RSNplusHerbstplan ohne EM ging voll auf

Seixas knackte in der Lombardei einen 120 Jahre alten Rekord

Von Paul Grosch

Foto zu dem Text "Seixas knackte in der Lombardei einen 120 Jahre alten Rekord"
Als nun jüngster Fahrer jemals hält Paul Seixas die Trophäe der Lombardei-Rundfahrt in seinen Händen. | Foto: Cor Vos

11.10.2026  |  (rsn) – Fast auf den Tag genau drei Wochen später kann Paul Seixas (Decathlon – CMA CGM) nun behaupten, Recht gehabt zu haben. Mitte September hatte das Wunderkind seinem Nationaltrainer Thomas Voeckler mitgeteilt, nicht an der Europameisterschaft teilzunehmen, sondern stattdessen den vollen Fokus auf das letzte Monument des Jahres zu legen. Am Samstag stellte sich das nun am Comer See als die richtige Herangehensweise heraus. Der Franzose gewann die Lombardei-Rundfahrt am Ende souverän und ließ dabei mehrere EM-Teilnehmer hinter sich.

Allen voran den frisch gebackenen Europameister Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – hansgrohe), den Seixas mit seiner Beschleunigung am vorletzten Anstieg mit anderen Favoriten wie Isaac Del Toro (UAE – Emirates – XRG) abhängen konnte. Am längsten konnte sich Giulio Ciccone (Lidl – Trek) am Hinterrad von Seixas halten. Der Italiener verlor das EM-Straßenrennen am vergangenen Sonntag um wenige Millimeter gegen Evenepoel. Der Belgier wiederum lag 2020 beim Rennen der fallenden Blätter ebenfalls im Alter von 20 Jahren auf Siegkurs, stürzte damals jedoch schwer und wurde diesmal Vierter. ___STEADY_PAYWALL___

Seixas hingegen holte sich nicht nur seinen ersten Sieg bei einem Radsportmonument, sondern krönte sich auch zum jüngsten Sieger von Il Lombardia. Der Franzose war bei seinem Erfolg am Samstag gerade mal 20 Jahre und 16 Tage und damit 145 Tage jünger als der bisherige Rekordhalter Simone Gerbi, der die erste Auflage des Rennens im Jahr 1905 hatte gewinnen können. Erst 121 Jahre später gelang es nun einem Fahrer, die Rekordmarke des Italieners zu unterbieten und das mit einer scheinbaren Leichtigkeit.

Tiesj Benoot (3.v.re.) und Paul Seixas (beide Decathlon) im Windschatten von UAE. | Foto: Cor Vos

In Abwesenheit des verletzten fünfmaligen Siegers Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) füllte Seixas die Rolle des Solisten mit verblüffender Ähnlichkeit und einer vom Slowenen gewohnten Souveränität perfekt aus. Lediglich das Flash-Interview zeigte, dass der Sieg bei einem der fünf Radsport-Monumente im Gegensatz zu Pogacar noch nichts Alltägliches ist. “Es ist verrückt. Ich kann es gerade noch gar nicht realisieren“, sagte ein überwältigter Seixas ins Mikrofon. “Alles ist perfekt gelaufen. Das Team hat einen großartigen, unglaublichen Job gemacht.“

"Ich wusste, dass ich im Kampf um den Sieg dabei bin

Etwas gefasster waren dann die Aussagen des Tour-Vierten nach der Podiumszeremonie. “Was es mich am meisten realisieren lässt, ist die Freude meines Teams, meiner Familie, meiner Freundin“, so der Decathlon-Star. Auf die Frage, warum er sich mit selbstbewussten Aussagen vor dem Rennen zurückgehalten habe, musste Seixas etwas schmunzeln.

 “Nach der WM konnte ich gestern nicht wirklich ankündigen, dass ich gewinnen werde. Aber ich wusste, dass ich im Kampf um den Sieg dabei bin, wie bei der WM.“ Da hatte er noch erklärt, dass alles andere als das Regenbogentrikot eine Enttäuschung wäre. Am Ende landete Seixas in Montréal nach Krämpfen im Finale auf einem für ihn extrem enttäuschenden 15. Platz.

Im Pogacar-Stil: Seixas solo auf dem Weg zum ersten Lombardei-Triumph | Foto: Cor Vos

Seine direkten WM-Konkurrenten hatten in Italien keine Chancen. “Ich wusste, dass ich mit noch relativ frischen Beinen am Civiglio etwas erreichen konnte“, erzählte der 20-Jährige. “Ich hatte das Gefühl, dass der Rhythmus am Anstieg nicht hoch genug war – zumindest nicht für mich, um einen Unterschied zu machen.“ Während UAE mit Adam Yates und Weltmeister Brandon McNulty eine Attacke von Del Toro vorbereiten zu schien, fuhr Seixas vom Hinterrad des Mexikaners einfach los und hing Fahrer um Fahrer ab.

Teamkollegen hatte der Franzose in diesem Moment keine mehr um sich – schien sie aber auch nicht zu brauchen. “Das Team hat einen großartigen Job gemacht“, lobte er seine Mannschaftskollegen, die sich zuvor vor allem mit Nachführ- und Positionierungsarbeit verdient gemacht hatten. “Jeder hat mehr gepusht als er eigentlich musste.“

Benoot: "Das war wirklich beeindruckend"

Sein Helfer Tiesj Benoot bestätigte: “Ich habe alles aus mir herausgeholt und war besser, als ich gedacht hätte“, so der 32-Jährige. “Ich konnte die Positionierung für die erste Überfahrt von San Fermo machen. Ab da hat Paul allein einen Superjob gemacht. Ich hatte das Glück, auf dem Civiglio das Rennen etwas im zweiten Teamwagen mitverfolgen zu können. Ich habe gesehen, dass er das Tempo bestimmt und einen nach dem anderen abgehängt hat. Das war wirklich beeindruckend.“

Seixas auf dem obersten Podiumsplatz bei Il Lombardia | Foto: Cor Vos

Lobende Worte von einem Profi, der in den vergangenen Jahren mit Stars wie Wout van Aert und Jonas Vingegaard bei Visma – Lease a Bike bereits große Erfolge gefeiert hatte. In der Lombardei nun kam ein weiterer hinzu. “Es ist meine zwölfte Saison als Berufsradfahrer und das erste Mal, dass ich Teil eines Aufgebots bin, das ein Monument gewinnt. Es ist wirklich toll, eine Saison so abzuschließen", erklärte Benoot.

Im Gegensatz zu dem Belgier beendete Seixas in Como erst sein zweites Jahr als Profi. “Es war eine unglaubliche Saison und ein großartiger Abschluss. Vor einem Jahr hätte ich das nicht für möglich gehalten“, resümierte er. “Das sind superschöne Momente. Das motiviert mich noch mehr für das, was kommt. Aber jetzt gehen wir erstmal in die verdiente Pause.“

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