Teamchef von P&S Benotti im Interview

Wackernagel: “Können jetzt kritische Momente besser angehen“

Von Christoph Adamietz

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Lars Wackernagel (P&S Benotti) | Foto: Mario Stiehl

12.01.2022  |  (rsn) - Wie in den vergangenen Jahren haben wir auch in diesem Winter die Teamchefs und Sportlichen Leiter der deutschen Kontinental-Teams befragt. Wie lief es in der Vorsaison, welche personellen Veränderungen gab es und wie lauten die Ziele für die kommende Saison? Im zweiten Teil stellt sich Lars Wackernagel, Teamchef von P&S Benotti, unseren Fragen.

Wie fällt die Saisonbilanz 2021 aus?
Wackernagel: Es war eine besondere, so noch nie dagewesene Saison. Es war ein wichtiger Test für uns alle, wie es geht, sich aus einer Krise heraus zu bringen und stark zurückzukommen.

Im letzten Jahr lief es zum Saisonstart sehr schleppend, im Sommer (zu empfehlen: Die Video-Dokumentation zum Sieg bei der Bulgarien-Rundfahrt) dann nahezu perfekt. Wie erklären Sie sich das?
Wackernagel: Es gab einen Zeitraum letztes Jahr, in dem wir uns zurückgezogen und gemeinsam versucht haben, die Ursachen zu beleuchten. Ich machte den Jungs erstmal klar, dass es nicht die Zeit war, einfach nur durchzuhalten und auf bessere Zeiten zu hoffen. Es war vielmehr der Zeitpunkt, wo sich jeder von uns reflektieren konnte. Es gab erstmal nichts zu verlieren und ich habe uns die Zeit dafür gegeben. Wir sind schlecht gefahren, das war Fakt. Aber jeder wusste, dass die physische Beschaffenheit gut war. Also was war los? Wir haben dann angefangen, den Druck zu beleuchten, mögliche Ängste jedes einzelnen. Es sind wirklich interessante Dinge ans Tageslicht gekommen. Wir konnten beginnen, gut zu arbeiten, aber mehr im Kopf als auf dem Rad. Irgendwann waren wir bereit.

Die Geduld zahlte sich also aus?
Wackernagel: Ja. Wir haben wieder Selbstvertrauen geschöpft und wussten, was zu tun war. Siege kann man nicht backen, aber man kann das Erlernte versuchen anzuwenden. Wir hatten ein wirklich schwieriges Jahr 2021. Ich würde meinen, es war sogar schwieriger als das Coronajahr 2020, wo es erst im August mit Rennen für uns los ging. Rückwirkend betrachtet, hat uns das vergangene Jahr als Team so sehr zusammengeführt, dass wir kritische Momente, die immer wieder kommen werden, besser angehen können. Nichts ist nur heller Sonnenschein, aber auch wenn die Sonne nicht scheint, gibt es einen guten, sachlichen Weg…

Zur Saison 2022 wird aus P&S Metalltechnik das Team P&S Benotti. Was sind die Gründe dafür?
Wackernagel: Die ersten Gespräche dazu liefen zur Deutschland Tour. Die Idee von Seiten unseres Radsponsors Benotti, dem Team noch etwas näeher zu kommen, war sehr ernst zu nehmen. Auch unser Hauptsponsor P&S Metalltechnik hat große Bereitschaft gezeigt, einen Teil des bisherigen Teamnamens abzugeben. Für uns alle ist dies ein großer Schritt, eine große Verantwortung für uns.

Was hat sich im Winter sonst im strukturellen Bereich noch getan?
Wackernagel: Es sind neue Partner dazu gekommen. Mit Wahoo haben wir einen Partner gefunden, der uns sehr gut mit seiner Hardware unterstützt und sich innerhalb kürzester Zeit als äußerst verlässlich erwiesen hat. Im Bereich Helme/Brillen ist Rudy Project dazu kommen. Selgros Cash & Carry Markt Erfurt wird sich im Radsport arrangieren und das Team finanziell und auch mit seinen Produkten unterstützen. Der neue Teamname ist ein klares Zeichen und das gilt es weiter gut zu transportieren. Insgesamt sind wir aber auch sehr dankbar dafür, dass unsere Sponsoren immer zu uns stehen und uns weiter unterstützen. Sie sind mehr als nur reine Sponsoren. Sie finden auch in schwierigen Zeiten immer wieder motivierende Worte und freuen sich mit uns, wenn wir gute Rennen fahren oder gar gewinnen. Im Bereich Material werden wir uns durch das Einführen der Disc-Bremsen komplett umstellen. Wir konnten das 2021 schon ausgiebig testen und mit Benotti zusammen viele Erfahrungen sammeln.

