Tour: Froome verteidigt Gelb auf Königsetappe

Uran mit einem Gang zum Sieg, Barguil jubelt zu früh

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Foto-Finish der 9. Tour-Etappe | Foto: Cor Vos

09.07.2017  |  (rsn) - Warren Barguil (Sunweb) riss auf der Ziellinie im Chambéry am Ende der dramatischen Königsetappe der 104. Tour der France mit letzter Kraft den rechten Arm empor, um seinen Sieg zu bejubeln. Doch der 25-jährige Franzose hatte sich zu früh gefreut - und damit auch wohl Rigoberto Uran (Cannondale) so beeindruckt, dass der sich offensichtlich geschlagen gab.

Erst bei der Dopingkontrolle erhielt der Kolumbianer dann die Nachricht, dass er als Erster nach extrem schweren 181,5 Kilometern über den Zielstrich gerollt war. Barguil dagegen blieb neben Rang zwei das Gepunktete Trikot des besten Kletterers, das er seinem Landsmann Lilian Calmejane (Direct Energie) abnahm.

Der Triumph des 30-jährigen Uran kam auch deshalb ziemlich überraschend zustande, weil er mit defektem Schaltwerk die letzten Kilometer bestreiten musste und nur noch einen Gang zur Verfügung hatte. "Ich war mir nicht sicher, ob ich gewonnen hatte. Als ich dann die Info bekam, spürte ich ein großes Glücksgefühl“, sagte der Südamerikaner nach seinem ersten Sieg seit fast zwei Jahren. "Mein Umwerfer war kaputt, aber ich habe es geschafft, noch in den Kampf um den Tagessieg einzugreifen. Für mich ist das eine Überraschung. Ich bin sehr glücklich, diese komplizierte Etappe gewonnen zu haben. Jetzt schaue ich auch positiv auf die Gesamtwertung", erklärte Uran.

Dagegen musste Barguil eine knappe Niederlage verdauen, nachdem er bereits auf dem Stuhl für das Sieger-Interview saß. "Ich bin enttäuscht, aber auch stolz auf die Arbeit meiner Mannschaft. Ich bin auch stolz auf mich selbst, denn nicht viele hätten es nach den Anstrengungen von gestern heute nochmal in eine Fluchtgruppe geschafft“, sagte der Sunweb-Kapitän, der bereits gestern als Ausreißer von sich reden gemacht hatte.

Uran rückte nun im Gesamtklassement auf Rang vier vor, 55 Sekunden hinter dem souveränen Chris Froome (Sky), der im Sprint Tagesdritter wurde vor Romain Bardet, dessen Ag2R in Chambéry beheimatet ist. Auf den Positionen fünf und sechs folgte zeitgleich das Astana Duo Fabio Aru und Jakob Fuglsang.

Die erste Verfolgergruppe um Nairo Quintana (Movistar) kam mit 1:15 Minuten ins Ziel, wodurch der Kolumbianer nun wohl aus dem Rennen um den Tour-Sieg raus ist. Gleiches gilt für Alberto Contador (Trek-Segafredo), der ebenso wie Quintana im letzten Anstieg nicht mit den Besten mithalten konnte und sich 4:19 Minuten Rückstand einhandelte. Auch Emanuel Buchmann (Bora-hansgrohe) erwischte keinen guten Tag und mit 7:13 Minuten Rückstand ins Ziel.

Obwohl er gemeinsam mit seinem wieder dominierenden Team auf der Etappe mit ihren 4.600 Höhenmetern alles unter Kontrolle hatte, mischte sich bei Titelverteidiger Froome in die Freude über seine Leistung auch Sorge um seinen ehemaligen Teamkollegen Richie Porte. Der BMC-Kapitän war in der gefährlichen Abfahrt vom letzten Berg des Tages schwer gestürzt und musste im Krankenwagen abtransportiert werden.

Der Australier war nicht der einzige Fahrer, der ärztliche Betreuung benötigte. Vor ihm waren unter anderem bereits Robert Gesink (LottoNL-Jumbo, Bruch eines Wirbels) und Froomes Edelhelfer Geraint Thomas (Schlüsselbeinbruch) auf dem nassen Asphalt gelandet und mussten das Rennen aufgeben. Auch Bora-Kapitän Rafal Majka (großflächige Hautschürfungen) kam zu Fall und muss möglicherweise die Rundfahrt vorzeitig beenden.

