Herbert Watterott erinnert sich

Der Anstieg zum Mont Ventoux - so schön und so gefährlich

Von Herbert Watterott

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Der Mont Ventoux - so schön und so gefährlich| Foto: Cor Vos

14.05.2020  |  (rsn) - Wir haben unsere Leser gefragt, welcher Anstieg der Schönste sei. Die Wahl fiel auf den Mont Ventoux. Der weiße Riese in der Provence ist auch einer der legendärsten Berge des internationalen Radsports. Als Augenzeuge hat der ehemalige Fernsehreporter Herbert Watterott die wichtigsten Siege und Dramen miterlebt, die er für radsport-news.com packend nacherzählt.

Vom Winde verweht...in der Provence

Ein Sprichwort in der Provence lautet: Du musst nicht verrückt sein, um den Mont Ventoux zu bezwingen. Aber du bist verrückt, wenn du noch einmal zurückkehrst. Zum Start der 13.Etappe der Tour de France 1967 versammeln sich noch 104 Radprofis, um an diesem 13. Juli die Distanz von 211,5 km zwischen Marseille, der zweitgrößten Stadt Frankreichs und dem Zielort Carpentras, eine südfranzösische, provenzalische Kleinstadt im Département Vaucluse in Angriff zu nehmen. Noch ahnte keiner, dass es ein mörderisch heißer Tag werden würde, und es konnte vor allem keiner im illustren Feld der Giganten der Landstraße wissen, dass einer von ihnen nie mehr in seinem Leben zum Mont Ventoux, dem mit 1.912 Metern höchsten Berg der Provence, den man auch Ventosus, den Windumbrausten nennt, zurückkehren würde. Das eingangs zitierte Sprichwort sollte Stunden später zur bitteren Wahrheit werden.

Vom Winde verweht wurde seit 1951 so manche Hoffnung und Siegeschance an diesem von den Kelten verehrten heiligen Berg. Denn vor genau 65 Jahren bauten die beiden französischen Tour-Direktoren Jacques Goddet und Felix Lévitan erstmals den kahlen Riesen Mont Ventoux in das Streckenprofil der 54. Frankreich- Rundfahrt ein, die in Angers startete und nach der Mammutdistanz von 4.758 km in der französischen Hauptstadt Paris mit dem Sieg des Franzosen Roger Pingeon endete.

Zum Vergleich: bei der längsten Tour de France 1926 wurden 5.795 km zurückgelegt, heute sind es maximal 3.600 km. Am 26.April 1336, also vor genau 680 Jahren, wurde der Ventoux angeblich vom italienischen Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca aus Arezzo in der Toskana bestiegen und beschrieben. Die aus vielen Blickrichtungen kegelförmig, weithin sichtbare und imposante Gestalt des Berges prägt diesen Landstrich. Bei gutem Wetter kann man das rund 100 km entfernte Marseille und das Mittelmeer erkennen. Der 13.Juli 1967 sollte ein Tag werden, der für immer unauslöschlich in der Historie der Tour verankert bleibt. Ich hatte mich als junger Redakteur und Reporter ganz besonders auf diesen Tag und die Etappe gefreut.

Der legendäre Mont Ventoux war ein absolutes Highlight im Streckenprofil meiner dritten Tour de France. Diese schmutzig weiße Bergkuppe, die sich völlig überraschend aus der sonst eher flachen Landschaft der Provence erhebt, hatte ich 1965 zum ersten Mal gesehen, als damals die Etappe mit Massenstart oben auf der Passhöhe endete und der ewige Zweite Raymond „Poupou“ Poulidor seinerzeit die Etappe vor dem Ausnahmekletterer Julio Jimenez aus Spanien gewann. Es ist ein imposantes Bild, wie dieser fast 2.000 Meter hohe Riesenkegel in den Himmel ragt. Diesmal war der Ventoux nur eine Durchgangsstation auf dem Weg von Marseille nach Carpentras. Ich hatte noch keinen heißeren Tag bei der Tour erlebt. In der Sonne wurden mehr als 40 Grad gemessen. Gegen Mittag wurde die Hitze unerträglich.

