Ein Blick mit Augenzwinkern auf den Dominator

Lombardia beweist: Pogacars Stern sinkt

Von Kommentar von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Lombardia beweist: Pogacars Stern sinkt"
Noch freut sich Tadej Pogacar (UAE - Emirates - XRG) über seine rekordbrechenden Erfolge. | Foto: Cor Vos

11.10.2025  |  (rsn) – Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) ist einer der besten Radfahrer der Geschichte. Er bricht Rekord um Rekord und hält die Konkurrenz meist nach Belieben auf Abstand. Mit seiner attraktiven und offensiven Fahrweise hat er die Herzen vielen Fans erobert. RSN-Redakteur Kevin Kempf wirft einen satirischen Blick auf das kommende Jahr des Slowenen - und macht sich ein paar Gedanken - zeigt der Rekordsieg bei Il Lombarida (1.UWT) nicht ganz klar: Pogacar ist "over the hill"?

“Überm Hügel sein“, wie man im englischen Sprachraum sagt, ist bedeutend weniger positiv als “über den Berg sein“ im Deutschen. Es heißt, dass die beste Zeit eines Athleten hinter ihm liegt, dass er nicht mehr an die Klasse vergangener Jahre herankommt, dass er verschlissen und alt ist. Der 27-Jährige zeigt unübersehbare Anzeichen dieses Phänomens.

So betrug sein Vorsprung im Ziel in Bergamo gerade einmal 1:48 Minuten! Im Vorjahr war das mit 3:16 Minuten noch fast doppelt soviel, beide Male war Remco Evenepoel (Soudal – Quick-Step) der Zweite, was den Quervergleich besonders einfach und sinnvoll macht. Vor einem Jahr hatte sich der Weltmeister auch wesentlich früher in die Offensive getraut; 48,4 Kilometer war sein Solo damals lang. Dieses Jahr reichte es nur zu einer Alleinfahrt von 33,7 Kilometern. Sein längstes Solo 2024 war mit 81,1 Kilometern jenes bei der Strade Bianche (1.UWT). Dagegen verblassen die 51 Kilometer, die er bei der WM in Kigali 2025 als Bestleistung verzeichnete.

Und auch andere Zahlen machen diesen offensichtlichen Verfall deutlich. So führt Pogacar zwar noch immer die Weltrangliste an, er hat aber rund 200 Punkte weniger erzielt als noch letzte Saison. Jonas Vingegaard (Visma – Lease a Bike), der nun Weltranglistenzweiter ist - kam dem UAE-Profi dabei 2563 Zähler näher als noch im Vorjahr! Die Lücke zur Konkurrenz wird also kleiner!

Ganz deutlich wird das bei den dreiwöchigen Rundfahrten. Kein anderer Profi hatte 2024 so viele Grand Tours gewonnen wie Pogacar. Stand jetzt muss er sich den Titel des GT-Königs in dieser Saison gleich mit zwei weiteren Fahrern teilen. Das grenzt an eine Demütigung, ist aber noch nicht alles. Noch konfrontierender sind die Zahlen bei den Grand-Tour-Etappensiegen. Da sank das Total in nur 12 Monaten von 12 auf 4 Tageserfolge ab. Damit hat er einen weniger als Mads Pedersen (Lidl – Trek) und genauso viele wie Jasper Philipsen (Alpecin – Deceuninck), die bekanntlich nicht einmal Bergfahrer sind.

Es steht also schlecht um den Welt- und Europameister. Während er gegenüber 32 Podiumsplatzierungen aus der Vorsaison nur einen einbüßen musste, ist die Lage bei den Saisonsiegen dramatisch. 25 Mal war er 2024 noch der Beste, dieses Jahr ist die Ausbeute mit 19 äußerst mager. Pogacar konnte dabei nur 38,78% seiner Renneinsätze für sich entscheiden, womit er rund 4,5% Siegquote einbüßt gegenüber der letzten Saison.

Wenn sich dieser Negativtrend in diesem Maße fortsetzt, könnte es passieren, dass Radrennen 2028 wieder spannend werden. Epische Alleinfahrten könnten schon bald der Vergangenheit angehören und ins ganz extremen Fällen könnten Rennen sogar erst im Finale entschieden werden. Der Ruhestand rückt unaufhaltsam näher, sogar für Legenden, wie Pogacar eine ist.

Und so wünschen wir dem - noch - besten Radsportler der Welt einen geruhsamen Winter. Vielleicht den ein oder anderen Croissant mehr als in seinen letzten Pausen. Und dass er bleibt, wie er ist: trotz aller Erfolge bodenständig, aber mit ganz viel Talent und viel Spaß am Radsport.

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