Der große rsn-Gravelbike-Test - Teil 3, Rad 4

Canyon Grail CF SL: Was bringt der “Hover Bar“-Lenker?

Von Wolfgang Preß

Foto zu dem Text "Canyon Grail CF SL: Was bringt der “Hover Bar“-Lenker?"
| Foto: pressBureau.eu/ w preß

13.05.2019  |  "Der Pfau unter den Gravelbikes", "Rad mit Hirschgeweih", "Elefant" - als das Grail im vergangenen Frühjahr als erstes Gravelbike des Versenders Canyon auf den Markt kam, waren die Meinungen der Tester recht gespalten, und so manche Überschrift war ziemlich zugespitzt.

"Stein des Anstoßes" war der ungewöhnliche Doppel-Lenker,
von Canyon "Hover Bar" genannt - eine Bezeichnung, die sicher nicht unbeabsichtigt an das schwebende "Hoverboard" aus der 80er-Kult-Film-Serie "Zurück in die Zukunft" erinnert.

Warum das völlig neue Lenker-Design? "Beim klassischen Rennlenker ist der Oberlenker nahe am Vorbau am steifsten, der Unterlenker am nachgiebigsten", erklärt Canyon-Pressesprecher Thorsten Lewandowski: "Ziemlich paradox - denn wenn man beim Sprint in der Unterlenker-Position eigentlich maximale Steifigkeit braucht, nutzt man den weichsten Lenker-Part. Und zum Ausruhen den Oberlenker, welcher der härteste Teil des Cockpits ist."

Canyon hat daher die beiden Lenker-Bereiche
einfach vertauscht; heraus kam der "Hover Bar" mit seinem "schwebenden" Oberlenker. Der obere Bereich nutzt den Flex des Carbons und bietet laut Canyon bis zu sieben Mal mehr Flex als ein klassischer Lenker - und das mit lediglich 110 g Zusatzgewicht, dazu absolut wartungsfrei. Das Cockpit wirkt durch den flach aus dem Oberrohr herauslaufenden, komplett integrierten Vorbau insgesamt recht dynamisch. Der Unterlenker ist mit 7,5 Grad nur leicht ausgestellt.

Freunde des klassischen Rennrad-Designs werden sich mit dem "Hover Bar" wohl nur schwer anfreunden können. Nachdem das Grail nun über ein Jahr auf dem Markt ist, polarisiert der Doppel-Lenker allerdings nicht mehr so sehr wie anfangs: Ich war mit dem guten Stück im Frühjahr auf mehreren Schotter-Rennen unterwegs, und wurde nur selten darauf angesprochen... 

Das Canyon Grail CF gibt's in fünf Varianten,
dazu ein "Women"-Modell. Alle Bikes sind mit einer Zweifach-Kurbel ausgestattet. Die Shimano Ultegra- und Di2-Gruppen kommen mit einer 11-34-Kassette und einer 50/34-Kurbel. Der Rahmen hat hexagonale, nach hinten verjüngende Ober- und Unterrohre, das Sitzrohr ist rund; die Kettenstrebe hat einen integrierten Gummischutz.

Die innenverlegten Züge sorgen für eine saubere Optik, die 160-mm-Ultegra-Disc-Bremsen für beste Verzögerung. Das Grail CF gibt es in nicht weniger als sieben Rahmengrößen. Die 2XS- und XS-Bikes haben 650B-Laufräder (27,5 Zoll), ab Größe S bis 2XL sind 28-Zoll-Laufräder verbaut. Seit Frühjahr ist das Grail auch in einer Aluminium-Version erhältlich - allerdings ohne Hover-Bar.

Fahreindruck: Von einigen Testern wurde kritisiert, der Hover-Bar bringe nur wenig, und sei in erster Linie ein Show-Element. Das kann ich nach etlichen hundert Kilometern mit dem Grail, darunter mehrere Gravel-Rennen, so nicht bestätigen.

Natürlich kommt die Dämpfungs-Wirkung nicht an aufwendige Steuerkopf-Feder-Elemente wie etwa Specializeds  "Future Shock" heran. Aber auf schlechtem Untergrund wie grobem Schotter, Steinen, Wurzeln oder schwerem Kopfsteinpflaster ist die Dämpfung am Oberlenker deutlich spürbar.

Klar, wenn es die Fahr-Situation erfordert,
vom Oberlenker an die Griffe zu wechseln, ist leider Schluß mit bequem: Die nun noch vorhandene Dämpfung ist allein den 40-mm-Reifen zu verdanken. Die können, je nach Fahrer-Gewicht, mit unter drei Bar, minimal 2,5 Bar gefahren werden.  

Weiterer Vorteil des neuen Konzepts: Durch die wesentlich nähere Verbindung mit dem Vorbau/ Cockpit, unterhalb der Bremsgriffe, ist der Unterlenker tatsächlich deutlich steifer als bei einem herkömmlicher Carbon-Lenker - beim Antreten oder im Wiegetritt ebenfalls ein spürbarer Vorteil des Doppel-Lenkers.

rsn-Bewertung: Das Canyon Grail CF bringt mit dem "Hover-Bar" ein einfaches, leichtes und durchaus effizientes Dämpfungs-System ans Gravelbike. Es ist nicht in allen Situationen nutzbar, dafür aber unkompliziert und wartungsfrei. Über die Optik lässt sich streiten: Die einen finden's cool, die anderen seltsam. Der Rest des Bikes ist, wie meistens bei Canyon, untadelig: Prima Rahmen, sehr gute Komponenten, effektive Laufräder, Top-Preis.

Die Daten
Rahmen: Canyon Grail CF SL Disc Carbon
Gabel: Canyon FK0047 CF SLX Disc Carbon
Schaltung: Shimano Ultegra RX800 GS
Kassette: Shimano Ultegra HG800, 11-Gang, 11 - 34 Z.
Kurbel: Shimano Ultegra R8000
Innenlager: Shimano Pressfit BB72
Kette: Shimano CN-HG701 11s
Schalt-/ Bremshebel: Shimano Ultegra R8020 
Bremsen: Shimano RT800 Disc, 160 mm, Centerlock
Laufräder: DT Swiss C 1800 Spline db, Aluminium, 1750 g (VR + HR)
Achsen: Canyon Thru Axle 12 mm, Alu
Reifen: Schwalbe G-One Bite, 40 mm
Cockpit: Canyon CP07 Gravel CF Carbon
Sattel: Fizik Aliante R5
Sattelstütze: Canyon S15 VCLS 2.0 CF Carbon
Farben: Storm Green, Meteor Grey, Carbon Copper, Copper Red
Gewicht Rahmen (Gr. M): 1040 Gramm
Gewicht Rad: 8,7 kg (kpl. o. Ped.)
Preise: von 2199 Euro (Shimano 105) bis 4599 Euro (Ultegra Di2)
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Weitere Informationen

Canyon Bicycles GmbH
Karl-Tesche-Str 12
56073 Koblenz

Fon: 0261/ 9490 3000

E-Mail: info@canyon.com
Internet: www.canyon.com

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