Die Etappe hatte zunächst flach begonnen, bis dann wie eine finstere Drohung der Gipfel des Mont Ventoux am Horizont auftauchte. Es war kein Schnee, was sich dort vom dunstigen Blau des Himmels abhob, sondern nacktes, ausgeblichenes Vulkangestein. Tour-Direktor Jacques Goddet bezeichnete die obere Region in seinem täglichen Leitartikel in der veranstaltenden Zeitung L’Équipe als „ die Sahara der Steine“. Viele Dramen hatten sich abgespielt, manche Rennfahrer-schicksale an diesem Giganten der Provence besiegelt, seit er im Jahre 1951 erstmals bei der 17.Etappe von Montpellier nach Avignon überquert wurde und der Franzose Lucien Lazaridès die Bergwertung am Observatorium gewann.

Unser Teamchef 1967 hieß Jupp Hoppen, er war Sportchef des Saarländischen Rundfunks und zusammen mit dem schreibenden Kollegen Hans Blickensdörfer aus Stuttgart der erste deutsche Journalist, der nach dem Krieg von der Tour berichtet hatte. Günther Isenbügel (NDR), Werner Zimmer (SR), Fritz Heinrich (SWF) und Udo Hartwig (RIAS Berlin) bildeten das Reporterteam der ARD für Hörfunk und Fernsehen. Dazu kam ich als Jüngster und „Mädchen für alles“. Mein Aufgabengebiet reichte vom Sammeln neuester Informationen bis zum Besorgen erfrischender Getränke. Die ARD war damals mit drei Motorrädern sowie einem hellblauen Opel-Rekord-Cabriolet im Rennen vertreten. Ein „Moto“ fuhr an der Spitze des Pelotons, das zweite am Ende und in der Nähe des „Besenwagens“, in den die erschöpften, erkrankten oder gestürzten Fahrer stiegen, wenn sie das Rennen vorzeitig aufgeben mussten.

Das dritte Motorrad schließlich sollte sich immer dort aufhalten, wo besonders dramatische Bilder zu erwarten waren. Die drei Reporter wechselten sich bei ihren Aufgaben von Tag zu Tag ab. Einer berichtete für das Fernsehen, die anderen beiden bedienten den Hörfunk. An Live-Übertragungen für das Deutsche Fernsehen (ARD) war damals noch nicht zu denken. Die Zuschauer daheim bekamen nur einen zehnminütigen Tagesbericht zu sehen, den das französische Fernsehen am Abend anbot. Bei uns in Deutschland wurden diese Zusammenfassungen am Ende des Abendprogramms, also zwischen 22.30 und 23.00 Uhr (das waren noch Zeiten!), ausgestrahlt. Die Radiokollegen sammelten ihre Eindrücke den ganzen Tag lang auf ihren Tonbandgeräten und setzten das Material nach jeder Etappe im Schnittmobil des Saarländischen Rundfunks zusammen. Die Berichte, Reportagen und Kommentare wurden dann vom eigenen Übertragungswagen in die Funkhäuser nach Deutschlandüberspielt.

Während unsere Reporter noch im Rennen unterwegs waren, bereitete ich im Ziel schon alles für die Zusammenfassungen und Abschlusskommentare vor. Heute ist es undenkbar, mit den Autos in die Nähe des Fahrerfeldes zu kommen. Nur 14 Fotografen erhalten von der Tour-Direktion diese Erlaubnis für ihre Motorradpiloten. Damals aber hatte der Gigantismus die Tour de France noch nicht erobert. Wir konnten mit besonderen Akkreditierungen direkt neben dem Peloton fahren und das Feld auch überholen. Das Pressezentrum befand sich an diesem 13.Juli 1967 in der Kapelle des Collège des Garçons in Carpentras. Das imposante, gewölbte Bauwerk aus honigfarbenem Kalkstein war im 17.Jahrhundert in einer Seitenstraße nahe der Altstadt als Jesuitenkirche erbaut worden. Ich starrte auf kleine Monitore, auf denen die Fernsehbilder liefen, als der Anstieg in die „Hölle“ begann und die Sonne am höchsten stand. Ich lauschte dem Kommentar der französischen Reporter. Da waren der ehemalige Rennfahrer Robert Chapatte, der alle Details zu Taktik und Technik erklärte und jeden Rennfahrer persönlich kannte, sowie die Nummer eins und Ikone des französischen Sportjournalismus, Léon Zitrone, der mit kritischer Distanz die Dinge einordnete und im Stil eines Kommentators bewertete. Es war ein Hochgenuss, diesem eingespielten Duo zuzuhören.

