Berliner Sechstagerennen feiert 100. Geburtstag

Zabels letzte Runden


Erik Zabel beim Dortmunder Sechstagerennen.

Foto: ROTH

22.01.2009  |  (sid/rsn) - Der 100. Geburtstag als Bühne für einen großen Abschied: Deutschlands erfolgreichster Radprofi Erik Zabel steht ab Donnerstag im Mittelpunkt des 98. Berliner Sechstagerennens. An der Seite von Sydney-Olympiasieger Robert Bartko dreht "Ete" im Velodrom an der Landsberger Allee die letzten Runden seiner Karriere.

"Nur zwei Kilometer von hier bin ich im Krankenhaus Lichtenberg geboren und habe hier auch mit dem Radsport begonnen", sagte der 38-Jährige, der sechsmal das Grüne Trikot bei der Tour de France gewann, über 200 Profisiege auf der Straße feierte und bislang zwölf Sixdays-Wettbewerbe für sich entschied.

In Berlin wird der in Unna lebende Zabel immer noch als Lokalmatador gesehen. Hier kann er die "Stunden der Leidenschaft" noch einmal so richtig genießen. So nannten einst Schriftsteller und Reporter wie Egon Erwin Kisch oder Carl Riess die Sixdays. Seit 1909 fahren die Rennfahrer hier regelmäßig im Kreis. In manchen Jahren sogar zweimal, so dass es im 100. Jahr trotz der Rennpause in der Nazizeit bereits die 98. Auflage gibt.

1909 bimmelte in der Messehalle am Zoo zum ersten Mal die Rundenglocke. In der benachbarten Gedächtniskirche schimpfte der Pfarrer laut "Berliner Morgenpost" über die "Fahrt der Irren". Die Berliner ließen sich dennoch nicht bremsen. Mit dem ersten Start strömten die Zuschauer in Scharen.

Seinen Ruhm erlangte das Sechstagerennen jedoch im 1910 eröffneten Sportpalast. Altprofi Otto Ziege (82), einst sportlicher Leiter der Veranstaltung, ist fest überzeugt: "Ohne den Sportpalast hätten sich die Sechstage von Berlin wahrscheinlich nie zu einem solchen tollen Volksfest des Radsports entwickelt."

Im Sportpalast malte "Pinselheinrich" Heinrich Zille, Max Schmeling tanzte mit prominenten Schauspielerinnen und spendierte Freibier für den Heuboden. Opernstar Richard Tauber sang für die billigen Plätze. Dadurch konnten Menschen die goldene Stimme genießen, die sich sonst nie ein Opernticket hätten leisten können. Die wilden Zwanziger trieben die Hetzjagd der Pedalgiganten zur vollen Blüte.

Jeden Abend bildeten sich lange Schlangen vor dem Sportpalast. 8.000 Zuschauer passten in die Arena, 20.000 begehrten Einlass. Egon Erwin Kisch schrieb seine berühmte Reportage von der "elliptischen Tretmühle". 1924 rasten Richard Huschke und Franz Krupkat zum legendären, bis heute gültigen Weltrekord von 4544,2 Kilometern.

Wenn die Spannung des 144 Stunden langen Rundenspektakels einmal kurz abzusinken drohte, dann meldete sich krächzend der Hallensprecher und rief eine Sonderprämie aus. Zehn Dollar, eine Flasche Champus oder ein Herrenhemd. Man war bescheiden. Sofort drehte das "Karussell" wieder auf Hochtouren.

Als Ende der Zwanziger Reinhold Habisch, wegen seiner Gehhilfen kurz "Krücke" genannt, zu den Stammgästen des Sportpalastes stieß, war der Mythos komplett. Wenn die Kapelle zum Wiener Praterleben (Sportpalastwalzer) aufspielte und "Krückes" gellende Pfiffe durch die Halle peitschten, dann war die Stimmung auf dem Höhepunkt.

Die Nazis verboten 1934 die Sechstagerennen, Bomben der Alliierten legten den Sportpalast 1945 in Trümmer. Erst 1949 schoben auf einer Minibahn in der Sporthalle am Funkturm 28 Rennfahrer das Sechstage-Karussell erneut an.

Als 1974 der Sportpalast abgerissen wurde, zog der Sechstage-Zirkus in die Deutschlandhalle um. Zugleich lebte er in der Werner-Seelenbinder-Halle im Osten Berlins ab 1978 in einer verkürzten Form als Amateurrennen weiter. Erst mit der Eröffnung des Velodroms 1997 flammte aber die alte Stimmung wieder auf. Diese möchte Erik Zabel ein letztes Mal als Rennfahrer genießen.

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