Rekordfahrt vom Nordkap nach Kapstadt - Tagebuch

Cape to Cape: Königs-Etappe, Demos und Hyänen in der Nacht

Von Jonas Deichmann

Foto zu dem Text "Cape to Cape: Königs-Etappe, Demos und Hyänen in der Nacht"
| Foto: Jonas Deichmann

03.11.2019  |  Der Münchner Extrem-Sportler und Abenteurer Jonas Deichmann hat einen neuen Weltrekord im Visier: 18 000 km mit dem Rennrad, vom Nordkap in Norwegen bis zum südlichen Ende Afrikas - ohne jede Unterstützung.

Wie bei seinem Eurasien-Rekord führt Jonas wieder für RSN ein Tagebuch. Er hat die schwierigen Passagen durch Sudan und Äthiopien hinter sich und durchquert aktuell das ruhigere, landschaftlich schöne Kenia. Jonas ist trotz mehrerer Lebensmittelvergiftungen wohlauf und im Zeitplan.
Hier Teil acht seiner Aufzeichnungen.

Tag 44: Die Königs-Etappe auf 2700 Meter
Ich bin endlich über die Lebensmittelvergiftung hinweg und fühle mich wieder fit. Nach 20 flachen Kilometern fällt die Straße über 22 km in die Blaue-Nil-Schlucht ab. Am unteren Rand spielen Affen, es gibt einen spektakulären Blick in die Schlucht. Und natürlich steigt die Straße auf der anderen Seite wieder gleichermaßen an - einer der härtesten Anstiege Afrikas. Die Straße ist schrecklich und der Aufstieg brutal steil, aber die Aussicht auf den Canyon ist wirklich spektakulär.

Nach zwei Stunden bin ich auf 2700 Metern - und halte, um tatsächlich Spaghetti zu essen! Am Nachmittag geht es über ein wunderschönes Hoch-Plateau, ständig auf und ab. Die Leute sind super-freundlich und winken mir, nur zweimal mit Steinen... Gerade noch bei Tageslicht komme ich in ein Dorf und finde ein günstiges Hotel für die Nacht: Drei Euro, aber kein fließendes Wasser.

Tag 45: Stau in Addis Abbeba
Ich fahre bei Sonnenaufgang los, im Morgennebel das Hoch-Plateau entlang. Plötzlich kommt ein großer Stein hinter einem Zaun hervorgeflogen, das bringt mich fast zum Sturz. Aber dann sind die Leute den ganzen Tag über freundlich. Gegen Mittag komme ich in die äthiopische Hauptstadt Addis Abbaba und durchquere die Stadt in einem endlosen Stau. Auf der anderen Seite ist die Straße fast 100 km lang völlig hinüber, mit über 30 km Baustellen. Es geht sehr langsam voran - ich bin froh, dass mein Fahrrad das überlebt. Abends ändert sich die Landschaft: Bisher Berge, nun öffnet sich eine große Savannen-Landschaft. Schnellere Tage liegen vor mir.

Tag 46: Demonstrationen und Gewalt
Ich mache mich bei Sonnenaufgang auf den Weg und erreiche nach einer Stunde die Stadt Zigay. Es gibt überall Demonstrationen und niemand kann mir erklären, warum. Ich fahre weiter, aber am Rand der Stadt ist die Straße durch Autoreifen und Steine blockiert. Es qualmt kräftig, und viele Leute rennen auf mich zu. Ich drehe um und fahre zum nächsten Hotel, das ich den ganzen Tag nicht verlassen kann.

Die Stadt ist ziemlich im Aufruhr. Es gibt Barrikaden, Leute mit Stöcken und Steinen rennen durch die Straßen. Anscheinend wurde ein politischer Aktivist von der Polizei festgenommen, was zu Demonstrationen in der gesamten Region führte. Manche sagen, dass er nur inhaftiert wurde, um Gewalt zu verursachen. Die ganze Nachts geht es weiter rund und ich bin froh, hinter verschlossenen Türen im Hotel zu sein. Der Mob ist gewalttätig und versucht, vieles zu zerstören. Die Armee trifft aus Addis Abbaba ein, um die Krise zu lösen. Es gibt keine alternative Route für mich, ich muss noch 400 km durch diese Region. Keine Ahnung, was morgen bringt und ob ich fahren kann...

