Debatte um Deutschlands dünne WM-Nominierung

BDR und Cross: Lieber gar nicht starten, als hinten zu landen?

Von Felix Mattis

Foto zu dem Text "BDR und Cross: Lieber gar nicht starten, als hinten zu landen?"
Stefanie Paul bei den Cross-Europameisterschaften im November 2020 in Rosmalen, als sie 25. wurde. | Foto: Cor Vos

29.01.2021  |  (rsn) - Cross ist Boss. Dieser Satz wird im internationalen Radsport immer prominenter, seitdem die Asse Mathieu van der Poel und Wout Van Aert den Straßenzirkus aufmischen. Das britische Team Ineos Grenadiers wird in dieser Saison Tom Pidcock in die WorldTour einführen, und in Deutschland trägt mit Marcel Meisen momentan ein Crosser das nationale Meistertrikot auf der Straße. 

Trotzdem fristet der Querfeldeinsport hierzulande seit Jahren ein Schattendasein. Obwohl im Freizeit-Sektor Gravelbikes und das Fahren im Gelände boomen, ist der Leistungssport 'Cross' in Deutschland alles andere als Boss.

Die Zeiten, als Rolf Wolfshohl, Klaus-Peter Thaler und Mike Kluge in den 1960er, 80er und 90er Jahren Weltmeister waren, oder als Hanka Kupfernagel in den 2000er Jahren die Szene mit vier WM-Titeln dominierte und Philipp Walsleben 2009 U23-Weltmeister wurde, sind längst vorbei. Dass Deutschland im ewigen Medaillenspiegel der Cross-Weltmeisterschaften hinter Belgien, der Niederlande und Frankreich noch immer Vierter ist: ein Relikt der Vergangenheit.

Richtig deutlich wird das am kommenden Wochenende wieder, wenn im belgischen Oostende die Cross-Weltmeisterschaften ausgetragen werden und in vier Rennen nur zwei Deutsche starten: Elisabeth Brandau bei den Elite-Frauen und Sascha Weber bei den Elite-Männern. Der Deutsche Meister Meisen hat mangels Form auf seinen Start verzichtet. Und sonst ist dem Bund Deutscher Radfahrer niemand stark genug, um in Oostende das Nationaltrikot tragen zu dürfen.

Nur zwei statt der möglichen zehn Starter in der Elite

"Wir sind der Meinung, dass eine gewisse Leistungsfähigkeit beziehungsweise Qualität gegeben sein sollte, wenn man Deutschland vertritt", erklärte BDR-Sportdirektor Patrick Moster gegenüber radsport-news.com, warum man nicht die volle Zahl von je fünf Startplätzen für die Eliterennen der Frauen und Männer ausgeschöpft hat.

Hart getroffen hat diese Entscheidung in der vergangenen Woche die Hannoveranerin Stefanie Paul. Die Nummer 102 der Frauen-Weltrangliste machte sich über die Saison hinweg Hoffnungen auf ihren zweiten WM-Start nach 2017 und war auch bei den Europameisterschaften sowie einigen Weltcups im Einsatz. Zur WM aber, auf die ihr Formaufbau zielte, darf sie nicht. Und nun ist die Szene in Aufruhr.

"Stefanie Paul erhielt die WM-Nominierung nicht, obgleich sie mit einem Engagement in dieser Zeit für eine Teilnahme gekämpft hat, das seinesgleichen sucht. Dass sie durch den BDR nun final derart abgestraft wird, dafür fehlen mir fast die Worte", urteilte der ehemalige Deutsche Cross-Meister Jens Schwedler, langjähriger Sportlicher Leiter des Stevens Racing Teams, für das auch Paul fährt, auf seiner Website. Dazu muss man wissen: EM- und Weltcup-Starts, der ganze Cross-Winter, das ist für Fahrerinnen wie Paul, die kein Profi ist, ein Investment.

Geld nicht der Grund für dünne Nominierung

Denn, so schilderte ihr Mann Felix Paul gegenüber radsport-news.com, die Reisekosten für sich selbst und auch ihre Betreuer, tragen die Crosser selbst - auch für die WM in Oostende sei das so besprochen gewesen, da der BDR dort dieses Jahr keine eigene Delegation hinschickt. Paul und die Deutsche Meisterin Brandau hätten deshalb vor der Ausbootung der Hannoveranerin bereits geplant gehabt, wie ihre beiden Betreuer sich zwischen Startbereich und Material-Depot gegenseitig aushelfen könnten.

