Pogacar beim vierten Sieg 3:16 Minuten vor Evenepoel

Ein Überirdischer deklassiert bei Il Lombardia den anderen

Von Guido Scholl

Foto zu dem Text "Ein Überirdischer deklassiert bei Il Lombardia den anderen"
Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) feiert seinen vierten Sieg bei Il Lombardia. | Foto: Cor Vos

12.10.2024  |  (rsn) – Die Überlegenheit von Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) ist inzwischen so groß, dass niemand mehr versucht, ihm den Sieg streitig zu machen. Als der Slowene 48,5 Kilometer vor dem Ziel der 118. Lombardei-Rundfahrt (1.UWT) angriff, zuckte die Konkurrenz nicht einmal, die sich von nun an nur noch um Platz zwei kümmerte. Der ging mit 3:16 Minuten Rückstand an den zweiten Überirdischen des Monuments, Olympiasieger Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step), der sich ebenso überlegen mit 1:15 Minuten Vorsprung vor dem Dritten Giulio Ciccone (Lidl – Trek) durchsetzte.

Durch seinen vierten Sieg bei Teilnahme Nummer vier an diesem Rennen schloss Pogacar zum legendären Alfredo Binda auf. Nur Fausto Coppi liegt nun mit fünf Lombardei-Erfolgen noch vor dem Slowenen, der in diesem Jahr auf sagenhafte 25 Saisonsiege kommt. Wie Coppi in den Jahren 1946 bis 1949 gelang Pogacar das Kunststück, viermal in Folge zu triumphieren. Damit nicht genug der Superlative: 3:16 Minuten Vorsprung sind der größte Abstand zwischen Platz eins und zwei seit Eddy Merckx' Lombardei-Sieg im Jahr 1971, als der Kannibale 3:31 Minuten herausgefahren hatte.

Pogacar bedankte sich bei seinem Team, das hart für seinen Sieg gearbeitet habe. Es sei von vornherein der Plan gewesen, am Colma di Sormano anzugreifen. "Ich wusste, dass ich es schaffen kann, wenn ich da oben eine Lücke habe“, sagte der Slowene. Auf den letzten zehn Kilometern habe er dann die jubelnden Zuschauermassen genossen. Nach der sportgeschichtlichen Einordnung seiner Leistungen in dieser Saison gefragt, wich Pogacar aus: "Lasst uns das am Ende meiner Karriere besprechen“, sagte der Dominator des Jahres.

Evenepoel blieb sitzen, als Pogacar attackierte, später löste er sich aus einer dreiköpfigen Verfolgergruppe und wurde mit 3:16 Minuten Rückstand Zweiter. "Ich bin zufrieden. Es ist genauso gekommen, wie ich es schon am Vormittag analysiert habe. Tadej hat am schwersten Stück des Anstieges attackiert. Das war logisch. Ich versuchte meinen Rhythmus zu finden, kam über den Gipfel mit einer kleinen Lücke auf Enric und Lennert und habe daher in der Abfahrt Gas gegeben. Ich konnte einen Abstand auf die beiden herausfahren. Danach war es ein langes Einzelzeitfahren bis zum Ziel", sagte Evenepoel gegenüber Eurosport.

Glückliche Nummern 3 und 4

Dort äußerte sich auch der dritte auf dem Podium, Giulio Ciccone: "Das war kein leichtes Jahr, ich hatte viele Probleme im Winter. Mit so einem Winter ist es immer schwer, eine gute Form zu finden. In den letzten Monaten lief es besser und ich wollte die Saison mit einem guten Rennen abschließen. Heute konnte ich das einfahren.“

Izagirre war "super happy" über Platz vier. Das Rennen sei extrem hart gewesen, weil UAE es den ganzen Tag über schnell gemacht habe. Er selbst habe versucht, nach Pogacars Angriff sein eigenes Tempo zu fahren. "Als wir dann am San Fermo ankamen, war irgendwie jeder am Limit", konstatierte Izagirre, der beim zehnten Anlauf sein bestes Lombardei-Resultat erzielte. 2018 war der Baske 6. gewesen.

Als bester Deutscher erreichte Georg Zimmermann (Intermarché – Wanty) auf Platz 19 das Ziel. Sein Rückstand betrug bereits 7:56 Minuten. Juri Hollmann (Alpecin – Deceuninck) wurde 72, Florian Stork (Tudor Pro Cycling) 74. und Johannes Adamietz (Lotto Dstny) 76. - allesamt mit 18:12 Minuten Rückstand. Hannes Wilksch (Tudor) belegte mit mehr als 20 Minuten Abstand Rang 91.

