--> -->
05.02.2026 | (rsn) – Ganz so lange ist der letzte Grand Départ in Deutschland eigentlich noch gar nicht her. Und doch wirkt der Start der Tour de France in Düsseldorf, 2017 war das, wie aus einer anderen Epoche. Und im Grunde ist es das auch. Die Sieger der vergangenen Jahre, Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard, waren noch keine Profis. Und von den Etappengewinnern von einst sind nur noch Primoz Roglic, Bauke Mollema, Dylan Groenewegen und Michael Matthews aktiv.
Die Radsportwelt hat sich einmal komplett gedreht. Mittlerweile sind Tour-Starts im Ausland nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Allein Spanien richtete den Grand Départ 2023 in Bilbao aus und ist in diesem Jahr mit Barcelona bereits wieder dran. Dazwischen gab es noch einen der selten geworden Starts in Frankreich selbst. Und den 2024 in Italien.
Als die Tour in jenem Jahr in Florenz Fahrt aufnahm, saßen auch zwei Unternehmer aus Sachsen vor dem Fernseher und verfolgten – wie jedes Jahr – das Geschehen. Doch etwas war anders als sonst. Bei Andreas Prokop und Thomas Hofmann setzte sich ein Gedanke fest: “Eigentlich müssten wir das auch mal bei uns machen.“ Es ließe sich beinahe behaupten, es sei eine Schnapsidee. Doch als solche erscheinen die ersten Gedanken für große Projekte häufig.
Mittlerweile ist daraus einiges entstanden: Seit knapp einem Jahr steht ein ganzer Verein hinter dem Ansinnen, den Tour-Start wieder nach Deutschland zu holen. Der Grand Départ 2030 e.V. wird von Prokop und Hofmann, seines Zeichens auch Präsident des Sächsischen Radsportverbandes, geführt. Seit Kurzem gehört auch Rudolf Scharping, bis letztes Jahr langjähriger BDR-Präsident, dem Vorstand an.
Andreas Prokop (l.) und Thomas Hofmann werben am Rande der Deutschland Tour für einen Tour-Start in Deutschland. | Foto: Grand Départ e.V.
Die Jahreszahl deutet daraufhin, für wann sich die Initiatoren des Projekts den Tour-Start gewünscht hätten. “Im Jahr 2030 feiert Deutschland 40 Jahre Wiedervereinigung. Das war der Ausgangspunkt für alle unsere Planungen“, sagte Prokop in einem ausführlichen Gespräch mit RSN. Und da sich die friedliche Revolution vom heutigen Mitteldeutschland aus verbreitete, sollten Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen die Bühne dafür bilden.
Mit einem grundhaften Plan in der Tasche sprachen Prokop und Hofmann bei den entsprechenden Ministerpräsidenten vor und rannten – durchaus überraschend – offene Türen ein. Mit den Absichtserklärungen zur Unterstützung im Gepäck war die Zeit reif, auch in Frankreich vorzusprechen. Im Rahmen der Tour 2025 kam es zu einem ersten Treffen mit Christian Prudhomme. Der Direktor des Rennens war, so wird berichtet, freudig überrascht über den deutschen Vorstoß.
Seitdem gab es mehrere Meetings, der Kontakt zwischen ASO und dem Grand Départ e.V. vertiefte sich. An einem deutsch-französischen Abend in Berlin, bei dem auch Prudhomme als Gast dabei war, sagte er: “Eine deutsche Bewerbung ist nicht vom Tisch zu wischen.“ Und auch die Worte “Es ist keine Frage, ob – sondern wann“ sollen mit Bezug auf einen erneuten Tourstart in Deutschland gefallen sein.
Diese deutsch-französische Freundschaft ist es auch, die dem Projekt von Prokop, Hofmann und mittlerweile einer ganzen Entourage die Zuversicht verleiht, dass aus ihrem Traum bald Realität werden könnte. Und das vielleicht sogar schon früher als ursprünglich gedacht.
