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06.04.2014 | (rsn - Auf radsport-news.com beleuchtet Herbert Watterott in dieser Saison die lange Geschichte der fünf Radsportmonumente Mailand-San Remo, Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix, Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt (Il Lombardia) und schildert die spannendesten und außergewöhnlichsten Episoden dieser größten Klassiker des internationalen Radsport-Kalenders.
Flandern-Rundfahrt / Teil 3 und Schluss
1980 – Im Zeichen der Holländer
Mit dem Erfolg vom Wim van Est (1953) beginnen die Siege der Niederländer. Es folgen Jo de Roo (1965), Evert Dolman (1971), Cees Bal (1974) und Jan Raas, der Kartoffelpflücker aus Amsterdam (1979). Die Glanzzeit der Profis aus dem Land der Tulpen und des Käses sind die 1980er-Jahre. 1981 siegt Hennie Kuiper, 1984 wird Außenseiter Johan Lammerts Erster, und zwei Jahre später heißt der Gewinner Straßen- und Querfeldeinspezialist Adri van der Poel.
Brillenträger Jan Raas fügt nach seinem Erfolg 1979 vier Jahre später einen weiteren Sieg hinzu. Einen dritten verhindert 1985 ein unvorsichtiger Zuschauer. Raas gehört einer Ausreißergruppe an, die sich am Koppenberg durch die enge Passage und das Spalier der Fans quält. Weil ein Zuschauer ihm den Weg versperrt, kommt Raas aus dem Rhythmus und verliert den Kontakt zur Spitze. Seine Wut entlädt sich in einer Ohrfeige für den, der ihm im Wege steht. Ingesamt triumphieren in 100 Jahren Flandern-Rundfahrt neunmal Profis aus den Niederlanden.
1985 – Sintflut in Flandern und preisgekrönte Live-Übertragung
Das Rennen über 271 Kilometer nehmen 173 Fahrer in Angriff. Nach der Hälfte der Distanz bricht über Flandern ein stundenlanger, sintflutartiger Regen herein, 149 Fahrer scheiden vorzeitig aus, und nur 24 hart gesottene Profis erreichen das Ziel, mit dem Sieger Eric Vanderaerden aus Belgien.
Für diese Direktübertragung mit faszinierenden Bildern des Kampfes und der Leiden auf dem Kopfsteinpflaster erhält das Belgische Fernsehen BRT mit seinem Regisseur Rik De Saedeleer beim internationalen Sportfilmfestival in der jugoslawischen Stadt Portoroz den ersten Preis. Bei diesem Wettbewerb mit Namen „The Golden Shot“ verweist die Reportage der Flandern-Rundfahrt die Konkurrenz des Amerikanischen Senders ABC von der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles und die BBC-Sendung der Golf Open in Schottland auf die Plätze.
1987 - Skandal um Skibby
Der Koppenberg steht einmal mehr im Fokus. Die Straße ist bestückt mit groben Pflastersteinen. Ist es nass, braucht man große Körperbeherrschung, um im Sattel zu bleiben. Nur ein kurzer Ausrutscher und die Fahrer müssen zu Fuß den Kulminationspunkt erklimmen.
Jesper Skibby aus Dänemark liegt 1987 mit zwei Minuten Vorsprung alleine an der Spitze. Die Begleitfahrzeuge der Mannschaften und der Journalisten werden am Fuße der Steigung umgeleitet, dürfen nicht über den Koppenberg fahren, damit es nicht zu Karambolagen auf der schmalen Passage kommt. Hinter Skibby befindet sich das Fahrzeug des Renndirektors. Skibby rutscht auf dem glatten Kopfsteinpflaster aus, und wird fast überfahren. Die zermalmte Rennmaschine allerdings kann der Däne nicht mehr gebrauchen. Der Begleitwagen kümmert sich nicht um Mensch und Material, fährt weiter.
Das sorgt für einen Riesenskandal mit der Folge, dass der Koppenberg aus Sicherheitsgründen für die nächsten 15 Jahre bis 2002 aus dem Streckenprofil genommen wird. Der Straßenbelag des Anstiegs ist inzwischen gründlich überholt und ausgebessert worden. Für die Profis ist es wichtig, frühzeitig in einem kleinen Gang zurückzuschalten, damit sie nicht aus dem Rhythmus kommen, stehen bleiben und stürzen.
1993 – Johan Museeuw, der Löwe von Flandern
Die Tradition belgischer Siege setzt Johan Museeuw ab diesem Jahr eindrucksvoll fort. Besonders motiviert ist dieser wortkarge Ausnahmekönner durch die Tatsache, dass das Rennen jedes Jahr durch seinen Heimatort Gistel in Westflandern führt. Er gewinnt nicht nur dreimal, sondern wird noch dreimal Zweiter und dreimal Dritter -eine einmalige Bilanz. In dieser Zeitspanne zwischen 1993 und 1998 gewinnt Museeuw auch dreimal Paris-Roubaix und wird 1996 Straßen-Weltmeister in Lugano. Heute baut Museeuw Rennräder, deren Oberrohre die Aufschrift „Leeuw van Vlaanderen“, Löwe von Flandern, tragen.
2004 – Sieger Steffen Wesemann – erst 40 Jahre nach Rudi Altig
Voller Zuversicht geht Steffen Wesemann mit seiner deutschen T-Mobile-Mannschaft an den Start zur „Ronde“. Er sollte der physisch und auch psychisch der stärkste Fahrer an diesem Sonntag sein. Selbst ein Sturz kurz nach Beginn des Rennens über 257 Kilometer bringt ihn nicht aus dem Konzept.
