RSNplusWorldTeams 2026: Lotto – Intermarché

Nach der Fusion ein Aufgebot mit verletzungsanfälligen Stars

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Nach der Fusion ein Aufgebot mit verletzungsanfälligen Stars"
Lotto - Intermarché bei der Teampräsentation (untere Reihe: Fahrerinnen des Frauenteams) | Foto: Cor Vos

17.01.2026  |  (rsn) – Die Fusion zwischen Lotto und Intermarché – Wanty hat die Radsportgemüter in der Saure-Gurken-Zeit einige Wochen beschäftigt. Letztendlich konnten die Pläne wie geplant verwirklicht werden mit Lotto als 'Paying-Agent'. Durch den Aufstieg des Zweitdivisionärs fährt die Mannschaft 2026 dort, wo Intermarché schon im Vorjahr aktiv war: in der WorldTour. Da beide Rennställe einige Stars ziehen lassen mussten, ist allerdings kein neues Top-Team entstanden, sondern ein insgesamt solides, wenn auch unausgewogenes Projekt.

Elf Fahrer von Lotto bekamen keinen neuen Vertrag. Besonders schmerzhaft sind wohl die Abgänge von Alec Segaert (Bahrain Victorious), Brent van Moer (Pinarello – Q36,5) und Arjen Livyns (XDS – Astana). Von Intermarché – Wanty stießen acht Athleten, zu denen auch die Deutschen Jonas Rutsch und Georg Zimmermann gehören, zur Fusionsmannschaft. Doch unter anderem Topstar Biniam Girmay (NSN) sowie die ebenfalls namhaften Louis Barré (Visma – Lease a Bike) und Laurenz Rex (Soudal – Quick-Step) haben sich neue Arbeitgeber gesucht.

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Was bleibt ist eine Mannschaft, die vor allem auf die beiden verletzungsanfälligen Lotto-Kapitäne bauen muss. Für die Sprints und Klassiker ist Arnaud De Lie die klare Nummer eins. Beim 23-Jährigen liefen 2024 und große Teile der letzten Saison nicht nach Wunsch, doch im Herbst war der Belgier plötzlich wieder voll da, gewann im August und September insgesamt sechs Rennen, darunter die Renewi Tour (2.UWT) und die Bretagne Classic (1.UWT).

Jonas Rutsch 2025 wurde Sechster bei Paris-Roubaix (1.UWT). | Foto: Cor Vos

Für die Sprints kann Lotto - Intermarché auf eine kleine Armada endschneller Leute bauen. Jasper De Buyst ist einer der besten Anfahrer der Welt, Steffen De Schuyteneer ein hoffnungsvolles Sprint- und Klassikertalent und auch Vito Braet, die Neo-Profis Mathieu Kockelmann, Mathys Grisel und Matthew Fox sowie Milan Menten und Lionel Taminiaux mischen sich gern in einen Sprint Royal ein.

Schwieriger ist die Lage, wenn es bergauf geht. Lennert Van Eetveld gelang 2024 trotz Knieproblemen und einem schweren Trainingsunfall auf Teneriffa der Durchbruch. Er feierte zwei Gesamtsiege in WorldTour-Rundfahrten und lag bis zu seinem Einbruch auf Top-Ten-Kurs bei der Vuelta a Espana. Schon da musste Van Eetveld sich mehrere Monate Pause gönnen – und das ging im letzten Jahr so weiter. Bei nur 40 Renntagen lief es anfangs der Saison passabel, doch danach ging es bergab. Bei der Tour de France war der Belgier ein Schatten seiner selbst. Die 14. Etappe war sein bisher letztes Rennen.

Lennert Van Eetvelt gewann 2024 die UAE Tour (2.UWT). | Foto: Cor Vos

Auch jetzt ist nicht klar, wann Van Eetvelt ins Renngeschehen zurückkehren wird. Und zu allem Überfluss tzog sich auch De Lie eine Verletzung zu, die seine Saisonvorbereitung behinderte. So wird in den ersten Rennen viel von der zweiten Reihe abhängen. Das wird im Sprintbereich kein großes Problem sein und bei den etwas schwereren Eintagesrennen hat das Team mit Jenno Berckmoes, Zimmermann, Lorenzo Rota und vielleicht auch schon dem starken Neoprofi Simone Gualdi gute Fahrer in der Hinterhand.

Anders sieht es auf bergigem Terrain aus. Da wird es hinter Van Eetvelt dünn und auf dem hoch gehandelten Neo-Profi Jarno Widar wird viel Druck lasten. Auch Zimmermann hatte sich vor allem in der ersten Saisonhälfte 2025 stark präsentiert und so sollten sich dem Deutschen Meister weitere Chancen bieten.