"Heute habe ich sicher gemischte Gefühle. Ich bin natürlich glücklich, dass Trikot verteidigt zu haben. Aber das war eine verrückte Etappe. Ich habe gerade die Bilder von Richie Portes Sturz gesehen, und das hinterlässt ein schreckliches Gefühl. Ich hoffe wirklich, dass er okay ist und sich schnell erholen kann“, sagte Froome, ehe noch bekannt wurde, dass sich Porte "nur“ eine Gehirnerschütterung und eine Hüftprellung zugezogen hatte. Im Gesamtklassement führt der 32-Jährige nun mit 18 Sekunden Vorsprung auf Aru und 51 auf Bardet, der mit seiner Attacke in der letzten Abfahrt das spannende Finale einer von Anfang an turbulenten Etappe eingeläutet hatte..

Tim Wellens (Lotto Soudal) initiierte mit seiner Attacke vom Start weg die zunächst 40 Fahrer starke Gruppe des Tages, die schon an der ersten von sieben Bergwertungen, der Côte des Neyrolles, nach 3,5 Kilometern gefunden hatte. Das von Sky kontrollierte Feld ließ die große Gruppe schnell und ohne Widerstand ziehen. Grund war, dass sich zwar zahlreiche namhafter Fahrer in die Flucht begeben hatten - im Gesamtklassement stellten allerdings weder Wellens noch sein Teamkollege Thomas De Gendt, Thibaut Pinot (FDJ), Pierre Rolland (Cannondale-Drapac), Jan Bakelants (Ag2R) oder Tony Gallopin (Lotto Soudal) eine Gefahr dar.

Barguil hatte mit den beiden Deutschen Simon Geschke und Nikias Arndt, dem Niederländer Laurens Ten Dam und dem Australier Michael Matthews nicht weniger als vier Teamkollegen ans einer Seite, so dass Sunweb gemeinsam mit Lotto Soudal, das mit vier Fahrern in der Spitzengruppe vertreten war, hauptsächlich dafür verantwortlich war, dass die Ausreißer bis zum Fuß des Col de la Biche, dem ersten von drei Anstiege der Ehrenkategorie, einen Vorsprung von rund 3:30 Minuten herausfahren konnten.

Zu diesem Zeitpunkt waren Gesink und Manuele Mori (UEA Team Emirates) schon nicht mehr dabei. Der Niederländer, gestern an der Station des Rousses noch Zweiter hinter Lilian Calmejane (Direct Energie), und der Italiener stürzten nach wenigen Kilometern in einer Abfahrt auf regennasser Straße und mussten in ein Krankenhaus gebracht werden. Der 30-jährige Gesink zog sich nach Angaben seines Teams eine Rückenverletzung zu, der sieben Jahr ältere Mori verletzte sich an der Schulter.

Im 10,5 Kilometer langen und im Schnitt neun Prozent steilen Anstieg schaltete sich das Ag2R-Trio Jan Bakelants, Axel Domont, Alexis Vuillermoz auf wieder abgetrockneter Straße in die Tempoarbeit an der Spitze ein - allerdings hinter Ten Dam, der bis fast zum Gipfel die Gruppe anführte. Dann trat Rolland an, um sich die 20 Bergpunkte zu sichern, doch Roglic konterte mit Leichtigkeit und holte sich den ersten Bergpreis, rund sechs Minuten vor dem bereits deutlich reduzierten Feld, in dem Sky bis dahin alles unter Kontrolle hatte.

In der Abfahrt lösten dann aber Bardets Helfer Ten Dam endgültig in der Tempoarbeit ab. Und zeitgleich attackierte Ag2R in der gefährlichen und stellenweise nassen Abfahrt das Gelbe Trikot. Die Equipe von Manager Vincent Lavenu, die ihr Hauptquartier am Fuß des Mont du Chat hat, ging volles Risiko, was zur Folge hatte, das bei einem Sturz unter anderem Froomes Teamkollege Thomas und Majka zu Boden gingen. Im Grand Colombier, dem nächsten Ehrenkategorie-Anstieg, dünnte die Spitzengruppe weiter aus, bis nur noch Tiesj Benoot (Lotto Soudal) und Barguil übrig blieben. Der Franzose sicherte sich am Gipfel für den Bergpreis, während sich nach der Harakiri-Attacke auf der Abfahrt Bardets Mannschaft auch in der 8,5 Kilometer langen und 9,9 Prozent steilen Steigung das Tempo hoch hielt.

Der Franzose hatte anfangs noch vier Helfer an seiner Seite, Froome drei, wogegen Quintana schon im bis zu 15 Prozent steilen Colombier ebenso wie Contador auf sich allein gestellt war. Nach dem Sturz von Majka wechselte bei Bora-hansgrohe die Führungsrollen. Buchmann hielt sich bis zum Gipfel des Grand Colombier in der Favoritengruppe, die sechs Minuten hinter Barguil den Gipfel in 1.501 Metern Höhe überquerte.