Wie wird sich der Kader zur neuen Saison verändern?
Wackernagel: Unser Oldie Robert Retschke wird einen Gang zurückschalten und das Radfahren mehr zum Spaß betreiben. Robert Jägeler wird sich seiner Arbeit als Polizist widmen und so keine Zeit mehr finden, auf solch hohem Level Rad zu fahren. Kommen werden dafür Jannis Peter (von rad net – Rose), Jakob Schmidt und Eric Lutter. Sie alle werden die U23-Fraktion verstärken. Weitere Neuzugänge sind noch in Planung, so dass wir mit maximal 13 Fahrern die Saison 2022 bestreiten werden.

Mit welchem Neuzugang verbinden Sie die größten Hoffnungen?
Wackernagel: Jannis Peter ist ein Fahrer, der sich in der Saiosn 2021 speziell bei der Deutschland Tour durch eine aggressive Fahrweise in den Fokus gerückt hat. Auch ein guter vierter Platz bei der Zeitfahr-DM der U23 lässt hoffen, dass in dieser Disziplin bei ihm noch mehr geht. Ich glaube, wir werden viel von ihm sehen. Er ist ein guter Typ, der hier reinpasst.

Und welcher Abgang schmerzt am meisten?
Wackernagel: Der Abgang von Robert Jägeler ist für uns alle etwas schwierig und muss gut ersetzt werden. Er ist ein Mann der ersten Stunde – von Anfang an dabei, bei allen Höhen und Tiefen. Er und Robert Retschke werden aber dem Team weiterhin verbunden bleiben.

Wie soll diese Verbundenheit aussehen?
Wackernagel: Beide möchten sich gerne als Sportliche Leiter ausprobieren. Wir schauen, wie das läuft und wo wir sie einsetzen können. Ich selbst bin weiterhin hoch motiviert, als Sportlicher Leiter zu arbeiten, aber es macht auch öfter Sinn, bei manchen Rennen zu Zweit vor Ort zu sein. Und gerne lasse ich die Jungs auch mal alleine mit den beiden Roberts los. Wir lassen das aber alles auf uns zukommen.

Kontinental-Teams dienen auch als Sprungbrett zu den großen Profiteams. Welchem Fahrer trauen Sie diesen Sprung zu?
Wackernagel: Tom Lindner hat 2021 angedeutet, dass mit ihm zu rechnen ist und dass er den Sprung schaffen kann. Das gilt aber auch für Tobias Nolde, Dominik Röber, Michel Aschenbrenner und Jannis Peter. Und dann gibt es immer noch die eine oder andere Überraschung.

Wann und wo wird das Team in die Saison einsteigen? Was sind die voraussichtlichen Highlights im Rennkalender?
Wackernagel: Wir werden wieder bei den Rennen Anfang März in Kroatien in die Saison einsteigen. Weitere gute Rennen in Polen, Luxemburg und Tschechien bilden ein gutes Fundament für Größeres. Wir hoffen sehr auf die Termine der Rad-Bundesliga. Diese soll schon am 27. März in Bruchsal starten. Das wäre wirklich gut. Ein schweres Rennen bei vielleicht noch nicht so guten Wetterbedingungen sorgt sicher für Spannung. Das Highlight für alle KT-Teams wird wieder die Deutschland Tour sein. Wir durften zwei Mal daran teilnehmen und ist für die Entwicklung eines jeden Fahrers wichtig, ab und an mit den "dicken Jungs" um die Wette zu fahren.

Welche sportlichen Ziele hat Ihr Team?
Wackernagel: Das erste Minimalziel wird sein, sich beim ersten Bundesligarennen in Bruchsal gut zu präsentieren. Wir wollen an die Erfolge von 2021 anknüpfen und vor allen Dingen wollen wir uns weiter entwickeln, weiter jungen Fahrern helfen, da vorne reinzufahren. Es gibt noch genügend Bereiche, die es zu verbessern gilt.

Rad-Bundesliga oder internationale Renneinsätze -  worauf wird das Team den Schwerpunkt legen?
Wackernagel: Die Rad-Bundesliga ist einfach wichtig, um den Nachwuchs und den Radsport an sich in Deutschland weiter zu entwickeln. Jedes Rennen, das hier in Deutschland stattfinden kann, sollte man mit Präsenz würdigen. Wenn heute ein Veranstalter sich dazu entscheidet, ein Rennen in Deutschland zu organisieren, wissen wir alle, was dies unter Corona-Auflagen bedeutet. Das ist eine wirkliche Mammutaufgabe. Ich kann den Veranstaltern immer wieder nur meinen Respekt zollen. Internationale Rennen und gute Ergebnisse bei diesen Wettbewerben sind für die Entwicklung natürlich auch von großer Bedeutung und entsprechend werden wir auch häufig an diesen Rennen teilnehmen.

Trauen Sie Ihrem Team zu, dass es die Saison 2021 noch toppen kann?
Wackernagel: Wir fangen von vorne an und werden uns alles wieder neu erarbeiten. Das Gelernte von 2021 gilt es anzuwenden. Wir sind uns sicher, dass der Radsportgott wieder schöne, aber auch schwierige Momente für uns bereithalten wird. Es warten schöne Rennen auf uns, bei denen Siege und Spitzenplatzierungen vergeben werden. Da wollen wir einfach dabei sein.

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