"Für derartige Details, um Wettkämpfe optimal bestreiten zu können, herrscht in der BDR-Spitze nur Desinteresse vor. Weder bei der EM noch bei den Weltcups hat der BDR irgendeine Form der Logistik beziehungsweise Personen vor Ort gestellt. Alle Formalitäten, Unterkunft und Logistik haben die Sportler selbst vor Ort zu erledigen. Einzig die Erlaubnis oder das Verbot von Starts spricht der BDR aus", kritisierte Felix Paul. Den Anspruch auf unendliche Unterstützung habe man gar nicht, lediglich den Wunsch, grünes Licht für einen Start zu bekommen, wenn man doch alles selbst stemme.

Zu hohe Kosten für den Verband - ein unter Umständen naheliegender Gedanke, weil Cross keine olympische Disziplin ist und daher weniger gefördert wird - sind also nicht der Grund dafür, dass die BDR-Startplätze unbesetzt bleiben. "Geld spielt bei der Entscheidung keine Rolle. Darum darf es bei WM-Nominierungen auch nie gehen", betonte auch Moster und ergänzte scherzhaft: "Wir wollen ja auch die Startplätze nicht verkaufen, sonst könnten wir damit am Ende noch verdienen."

Lieber gar nicht antreten, als hinten zu landen?

Paul habe bei der EM und ihren Weltcup-Einsätzen die Chance gehabt, internationale Konkurrenzfähigkeit nachzuweisen. Das sei ihr aber leider nicht gelungen, so Moster über die 35-Jährige, die bei ihren Weltcup-Starts in Tabor, Namur und Dendermonde in diesem Winter auf den Plätzen 40, 53 und 39 gelandet war und bei den Europameisterschaften in einem 26-köpfigen Feld als Vorletzte gewertet wurde.

Handfeste Qualifikationskriterien für eine WM-Nominierung durch den BDR in Form von zu erreichenden Platzierungen gab es in der durch das Coronavirus arg reduzierten Saison nicht. Die Entscheidung fiel aufgrund der Einschätzungen von Cross-Nationaltrainer Wolfgang Ruser und Sportdirektor Moster. 

"Wir haben die Kriterien der Vergangenheit unterstützend herangezogen. Und, was man auch sagen muss: In der Vergangenheit haben wir auch schon Sportler mitgenommen, die wenigstens knapp dran waren an diesen Kriterien. Aber in diesem Fall ist der Abstand einfach zu groß", erklärte Moster nun radsport-news.com. Erschwerend kam wohl hinzu, dass Paul mit 35 Jahren kein aufstrebendes Talent mehr ist, dass in Oostende wertvolle Erfahrungen für die Zukunft hätte sammeln können.

Das Selbstverständnis des BDR ist klar: Als Spitzenverband braucht man Spitzenleistungen und Spitzenergebnisse - in internationaler Hinsicht. Es reicht nicht, zu den zwei oder drei besten Deutschen zu gehören. "Jeder Sportler, der bei einer WM startet, repräsentiert das Land. Und es tut uns (dem BDR, Anm. d. Red.) nicht gut, wenn wir fünf Sportler zu einer Weltmeisterschaft schicken, die dann Achtletzter, Fünftletzter, Viertletzter, Drittletzter und Vorletzter werden", so Moster deutlich.

Lieber gar nicht antreten, als hinten zu landen: Sähen das alle so, gäbe es irgendwann wohl keine sportlichen Wettkämpfe mehr.

Corona-Pandemie: "Es geht auch um die Verantwortung des Verbandes"

Moster erklärte außerdem, dass bei der Nominierung auch die Corona-Pandemie eine Rolle gespielt habe. Schließlich sei auch auf Nominierungen für die U23-Klassen verzichtet worden, um junge Sportler nicht dem Risiko auszusetzen, womöglich durch eine Corona-Infektion langfristig ihre Lungenfunktion zu beeinträchtigen.

"Es geht in jedem Fall auch immer um unsere Verantwortung", so Moster. "In diesem speziellen Jahr stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, wenn jemand ohne Chance auf ein Top-Ergebnis zu einer Weltmeisterschaft nach Belgien reist. Wenn derjenige Berufssportler ist, kann man es ihm als Verband nicht verwehren. Dann trägt er das Risiko."

Das Virus ist als gewichtiges Argument nicht wegzudiskutieren und hat durchaus die Kraft, die Diskussion im Keim zu ersticken. Dagegen kann man kaum etwas sagen. Trotzdem führt der Weltverband die WM aber durch, und insgesamt 18 Landesverbände schicken am Wochenende Sportler nach Oostende - und nur ein Bruchteil davon sind Profis. Deutschland hingegen verzichtet auf den Großteil seiner Startplätze und legt seinen Sportlern damit für die Zukunft indirekt Steine in den Weg. 

