“Management nicht für den Radsport geeignet“

Auch Roche äußert sich zu Vorwürfen gegen Picnic - PostNL

Von Kevin Kempf

Foto zu dem Text "Auch Roche äußert sich zu Vorwürfen gegen Picnic - PostNL"
Nicolas Roche im Dienst von Sunweb bei der Tour de France 2020 | Foto: Cor Vos

16.10.2026  |  (rsn) - Die NOS und der Podcast In de Waaier veröffentlichten am Donnerstag gemeinsam einen Artikel, in dem Picnic – PostNL eine “Angstkultur“ vorgeworfen wurde. Mit 71 aktuellen sowie ehemaligen Angestellten wurde gesprochen, nur zwei von ihnen wollten namentlich erwähnt werden. Nach dem Erscheinen des Artikels meldete sich ein weiterer Ex-Fahrer zu Wort. Nicolas Roche absolvierte von 2019 bis 2021 die letzten drei seiner 17 Profijahre bei Sunweb und DSM, wie Picnic – PostNL zu der Zeit hieß. Gegenüber der NOS erzählte der Ire von seinen eigenen Erfahrungen bei den Niederländern.

Anfangs habe er kein Problem mit der äußerst strukturierten Arbeitsweise bei seinem neuen Brotherren gehabt. “2020 und 2021 hat sich das dann grundlegend geändert“, verriet Roche, der sich an eine Geschichte aus dem Trainingslager aus dem Januar 2021 erinnerte: “Ich brauchte Trainingsumfang. Also habe ich gelegentlich längere Trainingseinheiten absolviert. Einmal, als ich eine Stunde später als geplant zurückkam, wartete bereits das Teammanagement auf mich – darunter Sportdirektor Rudi Kemna und die Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung, Narelle Neumann.“

Die Namen von Kemna und Teamchef Iwan Spekenbrink wurden im ersten Artikel der NOS mehrmals genannt, jener der Australierin Neumann tauchte nun erstmals auf. “Sie sagten wörtlich: ‘Es ist uns egal, ob du mehr oder weniger machst; du tust genau das, was dir vorgegeben wurde.‘“, so Roche, dem da klar geworden sei, dass sein letztes “ein langes Jahr“ werden würde. “Es gab einen Konflikt nach dem anderen. Die größten Probleme hatte ich mit der sportlichen Leitung. Wenn ich meine Meinung äußerte, wurde das sofort zum Problem, weil es ihren Protokollen und Plänen widersprach.“

So kam Roche zu einem harten Urteil. “Ich glaube nicht, dass dieses Management für den Radsport geeignet ist. Im Radsport hat man es mit einer Vielzahl von Variablen zu tun. Es ist kein vorhersehbarer Sport. Der menschliche Körper ist keine perfekte Maschine. Man muss mit Wetterbedingungen und der Taktik von 24 anderen Teams zurechtkommen. Ich verstehe ja, dass man einen Masterplan haben möchte, um vorbereitet zu sein – aber man kann nicht schon im Mai die siebzehnte Etappe der Tour de France im Detail planen. Genau das haben sie aber versucht“, meinte der 42-Jährige.

Rennen gewonnen, Chef sauer

Als Beispiel erinnerte er sich an eine Etappe der Tour de France 2020, die in Saint Etienne geendet habe und die der Sunweb-Fahrer Sören Kragh Andersen für sich entscheiden konnte. Der gewann allerdings ein Teilstück in Champagnole, rund zwei Autostunden von Saint-Etienne entfernt – und eins in Lyon, das ungefähr halb so weit weg von Saint Etienne liegt. Der Plan habe damals vorgesehen, in die Gruppe des Tages zu gehen. Letztendlich habe das nicht geklappt. Die Fahrer hätten die Taktik daraufhin eigenhändig geändert und der Däne habe daraufhin gewonnen.

“Eine Stunde später saß ich neben dem sportlichen Leiter, als ein Anruf vom Chef, Iwan Spekenbrink, einging“, erinnerte sich Roche. “Er wollte wissen, warum wir nicht in der Ausreißergruppe vertreten waren – obwohl wir gerade das Rennen gewonnen hatten! Da dachte ich mir: Okay, dieses ganze Gerede vom ‘Dem Prozess vertrauen‘ und ‘Dem Protokoll vertrauen‘ – das ist einfach nichts für mich.“ Damit zitierte Roche das Motto des Rennstalles: “Trust the process“ wurde in jener Zeit - nach Siegen und Niederlagen - bei fast jedem Interview der Mitarbeiter des Teams genannt.

“Frustriert, wütend und alles andere als glücklich“

Für Roche sei das Motto aber zur Last geworden. “Der psychische Druck und der Stress sind immens, wenn man etwas tun muss, an das man selbst nicht glaubt. Wenn ein Umfeld geschaffen wird, das so starr ist – und keinen Raum für einen ‘Plan B‘ oder ‘Plan C‘ lässt –, dann ist es schwierig, Motivation oder eine positive Atmosphäre zu fördern. Meistens fühlte ich mich frustriert. Ich war wütend und alles andere als glücklich“, blickte Roche auf die letzten Jahre seiner Karriere zurück.

Der Zufriedenheit abträglich sei auch ein weiterer Aspekt gewesen. “Freundschaften zu pflegen, wurde nicht gern gesehen – was ich seltsam finde. Ich erinnere mich, dass mir während der großen Rundfahrten alle drei Tage ein anderer Masseur zugeteilt wurde. Für jeden Radsportler ist eine Massage ein Moment der Entspannung – eine Gelegenheit, sich auszusprechen, die eigene Frau anzurufen oder einfach den Tag Revue passieren zu lassen“, so Roche, der damit in die gleiche Kerbe schlug wie Adriaan Helmantel, der berichtete, dass der Kontakt zwischen ihm als Trainer zu seinen Athleten so gering wie möglich gehalten wurde.

Roche habe diese Maßnahme für absolut falsch gehalten und konnte nur vermuten, warum sie gehandhabt wurde. “Ein Rätsel. Vielleicht liegt es daran, dass Masseure in der Vergangenheit häufig Dopingmittel für die Fahrer transportiert haben? Aber die wahre Antwort kenne ich nicht“, erzählte er.

Nach Covid “in Richtung Ausgang gedrängt“

Es sei bei Sunweb und DSM in jener Zeit aber nicht alles schlecht gewesen. “Eines möchte ich besonders hervorheben: Während der COVID-19-Pandemie zahlten nur fünf Teams ihren Fahrern weiterhin das volle Gehalt. Dieses Team gehörte zu diesen fünf. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein“, so Roche, der Ende 2021 trotzdem den Rennstall verließ und seine Karriere beendete.

“Sie haben mich in Richtung Ausgang gedrängt. Rudi Kemna sagte meinem Manager, ich hätte zu viel Einfluss auf die jungen Fahrer – sie würden auf mich hören, anstatt sich an das Protokoll zu halten.“ Seine Erfahrung und Offenheit seien für ihn zum Problem geworden, konkludierte Roche. “Sie waren da sehr direkt. Man muss dem Team zugutehalten: Sie haben immer betont, dass sie offen und direkt sind, und das haben sie definitiv auch so gelebt. Das Einzige, was ihnen nicht gefiel, war, wenn ich genauso direkt war. Es war nie in Ordnung, wenn meine Meinung nicht mit dem übereinstimmte, was sie hören wollten. Genau das war für mich das Problem.“

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