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15.10.2026 | (rsn) – Die niederländische Rundfunkanstalt NOS Sport hat in Zusammenarbeit mit dem Radsport-Podcast In De Waaier eine umfassende Untersuchung zu Beschwerden über ein unsicheres Arbeitsumfeld bei Picnic - PostNL durchgeführt. Dem Team wird dabei vorgeworfen, eine Angstkultur schüren. Einige Personen sollen den Rennstall traumatisiert verlassen haben.
Für die Untersuchung wurde mit 71 aktuellen oder ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. Unter ihnen ist Martijn Tusveld, der 2018 zum Team kam und es 2024 wieder verließ. Ein Jahr später beendete er seine Karriere. Während des Giro d’Italia 2020 habe er sich kritisch geäußert, nachdem Teammanager Rudi Kemna ihn nach seiner Meinung zur Taktik gefragt hatte. “Wir hätten es anders machen können“, habe Tusveld angemerkt.
Daraufhin sei ihm vorgeworfen worden, zu einer negativen Atmosphäre beizutragen. In der Folge habe er 2021 nicht an wichtigen Rennen teilnehmen dürfen; später in derselben Saison sei ihm mitgeteilt worden, dass sein Vertrag nicht verlängert werden würde. Tusveld konnte schließlich doch für weitere drei Jahre bleiben, nachdem zwei andere Fahrer ihre Verträge abrupt gekündigt hätten. Vorzeitige Vertragsauflösungen gab es im letzten Jahrzehnt immer wieder bei Picnic – PostNL.
Ende 2024 musste Tusveld das Team doch verlassen – nachdem er nach eigenen Angaben jahrelang in einer Kultur der Angst gelebt hätte, die bei ihm eine Depression ausgelöst hätte. “Ich wurde ängstlich“, erzählte er gegenüber NOS. “Ich dachte mir: Ich halte einfach den Mund und sage zu allem ‘Ja‘. Und genau das habe ich für den Rest meiner Zeit im Team getan. Ich habe sogar daran gedacht, mir selbst etwas anzutun.“
Auch andere Fahrer bei Picnic - PostNL hatten laut dem Bericht Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit. Demnach gäbe es keinen Zugang zu einer Vertrauensperson oder einem Psychologen. Ein anonymer Fahrer schilderte: “Teammanager Kemna sagte immer: ‘Ich glaube nicht an Psychologen.‘ Damit ist das Gespräch im Grunde beendet, oder?“
Adriaan Helmantel, der bei Picnic von 2013 bis einschließlich 2018 als persönlicher Trainer von Fahrern wie Tom Dumoulin angestellt war, erinnerte sich an eine sechstägige Besprechung in der Teamzentrale in Sittard im Oktober und November 2017. “Ich betrachtete das auf die Leinwand projizierte Diagramm und sagte: ‘Ich glaube, da fehlt ein Pfeil zwischen dem Fahrer und dem Trainer.‘ ‘Oh nein, da fehlt keiner‘, lautete die Antwort.“
“Sie behaupteten, sie wollten die Abläufe straffen“, so Helmantel weiter. “In der Praxis bedeutete dies, dass sich die Trainer weder untereinander austauschen noch direkt mit den Fahrern sprechen durften. Es herrschte die ernsthafte Befürchtung, dass die Fahrer das Sagen übernehmen würden, wenn sich Trainer und Fahrer zu nahe kämen.“ Dies habe laut dem 45-Jährigen dazu geführt, dass sich die Führungsebene in technische Belange eingemischt hätte. Außerdem habe es ein wachsendes Misstrauen am Arbeitsplatz geschürt. “Sie wurden paranoid“, urteilte Helmantel mit Blick auf die Führungsetage der Mannschaft.
“Für mich war es ein entscheidender Moment, als ich all meinen Mut zusammennahm und einen letzten Versuch unternahm – woraufhin jemand aus dem Management einfach wegging und mir hinterherrief: ‘Und du willst, dass die Trainer das Sagen haben?!‘ Dann wurde die Tür laut zugeschlagen“, erinnerte sich Helmantel, der mit einem zweiten Manager zurückgeblieben sei. “Die andere Person fing sofort an, über ein völlig anderes Thema zu sprechen. Für mich war das der Beweis, dass einem dort überhaupt nicht zugehört wird. [...] Es entwickelte sich zu einer Diktatur.“
Gleich mehrere Befragte bezeichneten Picnic - PostNL als eine “Diktatur, die keinen Raum für das Individuum ließ“. Auch bei der niederländischen Vereniging van Beroeps Wielrenners (VVBW) – der Vereinigung der Berufsradsportler - gingen Berichte über Picnic - PostNL ein. “Im Laufe der letzten eineinhalb Jahre haben wir verschiedene Hinweise erhalten und Geschichten gehört, die mit den Aussagen von Tusveld übereinstimmen“, erklärte VVBW-Sekretär Jeroen van Keulen gegenüber der NOS. “Diese Fahrer machen eine sehr schwere Zeit durch. Ich hatte sie weinend am Telefon.“
Ein ehemaliger Mitarbeiter beschrieb laut NOS, wie die Fahrer zu “Marionetten des Teams“ wurden. “Sie betrachten einen Fahrer nicht als Experten; daher sahen sie nie einen Grund, dessen Anregungen aufzugreifen. Sie haben die Fahrer nicht ernst genommen.“ Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter merkte an: “Iwan (Spekenbrink) sah die Fahrer nicht als Menschen an.“ Ein früherer sportlicher Leiter ergänzte: “Iwan und der Rest der Führungsebene verhalten sich so, als sei der Fahrer ein Staatsfeind.“
“Sie empfinden Feedback als Angriff auf ihre Philosophie. Und damit wird man zum Feind dieser Philosophie – mit der Folge, dass man hinausgedrängt wird“, sagte ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter anonym über die Manager der Mannschaft, deren Leitspruch jahrelang “Trust the process“ - “Vertraue dem Prozess“ - war.
Ein anonymer Ex-Fahrer erzählte, dass jeder, der von den Protokollen abwich, zur Rechenschaft gezogen worden sei. “Jeder ist ersetzbar“, habe es dann geheißen. “Die Protokolle sahen vor, dass man einander gegenüber offen seine Meinung äußert. Doch wenn man das Team tatsächlich infrage stellte, bekam man es ordentlich zu spüren – und sie erklärten einem noch einmal ihre Philosophie: Das Team passt sich nicht an dich an – du musst dich an das Team anpassen.“
Der Giro-Sieg 2017 von Tom Dumoulin, der selbst nicht antworten wollte, sei laut einem der Befragten ein Wendepunkt gewesen. Regeln und Protokolle seien nach dem Erfolg noch strenger geworden. “Sie radikalisierten sich danach“, lautete sein Urteil.
Picnic – PostNL reagierte nicht auf eine Anfrage der NOS, sich zu den Untersuchungen zu äußern. Teameigentümer Iwan Spekenbrink lehnte eine Stellungnahme ab – weder vor der Kamera noch schriftlich.
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