Vuelta-Blog von Marcel Wüst/ Teil 5

So gut wie schon da…quasi…

Von Marcel Wüst

Foto zu dem Text "So gut wie schon da…quasi…"
Marcel Wüst| Foto: ROTH

08.09.2011  |  (rsn) - Wenn es in die zweite Hälfte der dritten Woche einer großen Rundfahrt geht, dann hat man das Ziel ja vor Augen und es ist ein Klacks auch in Madrid, Paris oder Mailand anzukommen – so sollte man zumindest meinen.

Aber das genaue Gegenteil ist wahr! Klar haben die Gesamtwertungsanwärter schon einiges an Körnern verschossen, das konnten wir ja täglich am Fernseher verfolgen aber was ist denn mit denen, die man seit Tagen nicht mehr gesehen hat? Die, die hinten sind (wo es sich schwerer fährt als vorne) und es gar nicht bis vor die Linsen der Kameramänner schaffen, weil sie bei den ersten Schwierigkeiten durchsacken, abfallen und sich mit weit mehr Fahrzeit als der Etappensieger ins Ziel kämpfen. Dazu gehören die angeschlagenen, evtl. leicht kränkelnden Wasserträger, die von den Bergen zermürbten Sprinter und alle deren Moral am Boden ist, weil sie wissen, dass es dem Körper ebenso geht.

Am eigenen Leib musste ich das 2 Mal erfahren – in den ersten beiden Wochen des Giro 1998 habe ich mehr Kilometer im Wind gefahren als in meiner gesamten Karriere, weil der Adjutant von unserem Leader Zülle sich am Tag 2 das Handgelenk brach. Also täglich 150km vorne im Wind, und wenn dann ein 10 km Pass kam, war ich oben alleine - hinten! Und nur noch 60km bis ins Ziel, tolle Sache.

Als wir mit einer Gruppe von 45 Fahrern bei der ersten Dolomitenetappe der letzten Woche (gut 6 Stunden im Regen) das Zeitlimit um 45 Sekunden verfehlten war ich fast froh – denn im Gegensatz zu anderen im Grupetto hätte ich keine 20 Sekunden schneller fahren können… Das zweite Mal war quasi gestern in Spanien – mittwochs vor Madrid wurde ich auf einer 225 km langen Etappe gleich am Anfang mit nur einem weiteren Fahrer abgehängt und da ich das Punktetrikot trug war kein "wieder ran fahren im Windschatten des Materialfahrzeugs“ möglich. Genau wissend, dass wir das Zeitlimit nicht schaffen würden stieg ich aus und als die Kommisäre nach vorne verschwunden waren schaffte es mein Wegbegleiter doch noch die verlorenen Minuten "ganz alleine“ ;-) wieder zuzufahren…

Gerade bei Etappen wie heute und morgen, wenn es nach langer Pause wieder ins niemals flache Baskenland geht, ist es enorm schwer sich irgendwie durchzuhangeln. Immer rauf und runter, jeder versucht dranzubleiben und kein Grupetto in Sicht. Wenn dazu noch der Kampf in der Gesamtwertung entbrennt, dann kann man nur hoffen, dass man genügend Leidensgenossen findet und vor allem, dass es nicht ewig dauert bis die „richtige“ Ausreißergruppe es schafft sich entscheidend vom Feld zu lösen.

Das bittere daran ist, dass man nicht agiert, sondern bestenfalls reagiert. Aber auch nur dann, wenn physisch noch irgendwie möglich. Als Rennfahrer am Limit ist man konstant den anderen im Feld ausgeliefert und auf Dauer hinterlässt das auch psychisch seine Spuren. Wenn man dann noch nicht weiß, was in der kommenden Saison ist, weil der Vertrag noch nicht unter Dach und Fach ist, dann ist auch der Nachtschlaf nicht so erholsam wie er es sein sollte…auf Spanisch heißt das "circulo vicioso" – ein Teufelskreis eben...

Das und vieles mehr passiert eben auch auf der Vuelta und anderswo – nur kriegt’s kaum einer mit, denn die sind ja schon fast in Madrid…quasi…

Ciao

Marcel Wüst

Marcel Wüst, hat Spanien bei seinen Vuelta - Teilnahmen und insgesamt 12 Etappensiegen kennen und lieben gelernt. Neben seiner journalistischen Arbeit organisiert der Kölner seit 3 Jahren High End Radcamps in seinem eigenen Landhaus im Südosten Mallorcas. In seiner Casa Ciclista sind vom Anfänger bis zum ambitionierten Rennfahrer alle willkommen.

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