Bald hatte das Feld die Pinienwälder, deren Bäume mit zunehmender Höhe immer kleiner und kümmerlicher wurden, hinter sich gelassen. Danach brannte die Sonne unbarmherzig auf die ungeschützten Fahrer, so als wollte der Mont Ventoux den Profis einen Keulenschlag versetzen. Das Feld war in unzählige kleine Grüppchen zerfallen. Jeder kämpfte mit sich, dem Rad, der mörderischen Steigung und der sengenden Hitze. Die richtige Kulisse für das Drama, das sich oben etwa zwei Kilometer vor dem Gipfel dieses Geröllfelsens abspielen sollte. Unten im Ziel in Carpentras rückte ich noch näher an den kleinen Monitor heran, um auf dem flimmernden Schwarz-Weiß-Bild besser erkennen zu können, was dort vor sich ging.

Ich sah einen Fahrer im weißen Trikot der britischen Nationalmannschaft aus einer kleinen Gruppe ausscheren. Damals 1967 waren keine Werkteams am Start, sondern Nationalmannschaften. Es war der letzte Versuch der Veranstalter, sich vom Diktat der Sponsoren zu befreien – ein Versuch, der kläglich scheiterte, bald darauf waren wieder Werkteams am Start. Keiner der Rennfahrer hatte unterhalb des Ventoux-Gipfels noch den kraftvollen sicheren Tritt, der eine gute Form und Fitness verrät. Aber der hagere, schmächtige Mann im britischen Trikot war ganz offensichtlich nicht mehr Herr seiner Sinne und Muskeln. Es war Tom Simpson, der 1965 schon einmal Straßen-Weltmeister war und als bester Kletterer seines Teams galt.

Ungefähr zweieinhalb Kilometer vor dem Gipfel fuhr er Zickzack. Erst drohte er die Geröllhalde zur Linken hinab zu fallen. Zum ersten Mal stürzte Simpson rund 1.500 Meter vor dem Gipfel. Damals sah es dort anders aus als heute. Die Straße war schmaler, Autos konnten sich nicht überholen, nur ein schmales Asphaltband, das sich durch den abschüssigen, grau-weißen Geröllhang schlängelte. Seine Betreuer setzten ihn wieder auf sein Rennrad. Simpson murmelte als sie ihn anschoben mit gebrochener Stimme: „Los, los, los“. Aber er kam nicht mehr weit. Er konnte sich nicht mehr auf dem Rad halten, und seine Helfer legten ihn an den Straßenrand. Simpsons Finger umfassten den Lenker wie bei einer Leichenstarre. Vermutlich starb der Engländer zwischen dem Zeitpunkt als er wieder aufs Rad gehievt wurde und dem zweiten Sturz. Weder die Mund-zu-Mund-Beatmung von Tour-Arzt Dr. Pierre Dumas noch die Wiederbelebungsversuche der Spezialisten im Sainte-Marthe-Hospital in Avignon waren erfolgreich. Tom Simpson war tot.

Später wurde bekannt, dass der erkrankte Simpson Amphetamine als Aufputschmittel eingenommen hatte. Bei der Autopsie wurde außerdem Alkohol festgestellt. Die Hitze, der Berg, das Doping, der Alkohol – das war eine fatale Mischung, die Tom Simpson das Leben gekostet hatte. Der hektische und laute Trubel im Pressezentrum verstummte abrupt, als der sonst so unnahbare kühle zweite Tour-Direktor Felix Lévitan den Raum betrat. Er bestieg das Podium und sprach sichtlich mitgenommen mit leiser Stimme: „Der Fahrer mit der Startnummer 49, Tom Simpson aus Großbritannien, ist um 17.40 Uhr im Krankenhaus von Avignon verstorben“. Für einen Moment herrschte Totenstille. Aber dann erfüllten den Pressesaal das Hämmern der Schreibmaschinen und das kräftige Brüllen der Reporterin die Telefonmuscheln.

Am Tag nach dem Unglück, am 14.Juli, dem französischen Nationalfeiertag, ließen die verbliebenen Rennfahrer im Peloton auf der Etappe von Carpentras nach Sète einen Teamkollegen von Tom Simpson den Vortritt. Barry Hoban fuhr als Erster über die Ziellinie.Er kümmerte sich später übrigens auf ganz persönliche Weise um die Witwe Simpsons. Er heiratete sie.

1968 wurde zu Ehren von Simpson ein Gedenkstein enthüllt, an der Stelle, wo er ein Jahr zuvor gestorben war. Simpsons Töchter Jane und Joanne ließen 1987 an der linken Seite des Gedenksteins eine Tafel anbringen. Darauf steht: „Kein Berg zu hoch“.