Wesemann wartet bis zur legendären Mauer von Geraardsbergen, der Muur de Grammont, greift an und riskiert alles. In einem sehr nervösen Rennen sind die beiden Belgier Dave Bruylandts und Leif Hoste seine letzten Begleiter. Ein fazinierendes Pokerspiel beginnt. Drei Kilometer vor dem Ziel attackiert Bruylandts, der nicht die besten Spurtqualitäten besitzt. Wesemann behält die Nerven, überlässt Hoste, der lange Zeit an seinem Hinterrad „lutschte“, die Verfolgung und hängt sich in dessen Windschatten.
Als alle drei Fahrer wieder zusammen sind, greift Wesemann aus dritter Position sofort an, überrumpelt mit einem trockenen Antritt die beiden Belgier und verweist in Meerbeke Hoste und Bruylandts auf die Plätze. Der kleine Steffen Wesemann ist an diesem Sonntag das große Schlitzohr und holt sich den größten Erfolg seiner Profilaufbahn.
2012 – Tom Boonen im illustren Kreis und neuer Rekordmann?
Nach seinen beiden Siegen 2005 und 2006 schafft es „Tornado Tom“, wie Boonen von seinen radsportbegeisterten Fans auch genannt wird, 2012 mit seinem dritten Erfolg in den kleinen Kreis der dreimaligen Gewinner aufzusteigen. Achiel Buysse (1940/1941/1943) – Fiorenzo Magni (1949/1950/1951) – Eric Leman (1970,1972,1973) und Johan Museeuw (1993/1995/1998) gewinnen vor Boonen jeweils dreimal.
„In Belgien bist du überhaupt erst ein Champion, wenn du die Flandern-Rundfahrt gewonnen hast“, sagt Boonen. Ganz Flandern steht Kopf, er 2005 alleine auf die Zielgerade einbiegt und seinen ersten von drei Siegen einfährt. Es folgen noch der Sieg bei Paris-Roubaix und der Gewinn der Weltmeisterschaft im Herbst in Madrid.
2013 startet Boonen im Trikot des Belgischen Meisters, stürzt in der Anfangsphase des Rennens, bricht sich eine Rippe und muss aufgeben. Trotz einer verkorksten Saison mit Darminfektion, Notoperation wegen einer Entzündung im Ellenbogen und Sitzbeschwerden schenkt ihm sein Rennstall aber weiterhin das Vertrauen und verlängert seinen Vertrag um zwei Jahre.
Nach einer guten Vorbereitung bei den diversen Frühjahrsrennen in dieser noch jungen Saison (zwei Etappensiege bei der Katar-Rundfahrt und Gewinner von Kuurne-Brüssel-Kuurne) zählt Tom Boonen auch 2014 zu den Favoriten und könnte als erster Profi die schwere Prüfung zum vierten Mal gewinnen.
2013 - Fabian Cancellara, der Gladiator
2013 schließt sich ein Kreis, der vor neunzig Jahren beginnt. Der Schweizer Heiri Suter ist der erste Nicht-Belgier, der 1923 die Flandern-Rundfahrt gewinnt. Im letzten Frühjahr ist es mit Fabian Cancellara wieder ein Eidgenosse, der bei der „Ronde“ siegreich bleibt.
Nach seinem sechsten Rang 2006 hat er drei Jahre später Riesenpech. Am legendären Koppenberg reißt die Kette, er schultert sein Velo, klettert über das Kopfsteinpflaster bis zu seinem Teamwagen und gibt das Rennen auf. Das Bild des enttäuschten Favoriten, der seine Ambitionen „zu Grabe trägt“, geht in die Geschichte des Rennens ein.
2010 aber ist der Berner am Ziel seiner Träume. Er macht seinem Spitznamen Spartakus alle Ehre - der römische Sklave und Gladiator hatte wie Cancellara einen muskelbepackten Körper, war gebildet, intelligent und enorm willensstark - und ließ „die Muskeln spielen“: erster Sieg in Flandern. Zwei Jahre später gilt Cancellara wieder als Top-Favorit, aber er stürzt und zieht sich einen komplizierten, vierfachen Schlüsselbeinbruch zu, der ihm in der restlichen Saison arge Probleme bereitet.
„Wenn Du im Staub am Boden liegst, bist du der einsamste Mensch der Welt, deine Chance ist dahin. Dieser seelische Schmerz ist viel größer als der körperliche“, sagte Cancellara. 2013 ist das alles anders. An diesem Ostersonntag wird Fabian Cancellara wie 2010 seiner Favoritenrolle gerecht und dominiert die gesamte Gegnerschaft.
Am Ziel wartet sein Frau Stefanie, der er in die Arme fällt und Freudentränen vergießt. Ein ganz besonderer Moment, voller Emotionen, und ein unendliches Gefühl der Erleichterung. Er bereitet seinen erneuten Triumph akribisch vor, greift beim letzten Anstieg zum Oude Kwaremont an, lässt seinen letzten Widersacher Peter Sagan aus der Slowakei am Paterberg stehen, und fährt seinem zweiten „Ronde-Sieg“ entgegen. Cancellara ist ein würdiger Sieger dieses 100-jährigen Jubiläumsklassikers.
Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister zählt auch 2014 wieder zum engen Favoritenkreis, beweist seine hervorragende Form mit dem zweiten Platz bei Mailand- San Remo und könnte am 6.April 2014 bei einem Sieg in den kleinen, aber illustren Kreis der Fahrer aufsteigen, die in Flandern dreimal gewonnen haben. Und das sind bisher mit Achiel Buysse, Fiorenzo Magni, Eric Leman, Johan Musseuw und Tom Boonen nur fünf Fahrer in 100 Jahren.
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