Florian Lipowitz (Red Bull - Bora - hansgrohe) konnte nach seinen zuletzt starken Leistungen nicht in das Geschehen eingreifen und musste das Rennen sogar vorzeitig aufgeben.

So lief das 118. Il Lombardia:

22 Fahrer prägten die ersten vier Rennstunden: Xandro Meurisse (Alpecin - Deceuninck), Harold Lopez (Astana Qazaqstan), Antonio Tiberi, Damiano Caruso, Matej Mohoric (alle Bahrain Victorious), Bastien Tronchon (Decathlon - AG2R), Rudy Molard, Rémy Rochas (beide Groupama - FDJ), Thymen Arensman, Brandon Rivera (beide Ineos Grenadiers), Julien Bernard (Lidl - Trek), Gregor Mühlberger, Einer Rubio (beide Movistar), Daniel Felipe Martinez (Red Bull - Bora - hansgrohe), Mauri Vansevenant (Soudal - Quick-Step), Martijn Tusveld, Kevin Vermaerke (dsm-firmenich - PostNL), Eddie Dunbar (Jayco - AlUla), Matteo Fabbro (Polti - Kometa), Tiesj Benoot, Wilco Kelderman (beide Visma - Lease a Bike) und Anders Halland Johannessen (Uno-X Mobility).

Martinez, Lopez, Tiberi, Caruso, Mohoric, Arensman, Rochas, Dunbar, Kelderman und Bernard waren die ersten, die sich im Anstieg nach Selvino aus dem Peloton lösten. Nach und nach setzten sich weitere Fahrer ab, bis die Gruppe des Tages auf 22 Mann angewachsen war. Der Vorsprung wuchs bald auf bis zu fünf Minuten an. Wenig verwunderlich nach dem jüngsten Saisonverlauf kontrollierte Team UAE Team Emirates das Feld.

Das Streckenprofil der Lombardei-Rundfahrt | Foto: Veranstalter

Im Anstieg zum Sella die Osigo begannen die Helfer des Weltmeisters den Abstand zu verringern, oben angekommen waren nur noch 3:15 Minuten übrig. Auf dem Weg zur Wallfahrtsstätte Madonna di Ghisallo musste zunächst Caruso und dann Lopez die Kopfgruppe ziehen lassen. Hinten drückte UAE immer mehr aufs Gaspedal, sodass die Spitze nur noch mit zwei Minuten in die Abfahrt ging.

Auf dem flachen Abschnitt zum Colma di Sormano reduzierte Hirschi den Abstand weiter auf schließlich eine Minute, ehe der Schweizer an seinen Teamkollegen Adam Yates übergab. Vorn griff derweil Molard an. Dem Franzosen konnten zunächst nur Dunbar und Rochas folgen. Doch als Arensman, Rubio, Kelderman, Benoot, Martinez und Meurisse wieder aufschlossen, war es der Belgier, der alle Begleiter abschütteln konnte.

Pogacar sucht die Entscheidung

Nach knapp vier Kilometern des längsten Anstiegs des Tages übernahm Pavel Sivakov als letzter Pogacar-Helfer die Spitze der Favoritengruppe, die zu dem Zeitpunkt noch etwa 30 Fahrer umfasste. Nach und nach wurden die verbliebenen Ausreißer eingesammelt – Meurisse und Arensman ereilte dieses Schicksal 48,5 Kilometer vor dem Ziel als letzte. Und in dem Moment attackierte Pogacar.

Evenepoel und Mas versuchten, die Lücke klein zu halten, aber niemand unternahm einen ernsthaften Anlauf, dem Slowenen zu folgen. Lennert van Eetvelt (Lotto - Dstny) schloss bald zu dem Verfolgerduo auf. Doch diese Drei schienen eher ein eigenes Rennen zwischen Pogacar und der nächsten Verfolgergruppe - Sivakov, Giulio Ciccone (Lidl - Trek) und Michael Storer (Tudor) - zu fahren. Der Weltmeister erreichte die Kuppe mit 1:10 Minuten Vorsprung auf Evenepoel, Mas und van Eetvelt. Hinter diesem Trio kam Sivakov nach einer Attacke als Fünfter über den Berg.

