Favoritencheck nach erstem Härtetest

Thomas im Kampf um Toursieg voll da! Bardet schon weg?

Von Joachim Logisch von der Planche des Belles Filles

Foto zu dem Text "Thomas im Kampf um Toursieg voll da! Bardet schon weg?"
Geraint Thomas (Ineos) attackiert im Schlussanstieg der 6. Tour-Etappe | Foto: Cor Vos

12.07.2019  |  (rsn) - Der erste Härtetest der 106. Tour de France ist abgehakt. Die gestrige 6. Etappe von Mülhausen über den bis zu 24 Prozent steilen Schlussanstieg zur Planche des Belles Filles gab einige zarte Hinweise auf die möglichen Hauptdarsteller im Kampf um den Toursieg. Ziemlich sicher dürfte das Orakel, dass derjenige die Frankreich-Rundfahrt gewinnt, der auf der Planche Gelb trägt, diesmal nicht Recht behalten. Denn Giulio Ciccone (Trek – Segafredo) traut man dieses Husarenstück (noch) nicht zu, zumal er aus einer Ausreißergruppe heraus gewann.

Wichtigste Erkenntnis des Tages ist, dass mit Geraint Thomas (Ineos) wieder zu rechnen ist. Der Titelverteidiger konnte Zeit auf seine größten Konkurrenten gut machen. Auch wenn es nur wenige Sekunden waren, zeigte es, dass Thomas in Topform ist. Das war nach den Leistungen im Frühjahr und dem Sturz bei der Tour de Suisse nicht unbedingt zu erwarten zumal der Waliser zugegeben hatte, nach seinem Toursieg das Leben genossen zu haben .

Im Ziel lag der 33-Jährige als Vierter zwei Sekunden vor Thibaut Pinot (Groupama - FDJ), sieben vor Nairo Quintana (Movistar) sowie jeweils neun vor Jakob Fuglsang (Astana), Mikel Landa (Movistar) und Richie Porte (Trek – Segafredo).

Alle Favoriten versuchten, den Abständen keine Bedeutung beizumessen. Ob sie besser drauf sind und Thomas schlagen können, müssen sie beweisen. Der konnte jedenfalls einen ersten kleinen Vorteil verbuchen. "Ich habe mich ziemlich gut gefühlt. Als Movistar beschleunigte und Valverde fuhr, wurde es recht schnell. Ich war etwas unsicher, da so steilen Anstiege nicht mein Ding sind", sagte der Ineos-Kapitän.

Thomas: "Das war ein guter Tag"

Diesmal stellten sie wohl kein Problem für ihn da, eher wohl für seine größten Gegner. "Ich war mir nur unsicher, ob Richie Porte, Nairo Quintana und offensichtlich auch Egan Bernal dort attackieren würden. Ich hatte meine Befürchtungen. Aber es war am Ende ein guter Tag", fügte Thomas an.

Auch sein Edelhelfer Michal Kwiatkowski musste sich an der Planche strecken. "Es war sehr schwierig, beim letzten Anstieg vorne zu fahren, wenn man bedenkt, wie Movistar beim vorletzten und auch beim letzten Anstieg gefahren ist. Wenn Fahrer wie Alejandro Valverde an der Spitze ziehen, ist dies ein Beweis dafür, dass es kein einfacher Tag ist. Als Landa angegriffen hat, habe ich versucht, die Lücke zu halten", beschrieb er die Helferdienste für seinen Kapitän, um dann zufrieden festzustellen: "Ich konnte im Fernsehen sehen, dass G (Geraint Thomas, d. Red.) sehr gut abschneidet, Egan (Bernal) ebenso! Der Kampf gegen Alaphilippe ist keine leichte Sache und zeigt G's sehr gute Form. Das ist das wichtigste." Kwiatkowskis Fazit: "Es war eine der schwierigsten Etappen der diesjährigen Tour de France und der erste GC-Checkpoint, den wir durchlaufen haben. I’m happy. "

Pinot: "Ich bin zufrieden"

Das war auch der Etappenfünfte Pinot (im Gesamtklassement neun Sekunden hinter Thomas): "Ich bin mit dem heutigen Tag zufrieden. Das Team hat einen großartigen Job gemacht. Ich bin mein Rennen gefahren und war bei den Besten dabei", sagte der Franzose, der in der Nähe lebt, nach seinem Heimspiel. "Der Tagessieg ist nicht herausgesprungen, aber ich bin glücklich. Man darf sich nicht falsche Ziele setzen und sich übernehmen, bloß weil es die Planche des Belles Filles ist." Mit dem Orakel des späteren Toursiegers, meinte er wohl.Dabei durfte Pinot auch mit der Vorstellung seines Teams zufrieden gewesen sein, das im oberen Teil des Schlussanstiegs für Tempo gesorgte hatte

Quintana: "Dieser Anstieg war sehr steil und für andere geeignet"

Viel Arbeit hatte Movistar in den Bergen geleistet. Das Team von Nairo Quintana (+0:52 auf das Gelbe Trikot) und Mikel Landa (+0:54) hoffte, die Konkurrenten an die Grenze bringen zu können, damit Quintana seine Stärke im Schlussanstieg ausspielen kann. Doch seine Qualität liegt eher in langen schweren Anstiegen und nicht in bis zu 24 Prozent steilen Passagen.