Ich hatte das Vergnügen und die Ehre diesem stets fröhlichen Ausnahmesportler zu begegnen. Es war 1965, also vor 51 Jahren, als er bei der Weltmeisterschaft in Lasarte im Baskenland den Titel und das begehrte Regenbogentrikot vor seinem Freund Rudi Altig gewann. Ich konnte ihn nach dem Rennen interviewen und ihm persönlich gratulieren.

Entfesselt – Kannibale – Angst

Drei Jahre sind nach dem Tod von Tom Simpson am Mont Ventoux vergangen, als die Tour de France zu dem „kahlen Riesen“ der Provence zurückkehrt. Am 10.Juli 1970 führt die 14. Etappe der 57. Tour durch Frankreich mit Start in der Metropole des Porzellans Limoges über 170 km von Gap hinauf auf den Ventoux in 1.912 Meter Höhe. Es ist die dritte Ankunft am Observatorium.

Es sollte einmal mehr ein Tag werden bei großer Hitze und einer weiteren Demonstration durch den Belgier Eddy Merckx. Schon ein Jahr zuvor hatte Merckx bei seinem Debut bei der Tour de France die Gegnerschaft beherrscht und dominiert. Unvergessen der Soloritt von Luchon nach Mourenx über 214 km, als er über alle Pyrenäen-Berge „flog“ und mit sage und schreibe 7 Minuten und 56 Sekunden am Ziel eintraf, nachdem er schon sechs Etappen gewonnen hatte. Am Ende der Tour betrug sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten Roger Pingeon fast 18 Minuten. Ein Klassenunterschied.

Am Ende dieser Saison 1969 hatte Merckx bei einem Rennen auf der Piste von Blois an der Loire, gelegen zwischen Orléans und Tours, einen schweren Sturz zu verkraften. Waren seine Auftritte bis dahin spielerisch und überlegen, wurde es danach schwieriger und anstrengender. Die Probleme im Rücken hörten nicht auf, und er musste immer häufiger seine Sattelhöhe verändern und anpassen. Einen Schraubenschlüssel hatte er immer in seiner Trikottasche bei sich. Die Fachleute glaubten, Merckx könnte nicht dominanter fahren als bei seiner Tour-Premiere 1969. Und doch setzte der Belgier zwischen Gap und dem Mont Ventoux noch einen drauf. Mit einem Spezialrad, gebaut durch den Italiener Giuseppe Pelà in Turin, kam die Leichtigkeit langsam zurück und im Gelben Trikot des Spitzenreiters holte er sich seinen siebenten Etappensieg und den zweiten Tour-Gesamtsieg.

Als an diesem heißen Tag der Anstieg 20 Kilometer vor dem Ziel beginnt, fährt Merckx in vorderer Position. 13 Kilometer vor dem Gipfel erhöht der Belgier das Tempo, und nur der Portugiese Joaquim Agostinho und Bergfloh Lucien van Impe (Belgien) können folgen. An der 10 Kilometer-Marke ist Merckx allein und beginnt erneut eine Soloflucht wie vor einem Jahr quer durch die Pyrenäen. Als er den Gedenkstein zu Ehren von Tom Simpson zwei Kilometer vor der Passhöhe ankommt, wirft er seine Rennmütze herüber und bekreuzigt sich. Ein Akt der Anerkennung für den ehemaligen Mannschaftskameraden. Eddy Merckx war als einziger Profikollege zu Simpsons Beerdigung im englischen Bergarbeiterstädtchen Harworth in Nottinghamshire erschienen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Die Beine und der Rücken schmerzten, der Tritt ungewohnt schwer. Direkt hinter dem Ziel musste er gestützt werden und verweigerte jegliches Fernsehinterview. Der Dominator wurde sofort in ein Sauerstoffzelt gebracht und beatmet. Seine ersten Worte waren damals: „Ich hatte Angst, schreckliche Angst“.

Eddy Merckx wurde zum erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten mit 525 Siegen, darunter 32 Eintagesklassiker, elf große Rundfahrten, darunter je fünfmal Tour de France und Giro d’Italia und drei Weltmeisterschaften. Zwischen 1966 und 1977 fuhr er insgesamt 420.000 Rennkilometer. Also zehnmal um den Erdball. Sein unstillbarer Siegeshunger brachte ihm den Beinamen „Kannibale“ ein, diese zutreffende Bezeichnung kreiert vom französischen Profikollegen Christian Raymond. Nach Merckx wurde in Brüssel auch eine U-Bahn-Station benannt, und der belgische König Albert II. erhob ihn 1996 als Edouard Louis Joseph Baron Merckx in den Adelsstand.

