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09.01.2026 | (rsn) – Im Keirin geht es um Olympia-Medaillen. Der sogenannte 'Kampfsprint' ist in Europa, Australien und Amerika längst angekommen und für spannende Rennen bekannt. Doch in seiner Heimat Japan ist Keirin mehr als nur eine Disziplin des Bahnradsports. Es ist Kulturgut.
Ein Keirinprofi müsse die ethischen Werte eines Samurai verinnerlichen, den Kampfgeist eines Karatemeisters aufweisen und einen Sinn fürs Zeremonielle haben wie ein Sumoringer, heißt es hierzulande gern.
Zugleich liefert Keirin die Basis für ein immenses Wettgeschäft mit einem Jahresumsatz von zuletzt mehr als 7 Milliarden Euro (1,3 Billionen Yen). Und es ist ein Ökosystem mit einem ganzjährigen Rennprogramm in 47 über das ganze Land verteilten Velodromen, mit 2.400 Profis, die hier einen guten Lebensunterhalt verdienen, mit einer Keirinschule sowie speziellen Ausrüstern, die noch jetzt, im Jahr 2026, immer neue Räder mit Stahlrahmen produzieren und damit für ganz speziellen Retrocharme sorgen. ___STEADY_PAYWALL___
Den Sinn fürs Zeremonielle spürt man sofort. Ein klassischer Renntag – meist sind es drei in Folge an einem Standort – beginnt mit einer Schaurunde der Profis. Die Teilnehmer des ersten Rennens drehen in den leuchtend bunten Trikots, in denen sie auch das Rennen bestreiten, eine Runde. So geschieht es auch im Velodrom der Hafenstadt Tamano. Das Rennoval im Freien liegt ganz idyllisch unmitelbar an der Küste des japanischen Binnenmeers.
Die Schaurunde erinnert an den Galopprennsport. Und tatsächlich gibt es Ähnlichkeiten. Auch die Rennfahrer starten aus einer Startbox, ähnlich wie die Rennpferde. Und dass sie eine Extrarunde vor dem Rennen drehen, liegt daran, dass sie sich – ähnlich wie Pferde und Jockeys – den Wettenden vorstellen wollen.
Los geht's! Start eines Keirin-Rennens in Tamano. | Foto: Tom Mustroph
Danach ist Showtime für die Offiziellen. Ein Mann in zeremonienhafter schwarzer Kleidung inspiziert die Startvorrichtung für die bis zu neun Fahrer. Ein zweiter Offizieller probiert mit lautem Knall die Startpistole aus. Später rollen gleich zehn Offizielle auf Fahrrädern ins Radstadion ein. Sie besetzen Positionen bei den Kampfrichtertürmen und auch bei vorsorglich bereitgestellten Tragen. Keirin ist Kontaktsportart. Im Gerangel um die beste Position kommt es immer mal zu Stürzen.
Das ist mit ein Grund, warum im japanischen Keirin, also dem Originalkeirin, noch immer auf Stahlrahmen gefahren wird und nicht auf Karbon. "Karbonrahmen sind bei Stürzen gefährlicher als traditionelle Stahlrahmen", erklärt Harumi Honda radsport-news.com. Der mittlerweile 62-Jährige blickt auf mehr als 500 Siege im japanischen Keiringeschäft zurück. Er war zudem 1987 erster – und bis zum Triumph von Kento Yamasaki im Jahr 2024 auch einziger – Keirinweltmeister aus dem Mutterland dieses Sports. Aktuell arbeitet er als Kommentator fürs japanische Fernsehen auf seiner einstigen Hausbahn in Tamano. Hier hat Honda auch sein allerletztes Rennen bestritten – im Alter von 51 Jahren. Dass er hier jetzt kommentiert, hat schon romantische Züge. Und als RSN ihn fragt, was ihm das bedeutet, lenkt er bescheiden den Fokus von sich weg und sagt: "Ich wünsche mir, dass die Fahrer heute sturzfrei durch den Wettkampf kommen."
Harumi Honda im Einsatz als Kommentator beim Kirin in Tamano. | Foto: Tom Mustroph
Verletzungen gehören zum Keirin wie Luft in die Pneus. Ein Mann, der sich als Tobu, 43 Jahre alt und aktiver Keirinprofi vorstellt, erzählt RSN, dass er gerade eine Schlüsselbeinfraktur auskuriert und deshalb keine Rennen fährt. "Schlüsselbeinbruch ist die häufigste Verletzung bei uns", sagt er.
