganz gut geklappt. Es gab eins, zwei Sachen, die nicht ganz optimal gelaufen sind. Ich war vor dem Giro krank und dann zur Halbzeit oder besser gesagt nach Etappe 14 auch nochmal. Das war etwas schade, denn ich glaube, das hat mir noch ein paar Körner gezogen. Aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Morgen noch und dann mal schauen, wo ich herauskomme", sagte der Kapitän von Bora - hansgrohe im Ziel der 19. Etappe zu radsport-news.com und bestätigte auf Nachfrage: "Ich kann mir schon vorstellen, nochmal auf GC zu fahren - aber sicher nicht mehr dieses Jahr."

Die Müdigkeit der vergangenen drei Wochen steckte Kämna am Freitagnachmittag hinauf zum 2.307 Meter hohen Dach dieser Italien-Rundfahrt bereits etwas in den Knochen. Als es auf die steilen letzten drei Kilometer ging, litt Kämna sichtlich. Er konnte mit den Besten nicht mehr mitfahren und verlor auch auf seine direkten Konkurrenten im Kampf um die Top-10-Platzierungen in der Gesamtwertung Zeit.

___STEADY_PAYWALL___ Vor allem Thymen Arensman (DSM) und Thibaut Pinot (Groupama - FDJ) waren an den bis zu 18 Prozent steilen Rampen der durchschnittlich zwölf Prozent steilen Schlusskilometer deutlich stärker als der Deutsche und verdrängten ihn noch vom sechsten auf den achten Gesamtrang.

Lennard Kämna (Bora – hansgrohe) gab auch auf der 19. Giro-Etappe alles, büßte dennoch zwei Positionen im Gesamtklassement ein. | Foto: Cor Vos

"Es war doch etwas zu steil für mich und ich war sehr am Limit. Das war das Maximale, was ich in den Beinen hatte", sagte Kämna, nachdem er 3:16 Minuten hinter Tagessieger Santiago Buitrago (Bahrain Victorious) und 67 Sekunden hinter Arensman sowie exakt eine Minute nach Pinot auf Rang 18 im Tagesziel eingetroffen war.

"Platz 8 stört mich schon ein bisschen, wenn ich ehrlich bin"

"Natürlich tut es etwas weh. Ich hätte mir gewünscht, weiter auf 6 oder wenigstens 7 zu sein. Jetzt bin ich Achter und das stört mich schon ein bisschen, wenn ich ganz ehrlich bin", gab er ganz offen zu, blickte aber auch schon aufs Bergzeitfahren voraus: "Ich habe morgen noch und hoffe, dass ich vielleicht noch einen Platz nach vorne komme."

Das wird allerdings eine sehr schwere Aufgabe. 45 Sekunden müsste Kämna auf den in der Schlusswoche noch sehr stark wirkenden Pinot herausholen, um ihn zu überholen – und 41 auf den Niederländer Arensman, der am Samstag aber im Vergleich zu den vergangenen Tagen einen Vorteil hat: Er muss nicht mehr für Kapitän Geraint Thomas fahren oder arbeiten, sondern kann auf eigene Kappe All-In gehen am Monte Lussari.

Bergkönig Thibaut Pinot (Groupama – FDJ) zog noch im Klassement an Kämna vorbei und ist jetzt an Stelle des Deutschen Sechster. | Foto: Cor

Da scheint es fast realistischer, dass Andreas Leknessund (DSM) Kämna noch gefährlich wird und Platz acht angreift. Der Norweger ist nach der Königsetappe 14 Sekunden hinter dem Deutschen Neunter der Gesamtwertung. Alle weiteren Kontrahenten liegen mehr als anderthalb Minuten hinter Kämna. Die Top Ten in der Endabrechnung dürften daher recht sicher sein – vorausgesetzt, es folgt am Samstag kein völliger Einbruch mehr.

Relais-Station Konrad funktioniert - wenn auch erst sehr spät

Auf dem letzten Kilometer an den "Drei Zinnen" hatte Kämna noch einmal Unterstützung durch seinen österreichischen Teamkollegen Patrick Konrad. Der nämlich war früh auf der Etappe in die Ausreißergruppe des Tages gesprungen und wartete dann am Ende auf seinen Kapitän, um ihn nochmal zu unterstützen.

