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28.05.2021 | (rsn) - Eine Karriere geht zu Ende. Am Sonntag endet mit der letzten Etappe des Giro d’Italia auch die 16-jährige Profikarriere von Paul Martens. "Man muss auch noch meine zehn Jahre als Amateur dazurechnen, so lange bin ich schon dabei", sagte Martens radsport-news.com.
Den Entschluss zum Aufhören hatte der Jumbo-Visma-Profi schon früher gefasst. "Es war schon nach dem Giro 2019 klar, dass ich Ende 2020 aufhören möchte. Dann kam die Pandemie dazwischen. Ich habe meine Ardennenklassiker nicht so fahren können, wie ich wollte. Die ganze Saison war ja unsicher, ob wir überhaupt noch Rennen fahren. Und da habe ich gefragt, ob ich verlängern darf. Das Team hatte aber schon gewisse Planungen gehabt, so dass der Kompromiss dann ein halbes Jahr war."
Auch das macht Martens nun nicht komplett voll. Der Giro, seine insgesamt zwölfte Grand Tour, bildet den Abschluss. Fein säuberlich aufgeteilt ist Martens' Grand Tour-Statistik übrigens, je vier Mal war er bei Tour, Giro und Vuelta am Start. Er erlebte dabei Alberto Contador als Gesamtsieger, Chris Froome, Vincenzo Nibali, Alejandro Valverde und Richard Carapaz. Er war auch selbst am Vueltasieg 2020 seines Teamkollegen Primoz Roglic beteiligt. "Das war überhaupt das Schöne in den letzten Jahren: Ich konnte sehen, wie sich junge Rennfahrer entwickeln wie Primoz Roglic und Dylan Groenewegen. Das hat viel Freude gemacht."
Auch auf diesen Giro blickt der 37-Jährige mit einer positiven Grundstimmung, obwohl es mit den Teamzielen nicht so ganz geklappt hat. Der erhoffte Etappensieg von Rückkehrer Dylan Groenewegen fiel aus. Und aus dem Kampf um das Podium verabschiedete sich George Bennett frühzeitig. "Man muss das gründlich analysieren. Ich denke aber, das kalte und nasse Wetter hat ihm zugesetzt, hat einfach seinen Körper blockiert", erklärt sich Martens die schlechte Performance seines Kapitäns.
"Möchte die Nadel in die Blase stecken und gucken, was da sonst noch ist"
Selbst hat der gebürtige Rostocker es vor allem genossen, wieder mit Publikum fahren zu können. "Ich merke, wie ich das vermisst habe", erzählte er. Besonders die Berge hochzufahren bereitete ihm beim Giro dank des Zuspruchs wieder viel Freude, selbst wenn ihm dabei die Atemluft der Fans gelegentlich doch zu nahe kam.
Weiter im Radsport bleiben will der Noch-Road-Captain von Jumbo Visma erst einmal nicht. "Vielleicht in der Zukunft, aber im Moment ist noch nichts geplant. Ich will erst einmal genug Abstand davon nehmen", sagte er.
Abstand von der Radsportblase vor allem, und die Welt jenseits davon erkunden. "Man spricht ja jetzt viel von der Bubble. Ich lebe jetzt seit meinem zwölften Lebensjahr in dieser Blase und möchte das endlich mal vergrößern. Ich möchte die Nadel reinstecken und gucken, was da sonst noch ist."
Bald ein vorzüglicher Fußballer und Trampolinspringer?
Wer jetzt Weltreisen vermutet oder ausgefallene Hobbys, liegt bei dem ohnehin schon weitgereisten Noch-Profi allerdings grundfalsch. Die Familie hat jetzt oberste Priorität. "Es hat mir immer mehr wehgetan, nein sagen zu müssen bei ganz einfachen Sachen wie Fußball spielen zwei Tage vor einem Radrennen oder aufs Trampolin gehen nah einem harten Training. Natürlich, andere Väter müssen auch nein sagen. Aber ich fühle mich ja noch jung. Und wenn ich solche Sachen nicht machen kann, dann ist das ok, wenn man wirklich hohe Ziele hat. Aber für mich war es irgendwann so, dass ich nur noch Helfer bin ohne eigene Ambitionen und dann für die Ambitionen anderer den eigenen Kindern nein sagen zu müssen, hat sich irgendwann komisch angefühlt."
Ab Montag können sich seine Kinder Alena und Leon also auf einen sehr ausdauernden Gefährten bei Fußball und Trampolinspringen gefasst machen.
Abraten von einer Radsportkarriere würde Martens trotz allen Verzichts aber Jungen und Mädchen, die das wirklich anstreben, keineswegs. "Entbehrungen machen den Menschen", sagte er ganz deutlich. "Ich bin definitiv ein Befürworter dafür , sich hohe Ziele zu stellen und alles andere dafür liegen zu lassen, sei es Radsport oder Geige spielen. Beim Radsport habe ich deswegen etwas Bedenken, weil der Verkehr so zugenommen hat und jedes Training zu einer großen Risikoangelegenheit geworden ist. Bei meinen eigenen Kindern bin ich jetzt nicht so der Pusher, der sagt: ‚Geht bitte in einen Radsportverein.‘"
2013 war sein persönlich erfolgreichstes Jahr
Auf seine eigene Karriere blickt Martens entspannt zurück. Er kann sich an großen Momenten wie dem Vueltasieg von Roglic erfreuen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team wird er auch vermissen. "Aber irgendwann ist alles eben mal zu Ende", sagte er sachlich. Gut verzichten kann er auf Kälteeinbrüche bei Rennen wie dem Giro. "Die Tage in der Kälte waren für mich immer sehr schlimm, wenn sich dann der innere Schweinehund meldet. Das ist eine extrem laute Stimme, die man bekämpfen muss", erzählte er. Und man stellt sich dieses Geschrei, das auch bei diesem Giro mitunter recht groß gewesen sein muss, geradezu bildlich vor. Die Stürze, die er gesehen und auch selbst mitgemacht hat, zählt Martens ebenfalls zur schlechteren Seite der Bilanz.
2013 war sportlich sein bestes Jahr. Da war er in der Weltrangliste mal auf einem zweistelligen Platz, holte 526 UCI-Punkte, unter anderem durch den Gewinn der Luxemburg-Rundfahrt und einen Etappensieg bei der Algarve-Rundfahrt. Beim Giro sprang in jenem Jahr ein dritter Etappenplatz heraus, hinter John Degenkolb im Übrigen. Zu den Geschlagenen zählten Elia Viviani und Nacer Bouhanni. Eine gewisse Endschnelligkeit brachte der frühere Bahnfahrer in jungen Jahren also definitiv mit. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich erst zu einem verlässlichen Helfer und zuletzt zum Road Captain, der auf der Straße die Renntaktiken mitorganisiert. Damit ist schon am Samstag Schluss. Am Sonntag, zum Einzelzeitfahren, braucht es keine Teamtaktik mehr. Und nur für den jungen Norweger Tobias Foss könnte es noch um Einiges gehen.
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