In Frankreich verbindet man mit der deutschen Einheit eher den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 als die offizielle Wiedervereinigung knapp ein Jahr später am 3. Oktober. Dementsprechend wäre schon 2029 ein entsprechendes Jubiläum zu feiern. Das hatte Prudhomme kürzlich in einem Interview mit der Sportschau betont. Und: Eine deutsche Bewerbung wäre mit der Hauptstadt “natürlich stärker. Wenn sich Berlin der Kandidatur anschlösse, würde das nicht schaden.“
Gesagt, getan. “Uns war auch vorher schon klar, dass wir mit Berlin noch besser aussehen könnten. Die ASO liebt ausdrucksstarke Bilder und die gibt es halt besonders vorm Brandenburger Tor. Und ohne Berlin wäre die Story auch nicht rund“, so Hofmann zu radsport-news.com. Deswegen hatte der e.V. auch schon vor diesen Äußerungen aus dem Januar Kontakt in die Hauptstadt gesucht. Mittlerweile ist auch die Unterstützung Berlins sicher. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat bereits selbige signalisiert. “Auch wenn unser Schwerpunkt in Mitteldeutschland liegt: Wir verstehen uns als gesamtdeutsche Initiative.“
Mit der Hinzunahme von Berlin lässt sich die ursprünglich angedachte Strecke nicht mehr umsetzen. In Dresden sollte der Startschuss fallen, die 1. Etappe in Jena enden. Ein zweites Teilstück sollte Erfurt mit Magdeburg verbinden, dabei den Harz kreuzen. Tag drei sah ein fast 50 Kilometer langes Zeitfahren von Halle nach Leipzig vor. Doch ohnehin ist die Strecke, die eine Bewerbung mitliefert, höchstens ein Anhaltspunkt für die ASO. Chef-Streckenplaner Thierry Gouvenou hat in der Regel seine eigenen Vorstellungen. Input von vor Ort zu wichtigen Eckpunkten, gerade wenn es dabei um historische Verbindungen geht, sind dennoch gerne gesehen.
Die jüngsten Überlegungen sehen daher anders aus. Berlin soll einen Prolog ausrichten. Ein kurzes Zeitfahren vom Pariser Platz durchs Brandenburger Tor, vorbei an der Siegessäule und im Kreisel am Ernst-Reuter-Platz die Straße des 17. Juni wieder zurück. Ein Highspeed-Parcours, der geschichtsträchtiger kaum sein könnte. Bei drei Etappen in Mitteldeutschland soll es darüber hinaus dennoch bleiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Tour mit mehr als den ersten drei Etappen zum Auftakt außerhalb Frankreichs gastiert. Bestes Beispiel: Der Tour-Start 1987 in West-Berlin. Nachdem die ersten drei Etappen auf dem Boden der damals noch geteilten Stadt ausgefahren wurden, transferierte der Tour-Tross Richtung Baden-Württemberg und fuhr dort nochmal fast drei komplette Etappen auf deutschem Boden aus.
Allerdings, das gehört auch zur Wahrheit, waren damals noch 25 Renntage angesetzt. Seit die ASO zur Jahrtausendwende konsequent dazu übergegangen ist, das Rennen auf 21 Etappen (oder 20 und einen Prolog) zu beschränken, startete höchstens noch das vierte Teilstück im Land des Grand Départ, das Etappenziel lag aber immer schon in Frankreich. In der Form wird das von Mitteldeutschland aus aber kaum möglich sein. Ein zusätzlicher Ruhetag für den Transfer per Flieger ist unvermeidlich.
Ex-Profis wie die Tour-Legenden Olaf Ludwig (M.), Marcel Kittel oder auch Täve Schur (beide nicht im Bild) haben ihre Unterstützung zugesagt. | Foto: Grand Départ e.V.
Das hält das Team um Prokop und Hofmann aber nicht davon ab, ihre Wünsche zu formulieren. Geht es nach ihnen, sollen nach aktuelleren Plänen auch der Brocken, ebenfalls ein Symbol für die deutsche Teilung, der Fichtelberg als höchster Gipfel auf der deutschen Seite des Erzgebirges sowie die Motorsportstrecke Sachsenring einbezogen werden. An der Steilen Wand von Meerane, einem legendären Anstieg der Friedensfahrt, soll weiterhin kein Weg dran vorbeiführen.