Naturgewalten verscheuchen die Tour...

Am Donnerstag, den 13.Juli 2000 befindet sich das Ziel der 12.Etappe zum sechsten Mal in 1.912 Meter Höhe auf dem unheimlichen Berg, auf dem im Winter nicht selten Temperaturen unter 30 Grad minus und im Sommer leicht 40 Grad plus herrschen. Nicht selten peitschen Mistral-Winde mit bis zu 250 km/h um die Bergkuppe des UNESCO-Biosphären-Reservats. Der rund 22 Kilometer lange Anstieg mit einer Maximal-Steigung von 10 % verspricht den 160 Fahrern einmal mehr Höllenqualen. Eddy Merckx hat es klar beschrieben: „Anders als bei anderen Steigungen kannst am Ventoux nie den Druck von der Pedale nehmen. Es gibt keine Sekunde zum Erholen. Wenn Du aus dem Waldkommst, weht auf den letzten Kilometern meist ein zermürbender Wind.

An diesem Tag sollte es aber noch schlimmer kommen. Auf den 149 Kilometern zwischen dem Start in Carpentras, über Saint-Saturnin-lès-Apt, Sault und Bedoin hinauf zum Chalet Reynard, vorbei am Gedenkstein für Tom Simpson bis an den Fuß des Observatoriums kam es zu einem gnadenlosen Ausscheidungsfahren. Nur vier Fahrer kamen innerhalb von 30 Sekunden im Ziel an, alle anderen quälten sich mit deutlichem Abstand bis oben hin. Der Este Lauri Aus kam mit 36 Minuten und 16 Sekunden Rückstand in dünner Luft als Letzter an. Sogar im Sommer zeigt sich der Ventoux von seiner feindlichen Seite. Trotz großer Hitze stellen die extremen Temperaturschwankungen die größte Gefahr dar.

Zwei Tage bevor der Tour de France-Tross ankam, führte das jährlich stattfindende Jedermann-Rennen „Etape du Tour“ zum Mont Ventoux. Nach Hagel, Sturm und Schnee wurde die Prüfung gekürzt. Die Hälfte der rund 7.000 Teilnehmer musste am Chalet Reynard, sechs Kilometer vor dem Kulminationspunkt umkehren. Das Risiko an Unterkühlung zu sterben, wäre zu groß gewesen.

Als dann am 13. Juli 2000 Sieger Marco Pantani aus Rimini vor Lance Armstrong, Joseba Beloki und Jan Ullrich ins Ziel fuhr, passierte etwas, was ich bei meinen bis dahin 35 Tour-Teilnahmen als Reporter noch nie erlebt hatte. Der Wind blies mit solcher Stärke, dass die unzähligen Zuschauer am Berg fast umgeweht wurden. Der größte Teil der Tour-Infrastruktur wie Übertragungs- und Regiewagen sowie Werbekolonne und ein Teil der Pressefahrzeuge blieb aus Sicherheitsgründen unten in Carpentras. Keine Zielvorrichtung, kein Banner über der Straße, unter dem Sieger Pantani und die Nächstplatzierten hindurchfahren konnten, kein Siegerpodium, wo der Etappensieger geehrt wird und sich feiern lassen konnte.

Die Kollegen, die dort oben in luftiger und stürmischer Höhe arbeiten mussten, waren froh, als sie heil wieder im Tal gelandet waren. Die Rennfahrer, sonst unterwegs auf ihren Rennmaschinen zurück in die Hotels, wurden mit Autos nach unten transportiert. Abfahrt auf zwei Rädern unmöglich und lebensgefährlich. Einmal mehr hatte Mont Ventosus, der Windumbrauste, gesiegt.

Herbert Watterott: Jahrgang 1941 - war 1965, als die Tour vor dem Kölner Dom startete zum ersten Mal dabei. Der Bensberger berichtete 41mal vom größten Radrennen der Welt, dazu von 18 Olympischen Spielen, 25 Eishockey-Weltmeisterschaften und 60 Sechstagerennen. Seit über 40 Jahren Mitglied im Radsportverein Staubwolke Refrath, ist Watterott bis heute im Bergischen Land unterwegs – auf seinem Merckx-Rennrad, das ihm einst Udo Bölts schenkte.

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