Besondere Bedeutung der WM 2021

Gerade in diesem Jahr wäre ein WM-Start nämlich auch für Nicht-Profis besonders wichtig gewesen: Die Weltrangliste wird aufgrund des coronabedingt dünnen Cross-Winters im Februar genullt. Einzig die WM-Resultate sind somit für Startaufstellungen und Antrittsgelder bei den nächsten Rennen ausschlaggebend. Schon ein 25. Platz im WM-Rennen von Oostende wäre da ein solider Grundstock für die kommende Saison.

Man darf gespannt sein, wie der BDR in zwölf Monaten nominiert, wenn die Weltmeisterschaften in Fayetteville im US-Bundesstaat Arkansas ausgetragen werden und Corona hoffentlich nicht mehr alles überlagert. Hält man am Credo fest, nur Sportler mit Aussichten auf ein Spitzenresultat zu nominieren, dürfte sich wohl an der Zahl der deutschen Starter wenig ändern. Denn international konkurrenzfähige Crosser sind in Deutschland weiterhin rar und dürften das mangels Förderung wohl auch bleiben. 

Und da liegt wohl das eigentliche Problem, dass sich in der Nominierungsdebatte um Oostende widerspiegelt: Das schwache Standing des Cross-Sports in Deutschland allgemein.

Mehr Informationen zu diesem Thema

23.03.2026Van der Haar verabschiedet sich beim FC Utrecht mit Sieg

(rsn) – Lars van der Haar hat seine vor allem im Querfeldein erfolgreiche Karriere vor wenigen Wochen beendet. Einen Auftritt in einem ganz anderen Trikot gab es am Sonntag im Galgenwaard in Utrecht

15.02.2026Vanthourenhout gelingt im Brüsseler Schneetreiben die Revanche

(rsn) – Michael Vanthourenhout (Pauwels Sauzen - Altez) hat seine konstante Form auch im letzten Lauf der X2O Badkamers Trofee abrufen können. In einem Rennen, das mit zunehmender Dauer von starkem

15.02.2026Furiose Aufholjagd: Alvarado hängt Brand in Brüssel deutlich ab

(rsn) – Weltmeisterin Lucinda Brand (Baloise – Lions) sah auch beim vorletzten Rennen des Internationalen Cross-Kalenders lange Zeit wie die sichere Siegerin aus. Doch dann startete Ceylin del Ca

14.02.2026Vandeputte zündet den Turbo und fängt Vanthourenhout noch ab

(rsn) – Der Belgier Niels Vandeputte (Alpecin – Premier Tech) hat beim Waaslandcross in Sint-Niklaas mit einem bärenstarken Sprint auf den letzten Metern noch seinen Landsmann Michael Vanthouren

14.02.2026Brand in Sint-Niklaas mit später Offensive zum Hattrick

(rsn) – Weltmeisterin Lucinda Brand (Baloise – Glowi Lions) hat sich beim Waaslandcross in Sint-Niklaas ihren 20. Saisonsieg gesichert. Die 36-jährige Niederländerin setzte sich im letzten Lauf

08.02.2026Vandeputte holt sich in Lille den Krawatencross

(rsn) – Niels Vandeputte (Alpecin – Premier Tech) hat in Lille den vorletzten Lauf der X2O Badkamers Trofee gewonnen. Der 25-jährige Belgier setzte sich beim Krawatencross zur Rennmitte ab und ka

08.02.2026Alvarado dreht in Lille gegen Brand den Spieß um

(rsn) – Ceylin del Carmen Alvarado (Fenix – Premier Tech) hat sich beim Krawatencross in Lille für die WM-Niederlage gegen Lucinda Brand (Baloise – Het Poetsbureau Lions) revanchiert. Die Silbe

07.02.2026Vanthourenhout siegt in Middelkerke, Vandeputte holt Gesamtwertung

(rsn) – Michael Vanthourenhout (Pauwels Sauzen – Altez) hat in Middelkerke den achten und letzten Superprestige-Lauf gewonnen. Zweiter wurde mit 13 Sekunden Rückstand Niels Vandeputte (Alpecin â€

07.02.2026Van Alphen sichert sich Superprestige vor punktgleicher Fouquenet

(rsn) – Nach einem dramatischen Finale hat sich Aniek van Alphen (Seven) in Middelkerke mit einer Punktlandung die Gesamtwertung der Superprestige-Serie gesichert. Die Niederländerin belegte im ach

03.02.2026Rekordmann van der Poel: Weiter bis zum zehnten WM-Titel?