Es war ein riskantes Manöver, aber eines, das im vergangenen Jahr, als Kämna vorne fuhr und dann im entscheidenden Moment auf Jai Hindley wartete, um dem im Duell um den Giro-Sieg gegen Richard Carapaz zu helfen, für Bora - hansgrohe schon großen Erfolg gebracht hatte. Deshalb setzten die Raublinger wohl erneut auf die sogenannte "Relais-Station".

Patrick Konrad fuhr in der Ausreißergruppe des Tages und stellte sich im Finale in Kämnas Dienste. | Foto: Cor Vos

Das hätte nach hinten losgehen können, wenn Kämna früher in Schwierigkeiten geraten wäre oder ihn ein Defekt gestoppt hätte. Denn nachdem Bob Jungels etwa 17 Kilometer vor Schluss als letzter Begleiter Kämnas aus der Favoritengruppe zurückgefallen war, hatte der deutsche Hoffnungsträger 15 Kilometer lang niemand mehr an seiner Seite - und Konrad war da noch um mehrere Minuten vor der Favoritengruppe unterwegs.

Konrad fuhr seinen Rhythmus und wartete auf Ansage

Und tatsächlich war der Niederösterreicher auch noch nicht zu Kämna zurückgefallen, als der 2,5 Kilometer vor dem Ziel seine Kontrahenten ziehen lassen musste. Knapp sieben Minuten war der Deutsche dann allein. Erst nach der 1.000-Meter-Marke traf er auf den wartenden und sich umschauenden Konrad, der dann nochmal Tempo bolzen konnte für den seinen Kapitän.

"Ich habe gestern richtig rausgenommen und heute war das Ziel die Spitzengruppe - entweder, um eine Top-Platzierung zu fahren oder im finalen Anstieg für Lenni da zu sein und ihn zu pacen", sagte Konrad radsport-news.com im Ziel. Das mit der Spitzenplatzierung auf der Etappe erledigte sich allerdings früh: Weil der spätere Tagessieger Buitrago in der Gruppe saß, war für Konrad klar, dass man nicht viel Vorsprung bekommen würde - und auch, dass der Österreicher selbst nicht viel dazu beitragen würde.

 

3:16 Minuten nach Etappengewinner Santiago Buitrago (Bahrain Victorious) kam Kämna ins Ziel an den Drei Zinnen. | Foto: Cor Vos

"Buitrago war nicht happy, dass ich nicht mit durchgefahren bin. Aber ich habe ihm gesagt: Hey, du bist im GC auf zwölf Minuten, ich helfe Dir nicht, dass Du Lenni überholst", so Konrad, der dann versuchte, auch nicht zu viel Energie zu investieren, um Kämna am Ende noch helfen zu können. "Am Giau bin ich mein Tempo gefahren und habe mich nicht auf die taktischen Spielchen in der Gruppe eingelassen", erklärte er. "Ich bin ein exzellenter Abfahrer und mir war klar, dass ich die zehn Sekunden bergab schnell wieder drin habe. Und auch im letzten Berg bin ich einfach meinen Rhythmus gefahren und habe darauf gewartet, dass das Team sagt: So, jetzt stehen bleiben."

Teamleitung beorderte Konrad wohl einen Tick zu spät zurück

Diese Ansage kam offensichtlich relativ spät, weil Kämna von den letzten 2,5 Kilometern mehr als 1,5 allein war. Das konnte man kritisieren - aber immerhin, sie kam noch. "Ich glaube vom Timing her haben wir es eigentlich ganz gut gemacht", meinte Konrad in seiner ersten Einschätzung nach der Ankunft. "1,5 vor Ziel habe ich auf ihn gewartet und war dann noch da für ihn. Ich denke, das war noch ganz wichtig."

Das war es sicherlich. Trotzdem fragten sich einige Beobachter und Experten, ob man Konrad nicht früher hätte nach hinten beordern oder von vorne herein im Hauptfeld hätte lassen sollen, wo er weniger Energie verbraucht hätte. Ob er dann aber ganz zum Schluss auch noch da gewesen wäre, als die Favoritengruppe immer kleiner wurde, bis Kämna schließlich zurückfiel, lässt sich im Nachhinein kaum sagen.

Konrad jedenfalls fand, ohne auf die Kritik angesprochen worden zu sein, gegenüber radsport-news.com klare Worte: "Auch wenn der eine oder andere Kommentator das auf Eurosport vielleicht nicht ganz versteht: Ich habe schon einen Knopf im Ohr und die Teamleitung sagt ganz genau, wie ich wann wo fahren muss, damit es auch passt."

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