"Wir sind reine Kletterer, aber dieser Aufstieg war sehr steil und eher für andere Arten von Finisher geeignet", erklärte Quintana, der aber trotz kleinem Rückstand feststellte: "Wir haben als Team gute Arbeit geleistet und sozusagen unser Ziel erreicht, keine Zeitverluste einzustecken. Die erste Bergetappe ist immer schwer zu bewältigen, man muss die Beine an das neue Tempo und die neue Ausrüstung anpassen. Unsere Rivalen waren immer noch sehr frisch. Das machte es schwierig, signifikante Lücken zu reißen. Wir müssen es in den nächsten Tagen weiter versuchen", kündigte er an.

Landa: "Ich bin da, wo ich sein will"

Ein starken Eindruck hinterließ Movistars Co-Kapitän Mikel Landa, der eine bemerkenswerte Attacke hinlegte und am gerade erst enteilten Warren Barguil (Arkea – Samsic) quasi vorbeiflig, dann aber auch wieder eingeholt wurde. "Es war die erste Bergetappe, ich hatte gute Beine und wollte das bestätigen, um zu sehen, ob unsere Konkurrenten das Tempo auch noch steigern können", erklärte der Spanier, der aber nicht durchzog, um ein paar Körner fürs Finale zu schonen, wie er zugab.

Doch sein Leistungstest verlief wie gewünscht. Landa: "Das Gefühl nach der Etappe ist gut. Auch wenn Thomas uns ein paar Sekunden aufgezwungen hat, bin ich genau dort, wo ich an diesem Punkt des Rennens sein wollte.Ich denke, wir können die nächsten Bergetappen mit guten Hoffnungen in Angriff nehmen."

Porte: "Es war schrecklich"

Obwohl er auch nur zwei Sekunden auf Thomas verlor, hatte Richie Porte (Trek – Segafredo/+1:07), der Kapitän den neuen Spitzenreiters Giulio Ciccone, an diesem Tag nicht viel Spaß. "Es war schrecklich“, beantwortete der Australier die Frage eines  NBCSN-Reporters. Gegenüber cyclingnews.com meinte er dann aber: "Ich bin nicht allzu weit weg. Ich war zufrieden mit dem Ziel, die Dinge sind also gut."

Fuglsang: "Für mich war es in Ordnung"

Das gleiche Fazit zog auch Jakob Fuglsang (Astana / +1:19): "Ich denke, dass ich mich heute sehr darüber freuen kann. Ich war bis zum Finale vorne. Als Julian Alaphilippe ging, war ich vielleicht ein bisschen weniger gut platziert. Aber er griff sehr stark an und ich hatte auf dem Kies schon zu kämpfen, um einige andere Fahrer zu überholen, die ich auch auf den letzten Metern erwischt habe", sagte der Däne, der nach seinem Sturz zu Tour-Beginn wieder in Schwung kommt. "Es war ein super hartes Finale und eines, das mir normalerweise nicht so gut passt, also war es für mich ganz in Ordnung."

Wie für alle galt auch für Fuglsang, nicht schon in der ersten Bergetappe die Tour zu verlieren. "Ich habe einige Zeit auf Geraint Thomas und Thibaut Pinot verloren, aber ich bin ziemlich zufrieden. Der Tag war am Ende nicht so schwierig, wie ich dachte, das Gefühl war heute besser, also läuft alles in die richtige Richtung. Hoffentlich bin ich beim nächsten Mal in den Bergen wieder zu 100% bereit, meine Gegner herauszufordern!", so der Dauphiné-Gewinner.

Kruijswijk: "Ich bin auf dem Kiesteil eingebrochen"

Mit gemischten Gefühlen beendete dagegen Steven Kruisjwijk (Jumbo – Visma/+1:04) den ersten Leistungstest dieser 106. Tour de France: "Ich bin auf dem Kiesteil eingebrochen. Es ging heute nur darum, den Schaden in Grenzen zu halten. Julian Alaphilippe wurde perfekt von seinem Team in Szene gesetzt. Als er attackiert hat, wusste ich, dass ich nicht folgen kann", sagte der Niederländer, der vom dritten auf den achten Gesamtrang zurückfiel.

Bardet schon raus?

Am schlimmsten aus der Gruppe der Favoriten erwischte es Romain Bardet (AG2R), der im Schlussanstieg mit Problemen zu kämpfen hatte. Bezeichnend, dass ihm auf der Ziellinie die Kette heruntersprang und er zunächst hilflos versuchte, noch vorwärts zu kommen. Am Ende verlor der Franzose 1:09 Minuten auf Thomas.

In der Gesamtwertung liegt er nun schon 2:09 Minuten hinter dem Waliser und fast drei Minuten hinter dem Gelben Trikot. Das ist kaum noch aufzuholen, auch wenn die Tour noch lang ist.

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