In der Abfahrt wartete die Spitzengruppe um Barguil auf die Verfolger Matthews, Geschke, Daniel Navarro (Cofidis), Jarlinson Pantanto (Trek-Segafredo) und Carlos Alberto Betancur (Movistar). Den Zwischensprint 55 Kilometer vor dem Ziel entschied Matthews nach Vorbereitung von Geschke souverän für sich und besserte sein Konto im Kampf ums Grüne Trikot um weitere 20 Zähler auf. Danach lösten sich Bakelants und Tony Gallopin (Lotto Soudal), jagten als Spitzenduo über die Côte de Jongieux (4. Kat.) und nahm den Mont du Chat 45 Sekunden vor der Gruppe Barguil und 2:30 Minuten vor der Favoritengruppe in Angriff.

Froome hatte auch hier Sergio Henao, Mikel Nieve und Mikel Landa drei Helfer an seiner Seite, die mit ihrer Tempoarbeit die Gruppe weiter reduzierten. Gallopin schüttelte noch im unteren Teil des durchschnittlich 10,3 Prozent steilen Anstiegs 33 Kilometer vor dem Ziel Bakelants ab, wurde aber kurz darauf von Barguil überholt. Kurz darauf kam es in der Favoritengruppe zu einer unschönen Szene, als Aru einen Defekt von Froome zu einer Attacke ausnutzte. Der Brite musste sein Rad wechseln und schloss aber schnell wieder auf, auch weil Porte und Quintana dem Italienischen Meister unmissverständlich zu verstehen gaben, dass sich nicht an der Attacke beteiligen würden.

"Ich hatte nicht gesehen, dass Froome Defekt hatte, mein Team gab mir darüber Bescheid“, behauptete Aru im Ziel, wobei die Bilder allerdings einen ganz anderen Eindruck vermittelten. „Ich hatte ein mechanisches Problem und konnte nicht mehr die Gänge wechseln. Deshalb musste ich das Rad tauschen“, schilderte Froome die strittige Szene. "Richie war wichtig dabei, die Anderen einzubremsen und zu sagen, dass das nicht der Moment ist, den Leader zu attackieren, wenn er einen Defekt hat. Danke deshalb an Richie, und ich hoffe er erholt sich schnell“, lobte er das faire Verhalten seines Konkurrenten.

Als Froome wieder aufgeschlossen hatte, spitzte sich das Rennen weiter zu. Nach mehreren Attacken durch Aru, Porte, Martin und schließlich das Gelbe Trikot selber reduzierte sich die Favoritengruppe immer weiter - unter anderem fiel auch Quintana zurück, Arus Teamkollege Jakob Fuglsang zog schließlich davon und machte sich auf die Jagd nach Barguil, der die letzte Bergwertung 26 Kilometer vor dem Ziel mit nur noch knapp einer halben Minute Vorsprung auf die Froome-Gruppe erreichte, die Fuglsang wieder eingefangen hatte.

In der folgenden Abfahrt ereignete sich schließlich der schlimmste Sturz des Tages, als Porte bei hohem Tempo auf in einer Linkskurve in den Grünstreifen fuhr, sich überschlug und gegen die gegenüberliegende Straßenbegrenzung prallte. Dabei riss er Dan Martin mit sich, der im Gegensatz zum BMC-Profi das Rennen fortsetzen konnte. In der rasenden Abfahrt löste sich Bardet noch aus der Verfolgergruppe, schloss elf Kilometer vor dem Ziel zu Barguil auf und ließ diesen in einer Welle stehen.

Doch der Vorsprung des Ag2R-Kapitäns war mit nie mehr als 20 Sekunden zu gering, als dass es zum sehnlichst erhofften Heimsieg hätte reichen können. Vor allem Fuglsang machte in der Verfolgergruppe Tempo, so dass die schließlich auf den letzten beiden Kilometern Bardet trotz aller Gegenwehr noch einfing.

Danach bereitete der Gewinner des Critérium du Dauphiné seinem Teamkollegen Aru auf den letzten 500 Metern noch den Sprint vor, ehe Uran und Bardet fast gleichzeitig antraten. Barguil kam am Ende noch stark auf, warf sich mit einem Tigersprung ins Ziel und jubelte. Umso bitterer muss die Enttäuschung gewesen sein, als das Zielfoto das Ergebnis lieferte. Und das sah Uran knapp vorne - für den Südamerikaner war es zudem eine süße Revanche, denn bei der Vuelta a Espana 2013 hatte das Foto-Finish auf der 16. Etappe den Ausschlag gegen ihn für Barguil gegeben.

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