RSNplusSteimle fühlte sich kurz als Meister

Transponder vertauscht: Chaos um Kämna im DM-Zeitfahren

Von Felix Mattis aus Marsberg

Foto zu dem Text "Transponder vertauscht: Chaos um Kämna im DM-Zeitfahren"
Lennard Kämna (Bora - hansgrohe) ist neuer Deutscher Zeitfahrmeister. | Foto: Roth Foto

24.06.2022  |  (rsn) – "Wo ist Kämna?" Dieser Gedanke schoss gegen 17:40 Uhr am Freitagnachmittag vielen Radsportfans in Deutschland durch den Kopf – sowohl daheim als auch vor Ort in Marsberg. Ohne Live-Übertragung mussten sich diejenigen, die das Meisterschafts-Zeitfahrens im Sauerland verfolgen wollten, auf das offizielle Live-Timing verlassen. Und dort fehlte vom Top-Favoriten Lennard Kämna jede Spur.

Sein Startslot 17:21 Uhr war im Computer leer geblieben und auch an der Zwischenzeitmessung nach zwölf Kilometern tauchte keine Zeit auf. Es schien, als sei der 25-Jährige gar nicht ins Rennen gegangen.

___STEADY_PAYWALL___ Dann aber rauschte er um 17:56 Uhr plötzlich doch über die Ziellinie – direkt vor dem eine Minute vor ihm gestarteten Marco Brenner (Team DSM). Der war zu diesem Zeitpunkt zehn Sekunden hinter Georg Steinhauser (EF Education – EasyPost) Zweiter, was eindeutig bedeutete: Kämna musste führen.

Um 17:56 Uhr rauschte Kämna durch Marsberg dem Ziel entgegen - wie Phönix aus der Asche tauchte er auf und setzte die neue Bestzeit. | Foto: Roth Foto

Doch eine Zeit tauchte für den Junioren-Weltmeister von 2014 noch immer nicht im Zeitnahme-Computer auf. Und als kurz darauf Jannik Steimle (Quick-Step – Alpha Vinyl) mit neuer Bestzeit im Ziel vermeldet wurde, freute sich der Schwabe bereits, nun gute Titelchancen zu haben – schließlich konnte ihm nur Nils Politt (Bora – hansgrohe) noch gefährlich werden. Kämna hingegen rollte frustriert durch Marsberg.

"Ich dachte ich habe voll verkackt"

"Als ich ins Ziel kam und vom Streckensprecher absolut gar nichts über meine Zeit gehört habe, war ich ein bisschen verwundert und dachte ich habe voll verkackt. Denn das ist meistens kein gutes Zeichen, wenn man gar nichts hört", erklärte Kämna später auf der Pressekonferenz der drei Medaillengewinner. Und doch saß er dort im Meistertrikot und mit Gold um den Hals. Denn nach einigen Minuten der Verwirrung tauchten Kämnas verlorene Messwerte plötzlich doch noch auf und man konnte ihn zum Deutschen Zeitfahrmeister küren. Nun war Steimle der, für den es schmerzhaft wurde.

Das DM-Podium im Einzelzeitfahren 2022: Lennard Kämna (Bora - hansgrohe, Mitte) gewinnt vor Jannik Steimle (Quick-Step Alpha Vinyl, links) und Nils Politt (Bora - hansgrohe, rechts). | Foto: Roth Foto

"Ich war ein bisschen verwundert, weil mir selbst die Betreuer von Bora – hansgrohe gesagt haben, dass ich die Bestzeit habe", schilderte der Quick-Step-Profi die unglückliche Situation von Marsberg aus seiner Sicht.

"Ich habe das Ergebnis gesehen und war verwundert, dass Lennard nicht mal drinstand. Und zehn Sekunden später war er plötzlich um 15 Sekunden vorne. Klar ist es nicht schön, erstmal zu denken, dass man vielleicht gewinnt, und dann… Aber dann mitzubekommen, dass etwas mit dem Transponder nicht gestimmt hat und sie noch rechnen müssen, das ist natürlich bitter. Das sollte bei einer Deutschen Meisterschaft nicht passieren, das ist ja kein Kirmesrennen", meinte Steimle und ergänzte: "Wenn man mit 180 Puls ins Ziel kommt und das hört, dann klingt das erstmal etwas unglaubwürdig. Aber im Nachhinein verstehe ich es natürlich alles."

