In China von der Anfahrerin zur Sprintsiegerin

Überraschungscoup: De Zoete lässt Ceratizit – WNT jubeln

Von Felix Mattis aus Chongming Island

Foto zu dem Text "Überraschungscoup: De Zoete lässt Ceratizit – WNT jubeln"
Mylène de Zoete (Ceratizit – WNT) hat den Auftakt der Tour of Chongming Island gewonnen. | Foto: Cor Vos

12.10.2023  |  (rsn) – Mit den zwei Top-Sprinterinnen Martina Fidanza und Marta Lach ist das Team Ceratizit – WNT zur Tour of Chongming Island nach China gereist, doch am Ende der 1. Etappe war es Anfahrerin Mylène de Zoete, die dem deutschen Rennstall den ersten WorldTour-Sieg der Saison bescherte.

Die 24-jährige Niederländerin setzte sich am New City Park, wo alle drei Teilstücke der letzten WorldTour-Rundfahrt des Jahres zu Ende gehen, in einem wilden Massensprint vor der Australierin Georgia Baker (Jayco – AlUla) und der Polin Daria Pikulik (Human Powered Health) durch, obwohl sie auf der knapp einen Kilometer langen Zielgeraden Martina Fidanza zum Sieg pilotieren wollte.

Entsprechend reagierte de Zoete anschließend auch im Gespräch mit radsport-news.com. “Ja, ein bisschen“, gab sie zu, mit ihrem ersten Profisieg auf der Straße sich selbst überrascht zu haben. “Ich war eigentlich unsere Anfahrerin, aber dann musste ich einmal wirklich hart bremsen und danach wieder neu losfahren“, so die Etappengewinnerin zu dem Moment, als Fidanza sich von ihrem Hinterrad verabschiedete.

Doch während die Italienerin sich im langgezogenen Rechtsknick auf den letzten 300 Metern nach links orientierte, fuhr de Zoete rechts hinter dem Sprintzug von Jayco – AlUla her. Dort kam Baker etwas zu früh in den Wind und als der Australierin auf den letzten Metern die Kräfte ausgingen, zog de Zoete noch vorbei. “Plötzlich war die Linie da“, kommentierte die Siegerin strahlend.

“Der Speed ist sehr hoch und das mögen Martina und ich“

Wie für Chongming Island typisch, kam es nach der nur 108,9 Kilometer langen Auftaktetappe zu einem Massensprint des geschlossenen Feldes und mit noch sehr vielen frischen Beinen bei nahezu allen Sprinterinnen, die nach China gereist sind. Entsprechend wichtig ist dort das perfekte Timing, um nicht zu früh im Wind zu sein, aber sich auch gleichzeitig nicht einbauen zu lassen oder zu spät loszufahren.

“Es ist sehr schwer, aber macht auch Spaß“, sagte de Zoete im Ziel. "Der Speed ist sehr hoch und das mögen Martina und ich als Bahnfahrerinnen.“ Marta Lach hatte radsport-news.com schon vor dem Start der Etappe erklärt, dass die Ankünfte auf Chongming Island wohl eher Fidanza als ihr liegen würden und die Italienerin daher die Karte sei, die das Team von Dirk Baldinger spielen würde. Dass dann de Zoete den Sieg holte, überraschte auch sie und den Rest des Aufgebots um die einzige Deutsche in China, Lana Eberle. Beim gemeinsamen Jubeln etwa ging auch Laura Asencio noch davon aus, Fidanza habe gewonnen.

Junge Chinesin Xin Tang dank Zwischensprint ganz vorne dabei

Durch den Sieg durfte de Zoete am New City Park auch das Gelbe Trikot der Gesamtführenden und das Grüne der Punktbesten überstreifen. Die Bergwertung führt ihre Landsfrau Nina Kessler (Jayco – AlUla) an, die den einzigen Bergpreis des Tages an einer kleinen Brücke über einen Kanal – Höhenunterschied rund drei Meter – nach 16 Rennkilometern gewann. Die Nachwuchswertung führt die 22-jährige Chinesin Xin Tang (Nationalteam) an.

Sie sicherte sich 25 Kilometer vor Etappenende aus der fünfköpfigen Ausreißerinnengruppe des Tages heraus den zweiten Zwischensprint und damit drei Bonussekunden. Dadurch ist sie zeitgleich hinter Chiara Consonni (UAE Team ADQ), die Etappenvierte wurde und den ersten Bonussprint gewann, auch Fünfte der Gesamtwertung mit sieben Sekunden Rückstand auf das Gelbe Trikot. Baker liegt vier Sekunden zurück auf Gesamtrang zwei, Pikulik (+ 0:06) ist Dritte.

So lief die 1. Etappe der Tour of Chongming Island:

Der Auftakt war geprägt von hohem Tempo und zahlreichen Attacken, die in der ersten Rennhälfte allerdings allesamt erfolglos blieben. Niemand konnte sich auf mehr als zehn Sekunden absetzen, bis nach 54 Kilometern ein Trio um die Norwegerin Tiril Jorgensen (Coop – Hitec Products), die Weißrussin Taisa Naskovich (Li Ning Star Ladies) und die Tschechin Nicole Hartychova (Dukla – Praha) Reißaus nahm. Sie fuhren knapp eine Minute Vorsprung heraus, bevor Xin Tang und ihre Landsfrau Siying Lu (China – Liv) die Verfolgung aufnahmen.

30 Kilometer vor Schluss kam es zum Zusammenschluss der fünf Ausreißerinnen, die nun 1:45 Minuten Vorsprung auf das Hauptfeld hatten. Fünf Kilometer später gewann Xin Tang den zweiten Zwischensprint, doch das Peloton kam nun in großen Schritten näher und schon an der 20-Kilometer-Marke war die Flucht vorbei.

Von da an lief alles auf den erwarteten Massensprint hinaus, den Jayco – AlUla und Ceratizit – WNT in den Schlusskilometer hinein am besten vorbereiteten. Dort übernahmen die Australierinnen die Spitze, während sich das deutsche Team dahinter etwas verlor – doch am Ende hatten die Frauen in Blau-Rot allen Grund zum Lachen.

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