(rsn) – Seit einiger Zeit schon und in den vergangenen Wochen vermehrt wurde über die Cross-Zukunft von Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech) spekuliert. Nach seinem achten Weltmeistertit

02.02.2026Nach dem Crosstitel ist für van der Poel vor der Straßensaison

(rsn) - Mit dem Rekordtitel endete in Hulst die Cross-Saison von Weltmeister Mathieu van der Poel (Alpecin – Premier Tech). Zeit also, um an die Straßen-Saison zu denken! Der Niederländer hat zum

02.02.2026Eder: “Ich habe relativ schnell gebüßt“

(rsn) – Bei der Querfeldein-DM in Bensheim war Fabian Eder noch knapp Zweiter hinter Marcel Meisen. Bei der Cross-WM in Hulst hat der 22-Jährige seinen 15 Jahre älteren Landsmann in Schach gehalte

Weitere Radsportnachrichten

16.10.2026Radsport live im Stream, TV und Ticker: Die Rennen des Tages

(rsn) – Welche Radrennen finden heute statt? Wo und wann kann man sie live im Fernsehen oder Stream verfolgen? Und wo geht´s zum Live-Ticker?In unserer Tagesvorschau informieren wir über die wicht

16.10.2026NSN verstärkt sich mit Carapaz

(rsn) – Richard Carapaz verlässt EF Education – EasyPost vorzeitig und geht bis Ende 2029 zu NSN. Nach drei Jahren bei Movistar, wo er 2017 Profi wurde, drei Saisons bei Ineos Grenadiers und vier

16.10.2026Milan gewinnt Einerverfolgung und stellt neuen Weltrekord auf

(rsn) – Der dritte Tag der Bahn-Weltmeisterschaften in Shanghai begann mit einem beeindruckenden Weltrekord in der Einerverfolgung von Jonathan Milan in der Qualifikation. Der Italiener verbesserte

16.10.2026Mick van Dijke feiert ersten Sieg als Profi, Rutsch Dritter

(rsn) – Mick van Dijke (Red Bull – Bora – hansgrohe) hat auf der 3. Etappe der Eneco Tour (2.1) seinen ersten Sieg als Profi gefeiert. Nach 110 Kilometern von Sittard nach Watersley war er auf d

16.10.2026Trotz Sinnfrage gelingt Dörnbach der Medaillendurchbruch

(rsn) – Zum zehnten Mal stand Maximilian Dörnbach bei Bahn-Weltmeisterschaften am Start, zum ersten Mal klappte es aber nun in Shanghai mit der Erfüllung seines Medaillentraums. Hinter dem Rekordw

16.10.2026Kemna: “Ich bin zutiefst erschüttert“

(rsn) – Am Donnerstag veröffentlichen die NOS und der Podcast "In de Waaier" Berichte, laut denen bei Picnic – PostNL eine Angstkultur herrschen würde. Die Namen von Teamchef Iwan Spekenbrink un

16.10.2026Milan sorgt für neuen Weltrekord über 4.000 Meter

(rsn) - In wenigen Worten zu vermelden, deshalb aber nicht weniger wichtig: In unserer Rubrik "Kurz gemeldet" fasst die Redaktion von radsport-news.com die Kurznachrichten des Tages aus der Welt des R

16.10.2026Magnier holt mit zweitem Etappensieg Guangxi-Führung zurück

(rsn) – Paul Magnier (Soudal – Quick-Step) hat in Tian´e die 4. Etappe der 7. Tour of Guangxi (2.UWT) gewonnen und damit auch die Gesamtführung der letzten WorldTour-Rundfahrt der Saison zurück

16.10.2026Merkwürdiger Empfang bei Picnic - PostNL statt Infogespräch

(rsn) - “Der sportliche Absturz, den wir alle sehen können, steht nicht allein da.“ Mit diesen Worten begann der Ex-Radprofi, Journalist, ehemalige Sportliche Leiter bei Beat und 50 Prozent des P

16.10.2026Auch Roche äußert sich zu Vorwürfen gegen Picnic - PostNL

(rsn) - Die NOS und der Podcast In de Waaier veröffentlichten am Donnerstag gemeinsam einen Artikel, in dem Picnic – PostNL eine “Angstkultur“ vorgeworfen wurde. Mit 71 aktuellen sowie ehemalig

15.10.2026Trotz Rippenbruch: Kasper beendet Gravel World Series auf Podium

(rsn) – Gute und zugleich schlechte Nachrichten von Romy Kasper (PAS Racing), der mit drei Siegen und zahlreichen Top-Ten Platzierungen erfolgreichsten deutschen Gravelfahrerin dieser Saison auf UC

15.10.2026Dörnbach und Frauenvierer holen Medaillen Nummer zwei und drei

(rsn) – Nachdem am ersten Tag der Teamsprint der Frauen mit Bronze die erste Medaille für das deutsche Team bei den Bahn-Weltmeisterschaften in Shanghai brachte, legten am Donnerstag, dem zweiten W

RADRENNEN HEUTE

    WorldTour

  • Tour of Guangxi (2.UWT, CHN)
  • Radrennen Männer

  • Tour of Mentougou (2.2, CHN)