Mas verzichtet aus Respekt aufs Führungstrikot

Der Kampf um Rot ist nach Pogacars Aus völlig offen

Von Paul Grosch

Foto zu dem Text "Der Kampf um Rot ist nach Pogacars Aus völlig offen"
Enric Mas (Movistar) streift das Rote Trikot bei der Vuelta nicht über. | Foto: Cor Vos

29.08.2026  |  (rsn) – Der alles überschattende Sturz und die darauffolgende Aufgabe von Tadej Pogacar (UAE – Emirates – XRG) sorgte auf einen Schlag dafür, dass praktisch nach der 8. Etappe fast alles in dieser Vuelta a Espana 2026 plötzlich wieder offen scheint. Der Weltmeister hinterlässt ein Vakuum, das auf den kommenden Etappen wieder gefüllt werden muss. Passend dazu verzichtete der neue Gesamtführende Enric Mas (Movistar) bei der Podiumszeremonie aus Respekt vor Pogacar darauf, sich erstmals in seiner Karriere das Trikot des Gesamtführenden überzustreifen.

“Wir haben mit dem Team entschieden, dass ich das Trikot morgen nicht tragen werde aus Respekt vor Tadej“, sagte Mas in der Mixed Zone zu Eurosport. “Das Trikot mit einem Sturz zu übernehmen, ist kein gutes Gefühl. Morgen werden wir versuchen, es zu verteidigen. Aber erstmal geht meine Unterstützung in Richtung Pogacar und ich hoffe, dass er sich schnell wieder erholt.“ Mas‘ Geste erinnerte an Chris Froome, der auf der 7. Etappe der Tour de France 2015 darauf verzichtete, das ihm zustehende Gelbe Trikot zu tragen, nachdem der Gesamtführende Tony Martin am Vortag gestürzt war und die Rundfahrt aufgeben musste.

Welche Mannschaft füllt das entstandene Vakuum unter den GC-Teams auf?

Die Aufgabe des Roten Trikots wirft bei der Spanien-Rundfahrt nun viele Fragen auf. Bereits am Sonntag steht eine schwere Bergankunft am Alto de Aitana an. Die Teams der restlichen Favoriten müssen ihre Taktik nun überdenken. Plötzlich muss ein anderes Team für Kontrolle im Peloton sorgen. Movistar für den neuen Führenden Mas, der Rot vorerst "erbt" - oder Red Bull - Bora - hansgrohe für den aktuell Zweitplatzierten Primoz Roglic. Dessen Ziel eines fünften Rekord-Sieges bei der Spanien-Rundfahrt plötzlich wieder näherrückte.

Als stärkstes Team in den Bergetappen der ersten Woche erwies sich aber bisher Decathlon - CMA CGM, das Team des neuen Gesamtdritten Felix Gall. Immer wieder war Gregor Mühlberger der letzte Helfer in der Favoritengruppe, der das Tempo für die Klassementfahrer setzte. Auf der 4. und 7. Etappe nahm die Mannschaft das Heft selbst in die Hand und bereiteten Attacken für ihren österreichischen Kapitän vor. Doch war es bisher immer Pogacar, der die Vorarbeit für seine eigenen Attacken nutzte.

Doch das war praktisch eingeplant. “Der Plan war nicht gegen Pogacar zu kämpfen, sondern Zeit auf anderer Podiumskandidaten herauszuholen. Wir wollten mit Felix am zweiten Anstieg etwas probieren“, sagte etwa Cyril Dressel, der Sportliche Leiter des französischen Teams, über die angriffslustige Herangehensweise seiner Mannschaft. Der Rückstand von 1:11 Minuten auf Mas bedeutet, dass Gall weiterhin attackieren muss. Beide zeigten sich bergauf auf einem ähnlichen Level, auf der 6. Etappe war Mas stärker, zwei Tage später konnte Gall den Spanier abhängen. Die Kontrahenten kämpfen wie vorher gegeneinander - nur geht es jetzt um den Sieg, nicht mehr um Platz zwei.

Daneben beeinflusst Pogacars Ausscheiden auch den Kampf um das Grüne Trikot und das Bergtrikot. “Ohne ihn wird es jetzt anders. Ich war bereit gegen ihn und andere bis Granada zu kämpfen“, sagte Wout van Aert (Visma – Lease a Bike), der ohne Pogacar mit einem Vorsprung von 57 Punkten auf Teamkollege Matthew Brennan aufatmen kann.

Im Kampf um das Bergtrikot sind die Karten komplett neu gemischt. Andreas Leknessund (Uno-X Mobility) trägt das Gepunktete Trikot ab Sonntag erstmals nicht in Vertretung. “Es ist einfach traurig, dass Tadej das Rennen nach seinem Sturz verlassen musste. Ich habe es nicht auf das Trikot abgesehen. Ich denke nicht, dass ich es für das ganze Rennen tragen kann“, sagte der Etappensieger vom Freitag, der nur drei Punkte Vorsprung vor van Aert hat. Der Belgier wird in seinem Streben nach Grün weiterhin versuchen, aus der Gruppe des Tages heraus Punkte zu sammeln. Dabei könnte er jedoch auch Bergpunkte sammeln und hat somit in zwei Sonderwertungen Chancen. Gleichzeitig sind die Abstände auch hinter van Aert noch nicht sonderlich groß.

Wie macht UAE ohne ihren unangefochtenen Kapitän weiter?

Das Bergtrikot könnte auch in der weiteren Strategie von Pogacars UAE-Team eine Rolle spielen, die sich ohne ihren GC-Kapitän neu ausrichten muss. “Es ist natürlich ein schwerer Moment, aber es sollte auch Motivation für das Team geben“, versuchte der sportliche Leiter von UAE, Matxin Fernández, optimistisch zu bleiben. “Tadej hat natürlich viele Siege geholt. Aber das Team kann auch ohne ihn Siege holen.“ Jay Vine und Pablo Torres zeigten zuletzt auf der 6. Etappe ihre gute Form, als sie Pogacars Attacke vor dem Gravel-Anstieg vorbereiteten.

Beide spielen im Gesamtklassement zwar keine Rolle, haben aber künftig in den Ausreißergruppen gute Chancen auf Tagessiege. Vine gewann zudem bei den vergangenen zwei Spanien-Rundfahrten das Bergtrikot und könnte einen Hattrick anpeilen. Joao Almeida schien im bisherigen Rennverlauf nicht in Form zu sein. Doch auch der Portugiese wäre vor allem auf den schweren Bergetappen der letzten Woche eine Option auf Etappensiege. Das Team aus den Emiraten zeigte in den vergangenen Jahren immer wieder, dass sie eine Grand Tour auch ohne einen GC-Ambitionen erfolgreich gestalten konnten.

Der Ausfall von Tadej Pogacar wirft auf jeden Fall viele Fragen auf. “Ich glaube, es wird jetzt ein anderes Rennen“, sagte auch Oscar Onley (Netcompany – Ineos), dessen Weißes Trikot als einziges Sondertrikot nicht beeinflusst wurde. “Alles wird offener sein. Aber meine Ziele ändern sich nicht und auch nicht die Leute, gegen die ich fahre. Aber für die Ausreißer ergeben sich so vielleicht Möglichkeiten auf Etappensiege.“ Einige dieser Fragen und Vermutungen werden möglicherweise bereits am Sonntag beantwortet werden.

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