Mit einem großen Paket an Ideen, Vorstellungen und konkreten Umsetzungsplänen, die auch von Ex-Profis wie Marcel Kittel oder Olaf Ludwig mit Expertise unterstützt wurden, reist die deutsche Delegation Anfang kommender Woche nun erneut nach Paris. In der ASO-Zentrale will man sich nun den Auftrag für ein Bidbook, im Grunde eine dicke Bewerbungsmappe, abholen. Denn ganz offiziell hat Deutschland noch keine Unterlagen eingereicht, um sich in den Reigen der Anwärter einzureihen. Ein klares, nach bestimmten Formalien abzuhandelndes Bewerbungsverfahren gibt es in dieser Form aber auch nicht.
“Wir haben uns im Vorfeld natürlich auch mit Ausrichtern des Grand Départ in der Vergangenheit unterhalten“, sagte Prokop. “Den größten und intensivsten Kontakt gab es dabei mit der Utrecht-Bewerbung.“ Dort startete die Tour 2015 und führte über Belgien ins Heimatland der Rundfahrt. “Wir haben uns vor allem für die Nachhaltigkeitseffekte interessiert und die teilweise für uns übernommen.“ Dabei sind weniger die grünen Faktoren gemeint – wobei ein Effekt der Tour auf die 186 Millionen Euro, die zwischen 2015 und 2020 allein in die Radinfrastruktur der Stadt investiert wurden, nicht von der Hand zu weisen ist – sondern vielmehr ein Nutzen der geschaffenen Strukturen und Verbindungen für Großereignisse über den Grand Départ hinaus. So war Utrecht beispielsweise 2022 auch Startort der Vuelta. Hofmann sagte diesbezüglich in einem unvollendeten Satz: “Ab 2032 ist die Straßen-WM wieder verfügbar …“. Aber auch ein jährlich wiederkehrendes Event können sich die Macher als “Nachnutzung“ gut vorstellen.
Unterstützung aus den Bundesländern: Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (r.) würde sich freuen, wenn die Tour de France bald durch Sachsen und Leipzig (im Bild) rollt. | Foto: Grand Départ e.V.
Neben Deutschland sind vor allem Tschechien mit Prag und Slowenien als Heimat von Tour-Dominator Pogacar im Rennen für 2029 und 2030. Um die Bewerbung aus Norwegen ist es zuletzt ruhig geworden, was kaum verwundert, wurde doch zuletzt die Tour of Norway abgesagt, weil staatliche Förderungen ausblieben. Hinter der Prager Bewerbung steht vor allem der tschechische Autobauer Skoda, einer der Hauptsponsoren der Tour. Das Interesse ist klar, aber die Geschichte, wie sie Deutschland erzählen kann, hat Prag nicht. Doch das ist der ASO in der Regel wichtig. Prag könnte – salopp gesagt – auch in jedem anderen Jahr von Skoda profitieren. Die slowenische Story hingegen ist auch klar: Pogacar 2029 in den Radsport-Ruhestand verabschieden. Vor einiger Zeit wurden Gerüchte laut, dass
Pogacar womöglich nach den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles ein frühes Karriereende sucht. Doch würde der heute 27-Jährige für die Chance auf einen Grand Départ in der Heimat vielleicht auch noch ein Jahr mehr ranhängen, insofern sich die Gerüchte überhaupt bewahrheiten würden.
Hofmann und Prokop schauen jedenfalls optimistisch in die Zukunft. “Im ersten Quartal 2027, spätestens aber dann im Sommer wissen alle direkt Beteiligten, wer 2028 als Ausrichter für 2029 offiziell verkündet wird“, so Prokop. “Zwei Jahre reichen dann auch aus, um alles endgültig in die Wege zu leiten.“ Sollte der Verein Grand Départ 2030 seinen einzigen Zweck, den Tour-Start nach Deutschland zu holen, schon ein Jahr früher als geplant als Erfolg vermelden können, wäre darüber niemand böse.