Tag 47: Schutz durch Einheimische
Als ich aufwache, hat sich die Lage anscheinend beruhigt, auch der Hotelbesitzer sagt, ich kann fahren. Nach 50 km erreiche ich Shashamane, doch die ganze Stadt ist gesperrt: Brennende Lkw-Reifen, Barrieren aus Steinen und Bäumen, starke militärische Präsenz und wieder viele Leute, die mit Stöcken herumrennen. Alle Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, ich finde keinen sicheren Ort. Die Menge ist aggressiv, ihre Aufmerksamkeit verlagert sich bald auf mich. Glücklicherweise finden sich einige Einheimische, die einen Kreis um mich und mein Rad bilden, und mich zu einem mit Gittern geschützten Restaurant bringen, das mich einlässt.

Nach einer Stunde wird es etwas ruhiger und ich fahre schnell aus der Stadt. Bald bin ich 30 schnelle Kilometer weiter, dann kommt wegen Straßenbauarbeiten ein 70 km langer Schotterabschnitt. Kinder werfen ständig Steine und beleidigen mich: Sie rufen „China“ oder „Ali Baba“; mir wird klar, wer die Wirtschaft in der Region beherrscht. Nach 200 km finde ich ein Hotel, als es dunkel wird. Ich bin zufrieden damit, aber ich habe wieder mein Tagesziel verfehlt. Ich freue mich auf Kenia und bessere Bedingungen.

Tag 48: In den Regenwald 
Ich stehe vor Sonnenaufgang auf und fahre auf einer sehr schlechten Schotterstraße, fast 50 km Anstieg, meist sehr langsam, wegen viel Straßenbau. Die Landschaft ändert sich wieder: Ich komme in den Regenwald, mit großen Bananen-Plantagen. Am Nachmittag wandelt sich auch die Straße: Schön glatter Asphalt, es geht in sanften Hügeln ständig auf und ab. Viel weniger Leute sind unterwegs, und alle superfreundlich. Ich fahre in die Dunkelheit, bis ich ein kleines und recht bescheidenes Hotel finde. Morgen geht es nach Kenia.

Tag 49: Mit Gegenwind nach Kenia
Als ich bei Sonnenaufgang losfahre, kann ich nirgends etwas zu essen bekommen. Nach einer Stunde finde ich in einem Kiosk an einer Kreuzung Brot und Tee für ein spätes Frühstück. Ich bin jetzt im dünn besiedelten Süden Äthiopiens, mit großen Entfernungen zur nächsten Stadt. Überall gibt es Militär und Leute mit Maschinengewehren: In der Grenz-Region und der Stadt Moyale toben seit Jahren gewaltsame Stammeskonflikte.

Aber alle sind sehr freundlich, ich fühle mich sicher. Ich mache vormittags gute Fortschritte, bis die Straße nach Osten führt, in einen starken Gegenwind. Ich erreiche Moyale bei Sonnenuntergang und möchte in den kenianischen Teil der Stadt. Mehrere Einheimische warnen mich jedoch, dass es dort zu einer Schießerei gekommen ist. Ich beschließe, erst am Morgen über die Grenze zu fahren.

Tag 50: Geräusche in der Nacht
So richtig mein Tag: Ein bisschen Verspätung an der Grenze, da der Einwanderungsbeamte erst sein Frühstück beenden will. Aber dann bin ich auf dem glatten kenianischen Hochgeschwindigkeits-Asphalt unterwegs: 248 km am Stück, trotz starkem Seitenwind. Ich bin froh, in Kenia zu sein, und fahre bis in die Dunkelheit, nachdem mir einige Einheimische gesagt haben, dass es sicher sei. Die nächtlichen Geräusche Afrikas waren aufregend - bis ich zu einem Polizeikontrollpunkt komme. Sie fragen mich, ob ich eine Waffe trage, um mich zu schützen. Anscheinend waren Hyänen und Elefanten in der Nähe. Die Geräusche Afrikas und die vielen Augen im Dunkeln waren danach irgendwie anders...
 
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