Weil er daran noch laboriert und eben nicht am Wettkampf teilnimmt, darf er mit Außenstehenden sprechen. "Profis ist das während des dreitägigen Wettkampfzyklusses nicht erlaubt", erzählt er. Hintergrund ist, dass der japanische Keirinverband auf diese Art und Weise Absprachen verhindern will. Man ist aber nicht so sehr um die Integrität des Wettkampfes selbst besorgt. Vielmehr will man dem Wettgeschäft eine nicht-manipulierte Basis für hohe Einsätze bieten.
Deshalb gibt es seit jüngster Zeit auch vermehrt Dopingkontrollen, durchaus positive. Und die fürs Wettgeschäft erhoffte Chancengleichheit ist auch der Hauptgrund für die Stahlrahmen und die überschaubare Anzahl von Ausrüstern. Alle Keirinprofis sollen das gleiche Material haben, keiner aerodynamische oder sonstige Vorteile durch Rad oder Rennkleidung haben.
"Keirin ist der ausgeglichenste Sport, den ich kenne", sagt daher auch Tobu. Das Gleichheitsprinzip wird sogar noch strenger durchgesetzt. Keirinprofis dürfen während der Wettkämpfe nicht auf Hilfe von außen zurückgreifen. Kein Trainer darf taktische Hilfe geben, vor allem aber darf auch kein Mechaniker ans Rad.
"Wir lernen das alles in einer Keirinschule, die wir ein Jahr lang besuchen. Wir werden über die Geschichte des Sports aufgeklärt, trainieren natürlich und erlernen verschiedene Taktiken. Wir lernen aber auch, die Räder selbst zu reparieren", erklärt Tobu.
Verletzungspause: Keirinprofi Tobu sprach mit RSN in Japan. | Foto: Tom Mustroph
Für die paar Handvoll Profis aus Europa, Australien und Nordamerika, die bislang am japanischen Keirinzirkus teilnahmen, war das auch der überraschendste Lerninhalt auf der Keirinschule, die sie in einer Art Schnelllehrgang über drei Wochen besuchen mussten. Matt Crampton, britischer Europameister im Keirin 2011 und während zweier Sommer auch in Japan aktiv, hob vor allem die Regelkunde, die für ihn neu war, hervor. "Wir mussten aber auch lernen, wie die Leute auf uns wetten und vor allem, wie man Räder repariert", erzählte er in einem Beitrag über die japanische Keirinschule auf der Plattform cycling.co.uk. Sogar Sturztraining gab es, berichtete er.
Wer als Japaner die Keirinschule erfolgreich absolviert, hat im Grunde ausgesorgt. "Es ist ein Beruf, den du bis zum Alter von 60 Jahren ausüben kannst. Und du verdienst gut dabei", betont Tobu. Auf die Frage, wie er zum Keirin gekommen ist, sagt er lakonisch: "In keiner Sportart kannst du so viel Geld verdienen."
Die besten Keirinprofis sind tatsächlich Millionäre. Der aktuell Führende in der Geldrangliste kam in der laufenden Saison auf 191 Millionen Yen, etwas mehr als eine Million Euro, allein an errungenen Preisgeldern. Als Durchschnittsverdienst der männlichen Keirinprofis gab der Keirinverband 82.000 Euro an, bei den insgesamt 212 weiblichen Keirinprofis lag er bei knapp 55.000 Euro. Spitzenreiterin Mina Sato, Doppelweltmeisterin auch im Keirin nach UCI-Regeln, fuhr in nur 16 japanischen Rennen etwa 260.000 Euro ein.
Mina Sato ist aktuelle Keirin-Weltmeisterin. | Foto: Cor Vos
Finanziert wird das alles durch das Wettgeschäft. Das hat Tradition. Als Keirin kurz nach dem 2. Weltkrieg in Japan aus der Taufe gehoben wurde, geschah das aus zwei Gründen. Der vom verlorenen Krieg noch mitgenommenen Bevölkerung sollte etwas Abwechslung geboten werden. Wichtiger aber war, dass viele Kommunen durch die Wetteinnahmen den Wiederaufbau finanzieren konnten. Aus diesem Grunde entstanden im ganzen Land 70 Velodrome, von denen noch jetzt 47 regelmäßig genutzt werden.