In der Abfahrt schüttelte Evenepoel seine Begleiter nach wenigen Kilometern ab. Pogacar hatte derweil in einer Linkskurve eine Schrecksekunde zu verarbeiten, als er sich versteuerte und nur knapp einen Sturz vermeiden konnte. Doch auch Evenepoel hatte an ein, zwei Stellen seine liebe Mühe, sodass Mas und van Eetvelt zunächst noch in Schlagdistanz blieben. Auf dem welligen Abschnitt nach der Abfahrt spielte der Zeitfahrweltmeister dann aber seine Rollerqualitäten aus und vergrößerte seinen Vorsprung auf eine Minute, während Pogacar wiederum die Lücke zu seinem ersten Verfolger sukzessive weiter aufmachte.

Dahinter kämpfte Sivakov um den Anschluss zu van Eetvelt und Mas, da der UAE-Profi noch die Chance aufs Podest witterte. 18 Kilometer vor dem Ende hatte er die beiden schließlich eingeholt. Da war allerdings bereits klar, dass es für das Trio nur noch um Platz drei gehen würde, da Evenepoel schon 1:25 Minuten davor lag und Pogacar seinerseits wiederum zwei Minuten vor dem Belgier. Als der Mann an der Spitze in den letzten Berg des Tages, den San Fermo della Battaglia, einfuhr, hatte er noch einmal 30 Sekunden oben drauf gelegt.

Wie schon bei seinen Solosiegen zuvor in dieser Saison ließ der Slowene auch im Finale nicht nach, obwohl er gänzlich ungefährdet war. Mit mehr als drei Minuten Vorsprung auf Evenepoel überquerte Pogacar den letzten Berg und stürzte sich in die Abfahrt zum Comer See. Sivakov wiederum attackierte in der Mitte des Anstiegs, distanzierte van Eetvelt und Mas aber nur für kurze Zeit. Der Belgier schloss die Lücke mit dem Movistar-Kapitän im Schlepptau, ehe Ciccone zu dem Trio aufschloss und kurz darauf sogar angriff. In der Abfahrt konnte der Italiener einen knappen Vorsprung behaupten. Sivakov, Mas und van Eetvelt wurden dann sogar noch von Izagirre eingeholt.

Pogacar genoss den Zieleinlauf sichtlich. Mit breitem Grinsen und weit ausgestreckten Armen überquerte der Weltmeister den Zielstrich. 3:16 Minuten später kam Evenepoel rein, augenscheinlich weit weniger zufrieden. Ciccone verteidigte seinen Vorsprung auf die vier Verfolger und sicherte sich so den letzten Podestplatz, während Izagirre den Spurt um Rang vier deutlich für sich entschied.

Results powered by FirstCycling.com

Mehr Informationen zu diesem Thema

13.10.2024Evenepoel: “Ich muss noch an meinen Kletterkünsten arbeiten“

(rsn) – Neben Mathieu van der Poel (Alpecin – Deceuninck) und Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) gehört Remco Evenepoel (Soudal – Quick Step) zu den bestimmenden Fahrern der Saison. Der Belgier

12.10.2024Highlight-Video des 118. Il Lombardia

(rsn) - Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) hat auch bei seinem letzten Saisonauftritt die Konkurrenz in den Schatten gestellt und zum vierten Mal in Folge den italienischen Herbstklassiker Il Lombardia

12.10.2024Evenepoel: “Rang zwei war heute das Maximum für mich“

(rsn) – Mit einem überlegenen Sieg von Straßenweltmeister Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) endete die 118. Lombardei-Rundfahrt. 48 Kilometer vor dem Ende des fünften und letzten Monument des Jah

12.10.2024Ineos nimmt Pidcock aus seinem Lombardei-Aufgebot

(rsn) – Seit einiger Zeit kursieren in den Medien Gerüchte, dass sich die Wege von Tom Pidcock und Ineos Grenadiers 2025 trotz eines bis einschließlich 2027 laufenden Vertrages wegen interner Unst

11.10.2024Lombardei-Route kurzfristig an zwei Stellen geändert

(rsn) - Aufgrund der starken Regenfälle der letzten Tage, die schon zum Abbruch von Tre Valli Varesine (1.Pro) geführt hatten, müssen die Ausrichter der am Samstag stattfindenden Lombardei-Rundfahr

11.10.2024Topfavorit Pogacar auf Coppis Spuren

(rsn) – Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) gewinnt in dieser Saison, wo und wie er will. Im Frühjahr attackierte er bei der Strade Bianche 82 Kilometer vor dem Ziel, den Sieg bei Lüttich-Bastogne-L

09.10.2024Saison beendet: Roglic verzichtet auf Il Lombardia

(rsn) – Während Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) und Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) am 12. Oktober bei Il Lombardia (1.UWT) ein letztes Mal in dieser Saison aufeinander treffen, wird Prim

09.10.2024Reichen Evenepoels Batterien noch für Il Lombardia?

