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Vergiftet oder verblödet?

Von Andreas Schulz, Eurosport

Foto zu dem Text "Vergiftet oder verblödet?"
Fränk Schleck (RadioShack-Nissan) | Foto: ROTH

19.07.2012  |  (rsn) - Was nimmt man für eine fünfstündige Fahrt durch die Hitze ans Mittelmeer? Na klar, ein Entwässerungsmittel.

Und schon sind wir mittendrin in den Ungereimtheiten des Falls Frank Schleck. Denn wenn man mal annimmt, dass der Luxemburger nicht vorhatte, die Wasserträger im Team zu Sonderschichten zu zwingen, muss er etwas anders im Sinn gehabt haben — oder war tatsächlich ahnungslos.

Die Experten sind sich einig, ein Diuretikum zu benutzen ist so dermaßen "old school", dass es fast schon eine Beleidigung der Fahnder ist. Eine Substanz, die problemlos nachzuweisen, in Frankreich nicht auf dem Markt und kein Bestandteil der Team-Apotheke war— da ist doch etwas faul.

Das geben auch die prominentesten Doping-Jäger auf beiden Seiten des Rheins zu. "Dass er so naiv ist, hätte ich nicht gedacht", sagt Werner Franke. "Er ist nicht so bescheuert oder lebensmüde, ein Diuretikum zu nehmen", ist sich Jean-Pierre de Mondenard sicher — Frankes französisches Pendant (nur mit deutlich mehr Radkilometern in den Beinen).

Also muss es wohl eine zweite Ebene oder unerwartete Quelle geben. Gut möglich, dass die Fahnder Schleck im Visier hatten und ihn daher am Nationalfeiertag zur Urinprobe baten — aber auch diese Hintergründe kennen wir (noch) nicht. Vorerst erinnert manches an Alberto Contador 2010 oder Danilo Hondo 2005. Beides Fälle, in denen die Fahrer mit banalen Substanzen in völlig absehbaren Kontrollen auffällig wurden.

"Ich glaube nicht, dass er es absichtlich genommen hat, er ist nicht dumm, er weiß um die einfache Nachweisbarkeit. Es ist möglich, dass es in einem Nahrungsergänzungsmittel war", erklärt nun de Mondenard.

Der CAS gab Contador in seinem Urteil im Frühjahr mit auf den Weg, dass eine deutlich mildere Strafe möglich gewesen wäre, hätte er auf verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel statt kontaminiertes Fleisch als Quelle plädiert. Und Hondo wurde seinerzeit sogar von Franke vor Gericht unterstützt — was nicht viele Radprofis behaupten können...

Deshalb muss man nicht gleich einen Rekordversuch im Augenverdrehen starten, wenn Schleck erklärt, sich den Befund nicht erklären zu können und eine Vergiftung für möglich hält. Für den Fall einer positiven B-Probe liege "die Anzeige gegen Unbekannt schon bereit", so sein jüngerer Bruder Andy.

Und für de Mondenard ist es durchaus ein denkbarer Vorgang, dass Schleck "ein Diuretikum in die Trinkflasche gemischt" wurde — er spricht von "doping to lose". Es dürfte also noch spannend werden, der Fall ist sehr wahrscheinlich längst nicht so schwarz/weiß wie der des mit EPO erwischten Türkei-Siegers Ivailo Gabrovski.

Daher wäre ein wenig mehr Sachlichkeit in der Diskussion arg hilfreich, statt sich immer gleich süffige Szenarien auszumalen. Denn während viele fast schon begeistert vom Aufmarsch der Polizei am Teamhotel berichteten, erwähnte später kaum jemand, dass die Spezialeinheit, zu der sich Schleck direkt begab, nichts von ihm wollte: "Die Leute von OCLAESP sagten uns, aus ihrer Sicht gebe es keinen Fall Frank Schleck, denn die Substanz steht nicht auf der Liste der in Frankreich im Rahmen des Sports verbotenen Dinge", so Teamchef Alain Gallopin.

Und dass Schleck von seinem Team nicht suspendiert, sondern nur aus dem Rennen genommen wurde, dass er laut UCI-Regeln sogar zur 16. Etappe hätte starten dürfen, dass der WADA-Code neben Zweijahresssperre ("Karriereende"!) auch die Möglichkeit einer reinen Verwarnung vorsieht? Fast nicht der Rede bzw. Schreibe wert. Dabei ist gegen die Sachlage bei Schleck der durchaus auch komplexe Fall von Rémy di Grégorio geradezu simpel. Ein "rauchender Colt" ist zumindest nicht in Sicht, trotz allem Getöse ist die Faktenlage eher dünn.

Ich will niemand in Schutz nehmen oder gar die Strafe ersparen, wenn er überführt ist, ganz im Gegenteil. Aber so weit sind wir noch nicht. Auch ein Fuentes-Kunde hat das Recht auf ein ordentliches Verfahren. Auch ein siebenmaliger Tour-Sieger übrigens. Wie jeder namenlose Fechter oder mittelmäßige Handballer. Das müssen und können wir aushalten.

Auch wenn wir oft dreist belogen wurden, wenn schon auf alles mögliche geschworen wurde, wenn es schon abstruseste Ausreden gab. Gilt ja sonst auch — Alter, Wohnort, Hautfarbe, Klamottenstil, Musikgeschmack sollten doch ein wenig hinter die Beweislage zurücktreten — und die Sportart eben auch.

Wenn ein Zweitliga-Kicker mit einem Verschleierungsmittel erwischt wird, gibt es launig Sprüche über die Quelle (Haarwuchsmittel) - und Aus. Man stelle sich vor, ein Radprofi hätte diese Begründung (selbst wenn sie stimmt) angebracht...

Nur am Rande: Am Ruhetag wurden nebenbei die Fahrer der sechs Mannschaften der Vereinigung MPCC ("Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport") in Pau zu zusätzlichen Tests gebeten. Dabei wurde über das Reglement von UCI & Co. hinaus nach Kortison gesucht, der neuen alten Modedroge der Szene: Ergebnis? Voeckler, Millar, Gretsch & Co. wiesen keine Auffälligkeiten auf. Darf auch mal erwähnt werden.


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