Die Informationen, die den Wettenden aktuell zur Verfügung gestellt werden, sind in ihrer Detailtiefe beeindruckend. Es werden nicht nur die jeweiligen Bestzeiten über 100, 200 und 1000m und die Ergebnisse der letzten vier Monate publiziert. Erklärt wird auch, auf welche Art Siege und Platzierungen zustande kamen, als Ausreißversuch von vorn oder im Sprint. Und um das Wissen über die Lieblingstaktiken noch zu verfeinern, wird auch angegeben, wie oft der Profi eingangs der letzten Runde sowie auf der letzten halben Runde in Führung lag. Und wer beim Wetten auf Astrologie vertraut, dem wird auch noch das Sternzeichen mitgeliefert.
Die Rennen selbst folgen ebenfalls schon zeremoniell wirkenden Regeln. "Letztlich gibt es drei Typen von Fahrern: Die, die lange vorn im Wind fahren können, die mit einer hohen Endgeschwindigkeit, die sie aber nur kurze Zeit halten können, und die, die in beidem gut, aber eben nicht exzellent sind", erklärt Tobu.
Buntes Treiben: Farblich klar erkennbar sind die verschiedenen Keirin-Fahrer im Rennen auf der Bahn. | Foto: Tom Mustroph
Das führt dann auch zu einem Mix an Taktiken. Die tempoharten Fahrer versuchen ihr Glück von vorn und wollen durch allmähliche Beschleunigung die anderen mürbe machen. Die endschnellen bleiben so lange es geht im Windschatten. Und um die einzelnen Qualitäten am besten einzubringen, bilden sich im Neunerfeld eines Keirinsprints oft Teams aus zwei oder drei Fahrern. "Der erste bleibt im Wind, der zweite versucht, andere zu blockieren, der dritte setzt aufs Überholen auf den letzten Metern", beschreibt Tobu das Finale.
So sieht man dann auch in Tamano ganze Minizüge um die Wette fahren. Und das größte Spektakel wird dann geliefert, wenn sich alle perfekt auf den entscheidenden Moment vorbereitet haben. Dann nämlich fächert sich das langgezogene Feld in eine Gruppe auf, in der alle Rad an Rad, Oberkörper an Oberkörper, in einer Linie auf den Zielstrich zurasen und nur das Zielfoto entscheiden kann, wer jetzt gewonnen hat.
Ausgewählte internationale Fahrer, darunter auch der Thüringer Stefan Bötticher, durften übrigens bis 2019 ebenfalls an den Keirinwettbewerben in Japan teilnehmen. Dann folgte eine lange Pause. Für 2026 werden aber wieder je drei Männer und drei Frauen aus dem Ausland zugelassen, teilte der Verband mit. Die längere Pause liegt einerseits an den Einschnitten durch die Covid-Pandemie.
"Die ausländischen Fahrer waren aber auch zu erfolgreich", führt Ex-Weltmeister und TV-Kommentator Honda als Grund an. Tatsächlich lesen sich Bilanzen wie die vom mehrfachen Sprintweltmeister und Olympiadritten von Paris im Keirin, Matthew Glatzer (Australien) mit 51 Siegen in 60 Rennen, Teamsprintvizeweltmeister Joe Truman (Großbritannien / 34 Siege bei 57 Starts) oder auch des deutschen Ex-Weltmeisters Bötticher (44 Siege in 59 Rennen) beachtlich.
Auch Stefan Bötticher (links, hier bei der EM 2018 in Glasgow) war bereits Keirin-Gast in Japan. | Foto: Cor Vos
Weiterer Grund für die nur zögerliche Wiederöffnung für ausländische Stars: Den einheimischen Wettenden sind die Fahrer jenseits des Inselreichs weniger vertraut. Sechs Glückliche dürfen in diesem Jahr aber nun trotzdem spezielle Erfahrungen in Japan sammeln.
Und auch für Radsportfunktionäre und Rennstallmanager aus dem Westen könnte sich ein Besuch im Land der aufgehenden Sonne durchaus lohnen. Keirin in Japan ist ein stabiles Geschäft. Die Summen, die dank des Wettgeschäfts kursieren, dürften manchen Betreiber eines Profirennstalls im Straßenradsport vor Neid erblassen lassen. Aus den Wetteinahmen im Keirin werden übrigens jetzt noch Infrastrukturprojekte für die Allgemeinheit finanziert. In vieler Hinsicht ist Keirin in Japan ein ganz spezielles Biotop.