29.07.2026Deutsche Tour-Bewerbung in Berlin offiziell übergeben(rsn) – Jetzt ist es offiziell: Erstmals seit 2017 könnte die Tour de France wieder in Deutschland beginnen. Wie German Cycling bekanntgab, habe man die Bewerbungsunterlagen für den Grand Départ
21.01.2026Prudhomme: Deutsche Tour-Bewerbung mit Berlin “stärker“(rsn) – Bereits im vergangenen Jahr kursierten Meldungen über einen möglichen Start der Tour de France 2030 in Deutschland. Im April hatte der ehemalige BDR-Vorsitzende Rudolf Scharping die sächs
21.10.2026Pedersen zu Ganna-Wechsel: “Werden uns gut ergänzen“ (rsn) – Bisher war Mads Pedersen in den Frühjahrsklassikern uneingeschränkter Kapitän bei Lidl – Trek. Mit der Ankunft von Filippo Ganna (Netcompany – Ineos) wird sich das ab der kommenden Sa
21.10.2026Grand Départ 2029: Deutschland erhält Konkurrenz aus Tschechien (rsn) – Seit dem Sommer bereits liegt dem Tour-Organisator ASO die deutsche Bewerbung um den Grand Départ 2029 vor. Nun könnte Konkurrenz aus einem östlichen Nachbarland auf den Plan treten, de
21.10.2026Steht Roglic vor einer Rückkehr zu Visma – Lease a Bike? (rsn) - Kehrt Primoz Roglic drei Jahre nach seinem Abschied von Visma – Lease a Bike wieder zum niederländischen Rennstall zurück, bei dem der ehemalige Skispringer 2016 im Alter von bereits 26 Ja
21.10.2026Ulissi kündigt Karriereende an, Sosa nächster EF-Neuzugang (rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr
21.10.2026Nieuwenhuis in Woerden mit perfektem Einstand bei Heizomat (rsn) - Joris Nieuwenhuis hat einen perfekten Saisoneinstand im Trikot seines neuen Arbeitgebers gefeiert. Der prominente Neuzugang beim deutschen Cross-Team Heizomat – Cube entschied in der Provinz
21.10.2026Verstöße gegen Meldepflicht: Pikulik rückwirkend gesperrt (rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R
20.10.2026Emil Herzog zu EF Education: “Will endlich wieder Siege einfahren“ (rsn) – Nach drei mittelmäßig erfolgreichen Jahren bei Red Bull – Bora – hansgrohe wird Emil Herzog den deutschen Rennstall verlassen und seine Karriere bei EF Education – EasyPost fortsetze
20.10.2026Tour de France 2027 mit zwei Einzelzeitfahren? (rsn) – Wie jedes Jahr kursieren kurz vor der Streckenpräsentation der kommenden Tour de France viele Meldungen und Spekulationen zur Route der bedeutendsten Rundfahrt der Welt. Zwei Tage vor der V
20.10.2026Lipowitz 2027 mit mehr Einsätzen bei harten Eintagesrennen? (rsn) – Mit Rang 47 im WM-Straßenrennen von Montréal hat Florian Lipowitz (Red Bull – Bora – hansgrohe) eine Saison abgeschlossen, die bis zur Tour de France planmäßig verlief und in der er
19.10.2026Neuausrichtung in der Movistar-Führungsetage (rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R
19.10.2026Picnic - PostNL und Jayco - AlUla ohne WT-Lizenzen für 2027 (rsn) - Picnic – PostNL kommt nicht zur Ruhe. Nach den Vorwürfen einer “Angstkultur“ in der niederländischen Equipe und einer länger anhaltenden sportlichen Erfolgsflaute fehlt das Team auf
19.10.2026Degenkolb äußert sich zur “Angstkultur“ bei Picnic (rsn) – John Degenkolb hat sich zu den Berichten in der NOS und im Podcast “In de Waaier“ zur “Angstkultur“ bei seinem Team Picnic – PostNLgeäußert und seine Sicht der Dinge wiedergegeb