Der Top-Transfer: Jarno Widar

Red Bull – Bora – hansgrohe und andere Topteams haben den Belgier schon letzten Winter gejagt, letztendlich blieb der aber überraschend seinem da noch zweitklassigen Rennstall treu – und wird dort nun auch Profi in der ersten Division. Unter den U23-Fahrern war der 20-jährige Widar 2025 sicher die Nummer eins. Das unterstrich er als Sieger von Lüttich-Bastogne-Lüttich MU (1.2U), dem Flèche Ardennaise (1.2), der Ronde de l’Isard (2.2U), dem Giro della Valle d’Aosta (2.2U), bei dem er auch drei Etappen für sich entschied, dem U23-Europameistertitel und Rang zwei mit zwei Etappensiegen bei der Tour de l’Avenir (2Ncup), wo nur Shootingstar Paul Seixas schneller war.

Eine lange und vor allem hochklassige Liste, die man mühelos mit Erfolgen des Jahres 2024 erweitern könnte. Widar ist im U23-Zirkus der mit Abstand beste Kletterer und muss sich auch im Zeitfahren nicht verstecken. Der nur 1,66 Meter große Flame ist stark an Hügeln und bewies bei der Avenir gegen die Profis um Seixas und Jorgen Nordhagen (Visma – Lease a Bike), dass er auf dem letzten Kilometer bergauf einen mächtigen Punch besitzt. 

Bei Lotto – Intermarché ist die Reihe der Bergspezialisten dünn besetzt, wodurch Widar nach Van Eetvelt wohl direkt die Nummer zwei sein und deswegen sofort einige Chancen bekommen wird.

Bei Paris-Brussel 2022 schlug Taco van der Hoorn seine Begleiter und das Feld. | Foto: Cor Vos

Im Fokus: Taco van der Hoorn

Der Niederländer ist eine regelrechte Maschine. Wenn van der Hoorn mit seinen Riesengängen in Gruppen vor dem Feld unterwegs ist - und das war in der Vergangenheit oft der Fall - steigt im Peloton die Alarmbereitschaft. Der 32-Jährige hat die Meute - und seine Begleiter - schon mehrmals im Finale hinter sich gelassen und hat sich so unter anderem auf die Siegerlisten der Brussels Cycling Classic (1.Pro), der Primus Classic (1.Pro). Auch beim Giro d’Italia und bei zwei Etappen der BinckBank Tour (2.UWT) rettete er sich ins Ziel.

Durch eine schwere Gehirnerschütterung bei der Flandern-Rundfahrt 2023 erlitt seine Karriere aber einen heftigen Knick. Van der Hoorn musste 16 Monate aussetzen und kehrte erste im Herbst 2024 ins Renngeschehen zurück. Das Elfstedenrace (1.1) konnte er knapp zwei Monate später gegen vier Ausreißerkollegen gewinnen. Doch das war kein Zeichen für eine Rückkehr zu alter Stärke, denn 2025 lief beim gebürtigen Rotterdamer fast nichts zusammen. Man fand ihn kaum in Gruppe und in den Ergebnissen tauchte er nur selten unter den besten Hundert auf. 

Ein eindeutiger Grund dafür ist nicht bekannt, aber wenn van der Hoorn in seinem zehnten Jahr als Berufsradfahrer wieder zu alter Klasse zurückfindet, kann er die Zuschauer erneut begeistern und das Feld in Angst und Schrecken versetzen.

Das Aufgebot:
Toon Aerts (Belgien / 32), Huub Artz (Niederlande / 23), Jenno Berckmoes (Belgien / 24), Cedric Beullens (Belgien / 28), Vito Braet (Belgien / 25), Lars Craps (Belgien / 24), Jasper de Buyst (Belgien / 32), Arnaud De Lie (Belgien / 23), Steffen De Schuyteneer (Belgien / 20), Matthew Fox (Australien / 23), Joshua Giddings (Großbritannien / 22), Sebastien Grignard (Belgien / 26), Matys Grisel (Frankreich / 20), Simone Gualdi (Italien / 20), Mathieu Kockelmann (Luxemburg / 21), Milan Menten (Belgien / 29), Robin Orins (Belgien / 23), Felix Orn-Kristoff (Norwegen / 19), Lorenzo Rota (Italien / 30), Jonas Rutsch (Deutschland / 27), Liam Slock (Belgien / 25), Lionel Taminiaux (Belgien / 29), Reuben Thompson (Neuseeland / 24), Luca van Boven (Belgien / 26), Taco van der Hoorn (Niederlande, 32), Lennert van Eetvelt (Belgien, 24), Roel van Sintmaartensdijk (Niederlande, 24), Baptiste Veistroffer (Frankreich / 25), Jarno Widar (Belgien / 20), Georg Zimmermann (Deutschland / 28)

Davon Neuzugänge:
Simone Gualdi, Felix Orn-Kristoff (beide Wanty – Nippo – ReUz), Matys Grysel, Mathieu Kockelmann, Jarno Widar (Lotto Development), Matthew Fox (Veloce Club Rouen 76)

Teamleitung:
Manager: Jean-François Bourlart
Sportdirektor: Kurt Van de Wouwer
Sportliche Leiter: Mario Aerts, Maxime Bouet, Aike Visbeek, Bart Wellens

Material:
Rahmenhersteller: Orbea
Gruppe: Shimano
Laufräder: Oquo
Reifen: Vittoria
Trikot: Vermarc
Helm: Ekoi

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