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10.05.2002 | Das Vorbild für den Giro d’Italia kam natürlich aus Frankreich. Doch nicht nur die Idee zu einer landesweiten Rundfahrt haben sich die Italiener abgeschaut, auch die Entstehungsgeschichte wirkt ein wenig, als hätte man sie abgekupfert. Denn auch in Italien gab es einen Wettstreit zweier Tageszeitungen. Die beiden Mailänder Blätter, der Corriere della Sera und die Gazetta dello Sport, standen im Wettstreit um die Leserschaft. Beide hatten die Idee, eine Rundfahrt für Radsportler zu veranstalten. Der Corriere della Sera hatte schon eine Auto-Rallye durch Italien organisiert und wollte nun ein vergleichbare Rundfahrt für Radfahrer durchführen. Doch die Gazetta dello Sport, das Blatt, das seinen Lesern bis heute in knallrosa entgegenleuchtet, war schneller. 1908 wurde das Rennen ausgeschrieben, 1909 wurde erstmals ein Giro d’Italia veranstaltet. Das Rennen war sehr hoch dotiert und so durfte sich der Sieger und mehrfache Etappengewinner, Luigi Ganna, nach insgesamt 2448 Kilometern über Prämien in Höhe von 5325 Lire freuen. Das Gehalt des Organisationschefs des Giro und Chefredakteurs des Corriere dello Sport von 150 Lire im Monat nimmt sich dagegen reichlich bescheiden aus.
Der Giro sorgte in Italien für einen wahren Radsportboom. Immer mehr junge Leute begeisterten sich für die Rennen. In den ersten Jahren des Giro waren es vor allem italienische Fahrer, die der Rundfahrt ihren Stempel aufzudrücken wussten. Der erste Superstar des italienischen Radsports sorgte vor allem beim Giro für Furore. Alfredo Binda hat zwischen 1925 und 1933 die Italienrundfahrt fünf Mal gewinnen können. Im Jahr 1930 gewann er wohl nur deshalb nicht, weil ihm die Veranstalter eine hohe Summe dafür geboten hatten, dass er nicht teilnimmt. Bindas Dominanz schien ihnen zu groß zu sein und sie befürchteten, dass das Rennen zum Langweiler werden könnte. Seine fünf Siege in der Gesamtwertung sind bis heute unübertroffen. Lediglich Fausto Coppi und - natürlich - Eddy Merckx schafften ebenso viele Triumphe.
Die italienischen Radsportheroen machten eine Zeitlang den Giro beinahe unter sich auf. Auf Bindas Siegfahrten folgten die des Gino Bartali, der drei Mal die Gesamtwertung gewinnen und sagenhafte sieben Mal die Bergwertung für sich entscheiden konnte. 1940 gewann Fausto Coppi seinen ersten Giro. Erst nachdem dessen Ära Mitte der 50er Jahre dem Ende entgegenging, tauchen die internationalen Stars der Radsportszene in den Siegerlisten auf. Der Luxemburger Charly Gaul fuhr ebenso im rosafarbenen Trikot des Führende übers die Ziellinie der letzten Etappe wie Hugo Koblet und Jacques Anquetil. In den 70er Jahren dominierte Eddy Merckx die Rundfahrt, in den 80ern konnte Bernard Hinault drei Mal gewinnen. Doch italienische Fahrer konnten sich immer wieder in die Siegerlisten eintragen. Die Publikumslieblinge Giuseppe Saronni und Francesco Moser waren nicht unbedingt begnadete Kletterer, doch die Veranstalter strichen für sie die schwersten Bergankünfte aus dem Rundfahrtprogramm und so stehen auch zwei ausgewiesene Spezialisten für Eintagesrennen in der Siegerliste das Giro.
In den vergangenen Jahren hat der Giro ein wenig darunter gelitten, dass sein Profil zu schwer war. Die Dolomitenpässe, von denen vor allem das Pordoijoch gefürchtet ist, und die schweren Zeitfahren bewogen viele Teams dazu, ihre Teilnahme am Giro zurückzuziehen. Zur Vorbereitung auf die Tour war der Giro zu anspruchsvoll geworden. Und so waren es in den vergangenen Jahren hauptsächlich Italiener und Fahrer aus italienischen Teams, die bei der Italienrundfahrt reüssieren konnten. Auf einen großen deutschen Erfolg wartet man übrigens seit langer Zeit vergebens. Der fünfte Platz, den ein gewisser Kurt Stöpel 1932 erreicht hat, ist bis heute die beste Platzierung im Gesamtklassement, die ein deutscher Fahrer erringen konnte.
(ar)
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