Fehler lag beim Team, nicht beim BDR oder der Zeitnahme

Denn auch wenn der Vorfall um die verlorenen Messwerte des neuen Deutschen Zeitfahrmeisters bei einigen Beobachtern sofort einen Reflex auslöste, über den Bund Deutscher Radfahrer und dessen Zeitnehmer zu schimpfen – Obrigkeiten sind schließlich gern genommene Sündenböcke - so lag das Problem in Marsberg diesmal ganz woanders:

Fast acht Jahre ist es her, dass Lennard Kämna mit wasserstoffblond gefärbten Haaren in Ponferrada zum Junioren-WM-Titel im Einzelzeitfahren fuhr. | Foto: Roth Foto

Bora – hansgrohe-Sportdirektor Rolf Aldag brachte, um das Chaos aufzulösen, das Zeitfahrrad von Kämna zum Zeitnahme-Truck am Ziel – mitsamt des an der Gabel angebrachten Transponders. Die Zeitnehmer checkten den montierten Transponder und es stellte sich heraus: An Kämnas Rad befand sich der Transponder von Emanuel Buchmann. Bei Bora – hansgrohe wurden bei der Transponder-Montage am Freitag schlicht die Nummern 452 (Buchmann) und 453 (Kämna) vertauscht. Das bestätigte am Abend auch Aldag gegenüber radsport-news.com.

Kämnas Durchgangszeiten wurden im Computer daher mit Buchmanns Profil verknüpft. Doch weil der fürs Zeitfahren gar nicht gemeldet hatte, erschienen die Zeiten auch nicht im Timing-Interface, so dass weder Buchmann noch Kämna im Ergebnis auftauchten. Als dann zum Rennende Aldag mit Kämnas Rad an den Zeitnehmertruck kam und die Zeitnehmer den Fehler identifizierten, kostete es wenige Klicks, um die Zeiten Kämna zuzuordnen und den 25-Jährigen zum rechtmäßigen Sieger zu erklären.

"Dieser Titel hat einen sehr, sehr hohen Stellenwert"

"Der Beste hat gewonnen", unterstrich schließlich auch Steimle auf der Pressekonferenz, dass er die Wertung nicht anfechten werde. "Klar habe ich mich erst gefreut, aber ich bin auch jetzt nicht enttäuscht mit Rang zwei."

Jannik Steimle (Quick-Step Alpha Vinyl) fuhr im Sauerland zur Silbermedaille im DM-Einzelzeitfahren. | Foto: Roth Foto

Immerhin schaffte Steimle ohne Unterstützung seines Teams Quick-Step Alpha Vinyl den Sprung auf Rang zwei in Marsberg. "Ich bin privat angereist, habe alles selbst gemacht und stand heute Mittag noch in der Küche", erklärte er. "Logistisch ist es ein Desaster, für 30 Rennfahrern aus verschiedensten Nationen am Meisterschaftswochenende etwas zu organisieren. Aber ich bin zufrieden mit Platz zwei und muss jetzt eben auf nächstes Jahr warten."

Für Kämna hingegen war das Warten am Freitag nun vorbei – das auf eine Medaille im DM-Einzelzeitfahren der Elite. "Ich habe in den letzten vier Jahren sehr mit dem Zeitfahren gekämpft und bin nicht so richtig wieder auf das Level gekommen, das ich mal hatte", sagte der Giro- sowie Tour-Etappensieger. "Seit dem Giro ging es jetzt aber auf einmal wieder und da habe ich natürlich Blut geleckt, wieder mehr darauf zu trainieren. Dieser Titel hat für mich einen sehr, sehr hohen Stellenwert."

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