(rsn) – Nicht nur Tadej Pogacar (UAE Team Emirates) kann auf eine herausragende Saison zurückblicken. Auch Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) fuhr auf höchstem Niveau, was nicht nur bisher ne

09.10.2024Pogacar: “Die Form ist immer noch sehr gut“

(rsn) – Tadej Pogacar (UEA Team Emirates) hat beim italienischen Herbstklassiker Il Lombardia (1.UWT) eine makellose Bilanz vorzuweisen. Bei bisher drei Teilnahmen gelangen dem Slowenen drei Siege i

17.09.2024Il Lombardia 2024 mit Sormano- statt Civiglio-Anstieg

(rsn) - Knapp vier Wochen vor dem Start von Il Lombardia (1. UWT/ 12. Oktober) hat RCS Sport die Strecke der 118. Ausgabe des letzten Monuments des Jahres bekannt gegeben. Die Lombardei-Rundfahrt füh

Weitere Radsport-Markt-Nachrichten

31.10.2026Fahrerinnen äußern Bedenken bei Sicherheit und Finanzen

(rsn) – Die Organisation Cyclist Alliance hat ihren Bericht zum Stand der Dinge im Frauen-Peloton veröffentlicht. In der Studie, deren 43-seitiger Bericht auf einer Umfrage von 127 Profi-Fahrerinn

31.10.2026Pogacar gibt weiteren Einblick in Saisonplanung

(rsn) – Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) hat bei einem virtuellen Community-Treffen der Plattform MyWhoosh über seine anstehende Saison 2027 gesprochen. Dabei hielt er sich für die ganz k

31.10.2026Renntage-König Veistroffer immer noch nicht müde

(rsn) Baptiste Veistroffer (Lotto – Intermarché) kam in seiner ersten Saison als WorldTour-Profi auf 94 Renntage (85 auf UCI-Level) von der Tour Down Under (2.UWT) im Januar bis zur Tour of Guangx

30.10.2026Pozzovivo auch mit 44 noch Profi? Teuns steigt vom Rad

(rsn) - In unserem ständig aktualisierten Transferticker informieren wir Sie regelmäßig über Personalien aus der Welt des Radsports. Ob es sich um Teamwechsel, Vertragsverlängerungen oder Rücktr

30.10.2026Carera: “Pogacar hat mit der Vuelta noch eine Rechnung offen“

(rsn) – Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) wird nach Angaben seines Managers Alex Carera im Dezember im Rahmen des Team-Trainingslagers in den Vereinigten Arabischen Emiraten sein Grand-Tour-P

30.10.2026HLN: Roglic hat Lotto – Intermarché abgesagt

(rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R

30.10.2026Schweizer Frauenteam CTO Women will 2027 KT-Lizenz ziehen

(rsn) - Das Schweizer Frauenteam CTO Women will ab kommender Saison mit UCI-Lizenz auf Continental-Niveau fahren. Diesen Entschluss hat der Ostschweizer Rennstall zu Wochenbeginn gefasst und am Freita

30.10.2026Van Aerts Cross-Programm: “Noch nichts in Stein gemeißelt“

(rsn) – Während vom achtmaligen Weltmeister Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) noch immer nicht bekannt ist, ob er in diesem Winter überhaupt Crossrennen bestreiten wird, hat sein Dau

29.10.2026McNulty hat das Regenbogentrikot - UAE aber eben auch Pogacar

(rsn) – Nach seinem WM-Coup von Montréal wird Brandon McNulty im Regenbogentrikot die Saison 2027 bestreiten. An seiner Rolle bei UAE – Emirates – XRG wird das allerdings nichts ändern, wie s

29.10.2026Seixas mahnt strengere Sicherheitsstandards an

(rsn) – Obwohl er mit seinen gerade mal 20 Jahren zu den jüngsten Profis im Feld gehört, dürfte das Wort von Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) nach dieser Saison besonderen Wert haben. Der Jung

29.10.2026Velo d´Or: Pogacar und Vollering favorisiert

(rsn) - Die französische Sportzeitung L´Équipe hat die Nominierten für die prestigeträchtige Auszeichnung “Vélo d´Or“ bekannt gegeben. Zur Auswahl stehen jeweils zehn Frauen und Männer, wo

29.10.2026Fall Picnic: Sportrechtlerin Olfers mit Untersuchung beauftragt

(rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R

JEDERMANN-RENNEN DIESE WOCHE
  • Keine Termine